Unbemerkte Atemstörungen bei ME/CFS erklären PEM

Unbemerkte Atemstörungen bei ME/CFS erklären PEM

Kommentare

6 Minuten

Neue Forschung legt nahe, dass viele Menschen mit chronischem Erschöpfungssyndrom (CFS) unerkannte Atemstörungen haben, die Erschöpfung und kognitive Beeinträchtigungen verstärken und die schweren Symptomausbrüche nach Belastung erklären könnten, die als postexertionale Malaise bekannt sind.

Wissenschaftler haben festgestellt, dass ein Großteil der Betroffenen des chronischen Erschöpfungssyndroms auch mit verborgenen Problemen der Atmung konfrontiert ist. Diese Auffälligkeiten können die Müdigkeit verstärken und teilweise erklären, warum Symptome nach körperlicher oder geistiger Anstrengung deutlich schlechter werden.

Aufdeckung eines stillen Mitwirkenden bei chronischer Erschöpfung

Das chronische Erschöpfungssyndrom — auch bekannt als Myalgische Enzephalomyelitis (ME/CFS) — führt bei vielen Patientinnen und Patienten zu tiefer Müdigkeit, geistiger Vernebelung und einer Verschlechterung des Zustands selbst nach vergleichsweise geringen physischen oder kognitiven Belastungen. Während Immun-, Stoffwechsel- und autonome Faktoren in der Forschung bisher besonders beachtet wurden, weist die aktuelle Studie auf ein grundsätzlicheres physiologisches Problem hin: gestörte Atemmuster und Phasen von Hyperventilation, die von den Betroffenen häufig nicht bewusst wahrgenommen werden.

Die Untersuchung, geleitet von Forschenden der Icahn School of Medicine, analysierte Atemmuster sowie kardiopulmonale Reaktionen bei Personen mit CFS und bei gesunden Kontrollpersonen. Das Team fand heraus, dass abnorme Atmung bei CFS häufig ist und womöglich mit Dysautonomie verknüpft sein kann — also einer Störung des autonomen Nervensystems, das Herzfrequenz, Gefäßtonus und andere unwillkürliche Funktionen steuert.

Wie die Studie Atmung und Belastung prüfte

Um den Zusammenhang zu untersuchen, rekrutierten die Forschenden 57 Personen mit gesicherter Diagnose eines chronischen Erschöpfungssyndroms sowie 25 alters- und aktivitätsangepasste gesunde Freiwillige. Alle Teilnehmenden absolvierten an zwei aufeinanderfolgenden Tagen einen kardiopulmonalen Belastungstest (CPET) — ein etabliertes, anspruchsvolles Verfahren, um zu beurteilen, wie Herz, Lunge und Muskulatur auf Belastung reagieren. Während der Tests wurden Herzfrequenz, Blutdruck, Sauerstoffaufnahme (inklusive des Spitzenwerts VO2), Effizienz der Sauerstoffextraktion, Atemfrequenz, Atemmuster und das end-tidale CO2 (ein Indikator dafür, wie viel CO2 ausgeatmet wird) kontinuierlich erfasst.

Der CPET erlaubt nicht nur die Identifikation häufiger Ursachen von Luftnot und Leistungseinbußen, sondern zeigt auch charakteristische Muster, die für eine gestörte Atmung sprechen: schnelles oder flaches Atmen, häufige tiefe Seufzer, brustdominierte Atmung ohne effiziente Zwerchfellnutzung oder eine mangelnde Koordination zwischen Bauch- und Brustbewegungen. Solche Muster sind oft dynamisch und können sich während Belastung verschärfen, was die Messung an mehreren Tagen besonders aussagekräftig macht.

Was die Forschenden fanden — und warum es relevant ist

Die maximale Sauerstoffaufnahme (VO2 max) war in beiden Gruppen ähnlich — das heißt, die aerobe Leistungsfähigkeit allein erklärte die Symptome nicht. Auffällig war jedoch, dass Atmungsauffälligkeiten in der CFS-Gruppe deutlich häufiger auftraten: 71 % zeigten Zeichen für gestörte Atmung, Hyperventilation oder eine Kombination beider Phänomene. Fast die Hälfte der CFS-Teilnehmenden wies während der Tests unregelmäßige Atemmuster auf, verglichen mit lediglich vier Personen in der Kontrollgruppe. Etwa ein Drittel zeigte Muster, die als Hyperventilation klassifiziert wurden, während dies nur bei einer Kontrollperson der Fall war. Neun Personen mit CFS erlebten gleichzeitig gestörte Atemmechanik und Hyperventilation — eine Kombination, die bei gesunden Probanden nicht beobachtet wurde.

Warum ist das bedeutsam? Sowohl gestörte Atemmuster als auch Hyperventilation können Schwindel, Luftnot, Herzklopfen, Thoraxbeschwerden, Konzentrationsschwierigkeiten und anhaltende Erschöpfung verursachen — Symptome, die ME/CFS entweder nachahmen oder verstärken. Wenn Atemsteuerung und autonome Regulation gemeinsam gestört sind, kann dies zusätzlich zu einer postexertionalen Verschlechterung beitragen, also jener charakteristischen, oft langanhaltenden Verschlimmerung nach Belastung.

Die Forschenden schlagen einen plausiblen Mechanismus vor: Dysautonomie — die bei ME/CFS häufig als orthostatische Intoleranz (Verschlechterung im aufrechten Stand) vorkommt — kann die Herzfrequenz erhöhen und unregelmäßige, beschleunigte Atmung auslösen. Dieser Kaskadenmechanismus kann sich selbst verstärken und so die Symptomlast vergrößern, anstatt sie zu mindern. Auf zellulärer Ebene könnten dabei Veränderungen in der CO2-Konzentration, eine respiratorisch bedingte Alkalose und damit verbundene Gefäßreaktionen und verminderte zerebrale Perfusion eine Rolle spielen, was die kognitive Beeinträchtigung ("Brain Fog") erklären würde.

Atemphysiotherapie und risikoarme Interventionsoptionen

Obwohl weiterführende Studien nötig sind, bevor groß angelegte klinische Empfehlungen ausgesprochen werden können, deuten die Ergebnisse auf praktische, risikoarme Strategien hin, die einigen Betroffenen helfen könnten. Vorgeschlagene Maßnahmen umfassen strukturiertes Atemtraining (wie es in der Atemphysiotherapie angewendet wird), sanfte, atemzentrierte Konditionierung wie Schwimmen, Yoga oder Tai Chi, sowie Biofeedback-Verfahren, die das ausgeatmete CO2 (Kapnographie) überwachen, um bei Hyperventilation langsameres, gezieltes Atmen zu unterstützen.

Konkrete Atemtechniken, die in der Praxis getestet werden könnten, sind zum Beispiel das Zwerchfell- oder Bauchatmen, langsame, gespannte Ausatmung (Paced Respiration), die Reduktion übermäßiger Seufzer und das Training der Nasenatmung. Zusätzlich kann Atemtraining kombiniert werden mit orthostatischen Trainingsmaßnahmen, Pacing-Strategien zur Belastungsdosierung und physiotherapeutischer Begleitung, um eine allmähliche Wiederintegration von Aktivität zu ermöglichen, ohne postexertionale Verschlechterungen zu provozieren.

Dr. Benjamin Natelson, Seniorautor der Studie, bemerkte, dass die Identifikation von Atmungsauffälligkeiten einen neuen Weg für Interventionsstudien zur Symptomreduktion eröffnet. Dr. Donna Mancini, Erstautorin, betonte, dass gestörte Atmung auch in Ruhe auftreten und von Patientinnen und Patienten oft nicht bemerkt werden kann — daher sei eine sorgfältige klinische Bewertung notwendig. Zusätzlich empfiehlt sich die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Pneumologie, Kardiologie, Neurologie, Physiotherapie und spezialisierten ME/CFS-Zentren, um individualisierte Behandlungspläne zu entwickeln.

Was Klinikerinnen, Kliniker und Betroffene wissen sollten

  • Assessment: Erwägen Sie bei unerklärter Fatigue oder postexertionaler Verschlechterung das Screening auf gestörte Atmung, insbesondere wenn orthostatische Symptome vorhanden sind.
  • Diagnostik: Der kardiopulmonale Belastungstest (CPET) und einfache Messungen des end-tidalen oder ausgeatmeten CO2 können helfen, Hyperventilation von anderen Ursachen der Luftnot zu unterscheiden. Ergänzende Tests können eine orthostatische Messung (KIP oder passive Tilt-Table), Blutgasanalyse und standardisierte Atemmusteranalysen umfassen.
  • Therapieoptionen: Atemtraining, pacierte Atmung, yoga-basierte Übungen, durch Physiotherapie geleitete Zwerchfellarbeit und gestufte körperliche Aktivierung mit Fokus auf Atemkontrolle sind sinnvolle Ansätze, die in klinischen Studien weiter untersucht werden sollten.

Fachliche Einschätzung

„Die Atmung ist ein leicht zugängliches therapeutisches Ziel“, sagt Dr. Rachel Kim, Atemphysiologin und Klinikerin, die nicht an der Studie beteiligt war. „Das gezielte Umlernen der Atemmechanik kann bei manchen Patientinnen und Patienten Symptome lindern und die autonome Balance verbessern — es ist kein Allheilmittel, aber eine kostengünstige, risikoarme Intervention, die in kontrollierten Studien getestet werden sollte.“

Diese Forschungsrichtung betrachtet einen Teil des chronischen Erschöpfungssyndroms als potenziell modifizierbar durch gezielte respiratorische und autonom fokussierte Therapien. Wichtige nächste Schritte sind randomisierte kontrollierte Studien, die prüfen, ob spezifische Atemübungen, Biofeedback oder kombinierte Rehabilitationsprogramme die Häufigkeit und Schwere postexertionaler Verschlechterungen reduzieren und die Alltagsfunktion von Menschen mit ME/CFS verbessern können.

Für die klinische Praxis bedeutet das: Screening und gezielte Ateminterventionen könnten eine ergänzende Option sein, die relativ geringe Risiken birgt und bei einigen Patientinnen und Patienten spürbare Erleichterung bringen kann. Gleichzeitig bleibt hervorzuheben, dass ME/CFS eine heterogene Erkrankung ist — nicht alle Betroffenen werden von Atemtherapie profitieren, daher sind individualisierte Ansätze und sorgfältige Evaluationen essenziell.

Auf Forschungsebene sollten künftige Studien standardisierte Protokolle zur Erfassung gestörter Atmung entwickeln, inklusive definierter Kriterien für Hyperventilation (z. B. based on end-tidal CO2-Schwellen), einheitlicher CPET-Auswertungen und validierter klinischer Endpunkte für postexertionale Malaise. Ebenso notwendig sind längerfristige Follow-ups, um zu klären, ob Ateminterventionen nachhaltige Verbesserungen in der Lebensqualität, der Funktionstoleranz und der kognitiven Leistungsfähigkeit bewirken.

Abschließend: Die Erkenntnis, dass unerkannte Atemstörungen bei vielen ME/CFS-Patientinnen und -Patienten häufig sind und potenziell zu den belastenden Symptomen beitragen, erweitert das Verständnis der Erkrankung. Sie bietet zugleich praxisnahe Ansatzpunkte für Therapieentwicklung und kombiniert klinische wie physiologische Perspektiven — vom Kapnographie-gestützten Biofeedback bis zur integrativen Atemphysiotherapie.

Quelle: scitechdaily

Kommentar hinterlassen

Kommentare