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Seit Jahrzehnten beobachten Astronominnen und Astronomen das wechselhafte Gesicht von Betelgeuse: ein roter Überriese, dessen Helligkeit und Oberflächenstrukturen mit der Zeit wandern. Das öffentliche und fachliche Interesse erreichte einen Höhepunkt im Jahr 2020, als der Stern auffallend abdunkelte und damit neue Untersuchungen der inneren und äußeren Mechanismen auslöste, die seine Variabilität bestimmen. Aktuelle, hochauflösende Beobachtungen liefern nun ein greifbares Indiz dafür, dass ein weiterer Faktor eine Rolle spielt: Ein kompakter Begleitstern scheint binnen der ausgedehnten Atmosphäre von Betelgeuse eine Heckwelle zu erzeugen.
Ein zweigeteilter Rhythmus: Pulsationen und ein langer Zyklus
Die Helligkeitsänderungen von Betelgeuse lassen sich in zwei gut dokumentierte Rhythmen gliedern. Die kurzperiodische Komponente besteht aus Pulsationen mit einer Periode von etwa 400 Tagen, die mit inneren Oszillationen des Sterns zusammenhängen – man kann sich dies bildhaft als Ein- und Ausatmen des Riesen vorstellen. Auf diese Pulsation legt sich eine deutlich langsamere Sekundärschwingung mit einer ungefähren Länge von 2.100 Tagen, deren Ursache Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler seit Langem rätseln.
Für die Erklärung dieser langen Periode wurden verschiedene Mechanismen vorgeschlagen: sehr große konvektive Zellen, periodisch auftretende Staubwolken, magnetische Aktivität oder die Wirkung eines unsichtbaren Begleiters. Jede dieser Erklärungen hat Vor- und Nachteile, und es ist möglich, dass mehrere Prozesse gleichzeitig wirken. Konvektionszellen auf der Oberfläche eines roten Überriesen können enorme Ausmaße erreichen und die lokale Energieabgabe sowie die sichtbare Helligkeit verändern. Episodische Staubbildung in der äußeren Atmosphäre kann Radiativeffekte und damit scheinbare Helligkeitsminderungen hervorrufen, während magnetische Felder die Strömungsmuster und damit die Beobachtungsmerkmale modulieren können. Ein Begleitstern bringt zusätzlich gravitative Wechselwirkungen und gezielten Massentransfer ins Spiel.
Die Kombination aus kurz- und langfristiger Variabilität macht Betelgeuse zu einem idealen Labor für die Untersuchung stellare Pulsation, Konvektion, Staubbildung und möglicher binärer Wechselwirkung. Beobachtungen über verschiedene Wellenlängen hinweg – optisch, infrarot und radio – sind deshalb entscheidend, um die unterschiedlichen Prozesse zu entkoppeln und ihre relativen Beiträge zu bestimmen.
Von Theorie zu direktem Nachweis: Die Entdeckung einer Heckwelle
Neuere hochauflösende Bilder und spektrale Messungen haben nach Aussage der Forscherinnen und Forscher das erste klare Zeichen einer direkten Wechselwirkung sichtbar gemacht: eine Heckwelle, die sich innerhalb der ausgedehnten Atmosphäre von Betelgeuse zieht und zu einem Muster aus Materialauswurf und Gasströmung führt. Diese Struktur ist konsistent mit einem massearmen Begleitstern, der durch die äußeren Schichten des Überriesen dringt oder sich dort bewegt und so Materie aufwühlt.
Physikalisch ähnelt die beobachtete Struktur der Bug- und Heckwelle hinter einem Schiff: Das gravitative und hydrodynamische Einwirken des Begleiters stört die lokale Strömung und generiert eine gestörte Dichte- und Temperaturverteilung. In der Astronomie können solche Wachspuren durch kombinierte Bildgebung und Spektroskopie nachgewiesen werden, wenn die räumliche Auflösung und die Wellenlängenabdeckung ausreichend sind. Anders als frühere Hinweise, die überwiegend auf indirekten Signalen oder numerischen Modellen beruhten, stellt diese Heckwelle einen direkteren Beleg dafür dar, dass ein Begleiter aktiv die Hülle des Riesen formt.
Die Identifizierung einer Heckwelle innerhalb der Atmosphäre eines roten Überriesen ist methodisch anspruchsvoll: Sie erfordert Auflösungen, die auf charakteristischen Größenskalen der Hüllendynamik liegen (ein Bruchteil des sichtbaren Scheibendurchmessers), sowie spektrale Informationen, um Geschwindigkeiten und Thermodynamik der gestörten Zonen zu messen. Instrumente wie das Hubble Space Telescope liefern in Kombination mit bodengebundenen Interferometern und Radioteleskopen die notwendige Datenfülle, um solche Strukturen zu extrahieren.

Warum das für stellare Evolution und Supernovaforschung wichtig ist
Der Nachweis eines Begleiters innerhalb der Atmosphäre eines roten Überriesen verändert grundlegend unsere Vorstellung von Massentransfer, Drehimpulsübertragung und dem Verhalten kurz vor einer Supernova. Ein innerer Begleiter kann lokale Dichteanstiege und asymmetrische Massenauswürfe auslösen, die die später ablaufenden Explosionsprozesse beeinflussen. Asymmetrien in der Hüllendichte wirken sich auf Schockdurchläufe, Neutrinoemissionen, Nukleosyntheseprodukte und die beobachtbaren Lichtkurven einer Supernova aus.
Aus Sicht der Massenerhaltung und des Drehimpulstransfers ist wichtig: Wenn der Begleiter Material aufnimmt oder die Hülle ablenkt, verändert sich die Massenverlustrate des Überriesen und es können gezielte Strömungen entstehen, die den Drehimpuls im System neu verteilen. Solche Prozesse haben Folgen für das Endstadium massereicher Sterne, insbesondere für die Frage, ob die Explosion symmetrisch verläuft oder ob es zu gerichteten Auswürfen und Jet-ähnlichen Strukturen kommt.
Die beobachtete Heckwelle eröffnet außerdem die Möglichkeit, präzise Modelle für binäre Wechselwirkung in späten Entwicklungsstadien zu testen. Numerical hydrodynamische Simulationen, die Faktoren wie Scherkräfte, Schockbildung, Strahlungsdruck und Korona-ähnliche Temperaturen berücksichtigen, können nun gezielt mit beobachteten Dichte- und Geschwindigkeitsfeldern verglichen werden. Die Erkenntnisse sind nicht nur für Betelgeuse relevant, sondern auch für die Interpretation von Ausbrüchen, abrupten Abdunklungen und Langzeitzyklen bei anderen roten Überriesen.
Darüber hinaus wirkt sich die Entdeckung auf die Abschätzung der Verweildauer in verschiedenen evolutionären Phasen aus: Wenn binäre Wechselwirkung häufiger ist als bisher angenommen, könnte die klassische Ein-Stern-Evolution vieler massereicher Sterne reevaluieren werden müssen. Die Rolle binärer Systeme bei der Erzeugung bestimmter Supernovatypen (z. B. einige Arten von Typ II oder peculiar Type II) würde damit an Bedeutung gewinnen.
Was Astronominnen und Astronomen als Nächstes planen
Von der Erde aus ist der Begleitstern derzeit hinter Betelgeuse versteckt, doch die Forscherinnen und Forscher planen erneute Beobachtungsreihen für den Zeitpunkt, an dem er wieder sichtbar wird – derzeitige Schätzungen legen ein erneutes Hervortreten um das Jahr 2027 nahe. Diese Beobachtungen sollen breitbandig angelegt werden: optische Bilder und Spektroskopie, Infrarotbeobachtungen zur Untersuchung von Staub und thermischer Emission sowie Radio- und Millimeter-Beobachtungen, die kühle Gasstrukturen und molekulare Signaturen aufdecken können.
Geplante Follow-up-Kampagnen werden mehrere Ziele verfolgen. Zum einen sollen die zeitliche Entwicklung der Heckwelle und die Geometrie der gestörten Hülle verfolgt werden, um Stabilität, Lebensdauer und Morphologie des Musters zu bestimmen. Zum anderen ermöglichen wiederholte spektrale Messungen die Rekonstruktion von Geschwindigkeitsfeldern, Temperaturschichtungen und chemischen Veränderungen, die durch lokale Schockprozesse ausgelöst werden. Parallel dazu werden Modelle zur binären Wechselwirkung – etwa 3D-Hydrodynamik-Simulationen – mit den Beobachtungsdaten verglichen, um Parameter wie Masse und Umlaufbahn des Begleiters besser einzugrenzen.
Ein weiterer Fokus liegt auf der Suche nach ähnlichen Signaturen bei anderen roten Überriesen. Wenn Heckwellen und begleitbedingte Asymmetrien häufiger vorkommen, könnte dies erklären, weshalb manche Überriesen plötzliche Helligkeitsänderungen oder langperiodische Zyklen zeigen. Instrumentenkombinationen aus Weltraumteleskopen, sehr großen bodengebundenen Teleskopen (z. B. VLT, ELT) und Interferometern (z. B. VLTI, CHARA) sowie Radioteleskopen (z. B. ALMA) sind hierfür besonders gut geeignet.
Langfristig wird die kontinuierliche Überwachung von Betelgeuse auch zur Entwicklung prognostischer Modelle beitragen: Welche Signale deuten auf einen unmittelbar bevorstehenden Kernkollaps hin? Welche Rolle spielt binäre Wechselwirkung in den letzten Hunderten bis Tausenden von Jahren vor der Explosion? Beobachtungsprogramme und koordinierte Kampagnen könnten in den kommenden Jahren Antworten liefern, die für die Vorhersage und Interpretation künftiger Supernova-Ereignisse entscheidend sind.
Die fortgesetzte Rolle des Hubble-Weltraumteleskops
Das Hubble Space Telescope lieferte die entscheidenden Beobachtungen, die zur Identifizierung der Heckwelle beitrugen. Hubble, eine langjährige gemeinsame Mission von NASA und ESA, bleibt ein zentrales Instrument, weil es hochauflösende Bildgebung und Spektroskopie über Wellenlängenbereiche anbietet, die bodengebundene Einrichtungen nicht immer erreichen. Die hohe räumliche Auflösung im optischen Bereich ist besonders wertvoll, um feine Strukturen in Sternscheiben und atmosphärischen Schichten zu detektieren.
Wesentliche operative und wissenschaftliche Aufgaben des Hubble-Programms werden vom NASA Goddard Space Flight Center und dem Space Telescope Science Institute koordiniert. Diese Einrichtungen unterstützen Datenverarbeitung, Kalibrierung und die Organisation von Follow-up-Programmen, die es erlauben, Hubble-Daten mit Ergebnissen anderer Observatorien zu kombinieren. So entsteht ein mehrdimensionales Bild der Dynamik in und um Betelgeuse.
Obwohl neuere Großprojekte und bodengebundene Rieseninstrumente (wie die Extremely Large Telescope-Projekte) zunehmend wichtige Beiträge leisten, bleibt Hubble aufgrund seiner einzigartigen Kombination aus Stabilität, Kalibrierung und jahrzehntelanger Datenhistorie unverzichtbar. Langzeitserien von Hubble-Beobachtungen ermöglichen zudem Studieneinflüsse über Dekaden hinweg, was für die Erforschung langsamer Zyklen und evolutionärer Trends unerlässlich ist.
Während Betelgeuse nun seinen verborgenen Begleiter offenbart, erhalten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine seltene Gelegenheit, unmittelbar zu beobachten, wie binäre Wechselwirkungen einen Stern während seines Wegs zum Endstadium – einer Supernova – umgestalten. Die nächsten Jahre der Überwachung könnten Teile der Theorie zur Entwicklung massereicher Sterne neu schreiben und unseren Blick auf die Entstehung und Vielfalt von Supernovae schärfen. Insbesondere die Verknüpfung von Beobachtungsdaten, physikalischen Modellen und numerischer Simulation wird die Erklärungskraft für beobachtete Phänomene deutlich erhöhen. Betelgeuse fungiert damit als Schlüsselobjekt für die Erforschung von Massenverlust, asymmetrischen Explosionen und der Rolle von Begleitsternen in späten Sternphasen.
Quelle: scitechdaily
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