4 Minuten
Eine Plastikkugel. Eine blaue künstliche Blume. Eine transparente Box mit einer Decke, die knapp außerhalb der Reichweite liegt. Das sind die unwahrscheinlichen Requisiten eines Experiments, das eine deutliche Frage stellt: Wie klug kann ein Lebewesen mit einem winzigen Gehirn sein?
Forschende passten das klassische 'Kiste-und-Banane'-Rätsel, einst genutzt, um Problemlösefähigkeiten bei Schimpansen zu demonstrieren, für Hummeln an. Statt Kisten zu stapeln, mussten die Hummeln eine Polystyrolkugel zu einem markierten Punkt schieben, darauf klettern und so Zugang zu einer künstlichen blauen Blume erlangen, die an der Decke der Kammer befestigt war. Die Distanz war so bemessen, dass Fliegen oder Laufen allein nicht ausreichten.
Wichtig war, dass die Insekten keine Vorerfahrung mit diesem speziellen Aufbau hatten. Vor Beginn der Versuche lernten sie nur eines: die blaue Blume enthielt eine zuckerhaltige Belohnung. Dennoch fanden im einfachsten Test drei von vier Hummeln die richtige Abfolge heraus. 75 Prozent waren erfolgreich.
Erfolg allein kann täuschen. War das kluges Verhalten oder Zufall? Um zufälliges Verhalten auszuschließen, etwa eine natürliche Neigung, Gegenstände anzustupsen, kombiniert mit einer Anziehung zur Farbe Blau, erhöhte das Team die Anforderungen.

In der strengsten Herausforderung durfte jede Hummel zunächst zwei Seitenschlitze inspizieren, von denen nur einer die belohnte Blume enthielt. Dann wurde die Kugel in die Arena gelegt, während rotes Licht den blauen Hinweis überdeckte, so dass die Hummel auf ihr Gedächtnis statt auf die Sicht angewiesen war. Um die Aufgabe zu lösen, musste das Individuum sich merken, welcher Raum die Belohnung enthielt, und die Kugel zur entsprechenden Stelle schieben. Dreiundzwanzig von dreißig Hummeln bestanden diesen Test.
Diese Ergebnisse sind bemerkenswert, weil sie mehr zeigen als Versuch-und-Irrtum-Glück. Die Hummeln demonstrierten zielgerichtetes Verhalten, räumliches Gedächtnis und die Fähigkeit, ein externes Objekt zu nutzen, um eine anderweitig unerreichbare Ressource zu erreichen, kurz: Werkzeuggebrauch, angewandt auf ein neues Problem.
Dr. Olli Loukola, Verhaltensökologe an der Universität Oulu in Finnland und Erstautor der Studie, sagt, die Ergebnisse widersprächen einem lange gehegten Klischee: dass Insektenverhalten nichts anderes als fest verdrahtete Reflexe sei. "Die meisten Menschen denken, Insekten seien Reflexmaschinen", stellte er fest. "Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass kleine Gehirne flexible Lösungen für neue Probleme hervorbringen können."
Andere in der Fachwelt finden das Experiment überzeugend. Professor Lars Chittka von der Queen Mary University, Autor des Buches 'Der Geist einer Biene', weist darauf hin, dass Hummeln Forscher bereits mit Fähigkeiten vom Zählen bis zur ausgefeilten Objektmanipulation überrascht haben. Er bezeichnet diese Arbeit als einen der klarsten Belege dafür, dass Bienen auf irgendeiner Ebene die Beziehung zwischen einem externen Objekt und einem entfernten Ziel verstehen.
Die Studie führt Insekten in einen exklusiven Kreis von Werkzeugnutzern ein, einer Liste, die historisch von Primaten, Elefanten und bestimmten Rabenvögeln dominiert wird, und zwingt dazu, das Verhältnis zwischen Kognition und Gehirngröße neu zu überdenken. Große Gehirne sind nicht der einzige Weg zu komplexem Verhalten. Kleine neuronale Schaltkreise, in bestimmter Anordnung, können überraschend reichhaltige Lösungen hervorbringen.
Die Forschung, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Science, behauptet nicht, Bienen dächten wie Menschen; vielmehr zeigt sie, dass winzige Nervensysteme flexibles Problemlösen ermöglichen.
Was daraus folgt, ist teils wissenschaftliche Neugier, teils ethisches Unbehagen. Wenn Insekten sich erinnern, planen und Objekte manipulieren können, um Belohnungen zu erlangen, sollte sich unsere Sicht auf sie ändern? Sollte der Rahmen von Naturschutz- und Tierschutzdiskussionen erweitert werden, um kognitive Fähigkeiten einzubeziehen, die wir einst größeren Tieren vorbehalten hatten?
Bis jetzt ist das Bild der Biene als bloße Maschine schwerer zu verteidigen. Ein einfacher Ball und eine blaue Blume haben ein klügeres, anpassungsfähigeres Insekt enthüllt, das die Grenzen dessen verschiebt, wie wir Intelligenz im Tierreich definieren.
Quelle: smarti
Kommentar hinterlassen