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Eine neue Langzeit-Tierstudie aus Spanien wirft erneut Fragen zur Sicherheit von Aspartam auf, einem weit verbreiteten kalorienarmen Süßstoff, der in Light-Getränken, Kaugummi und vielen zuckerreduzierten Produkten verwendet wird. Forschende berichten von messbaren Veränderungen in der Herzstruktur und der kognitiven Leistungsfähigkeit bei Mäusen, die über einen längeren Zeitraum niedrigen Dosen ausgesetzt waren — Befunde, die Regulierungsbehörden dazu veranlassen könnten, die derzeitigen Sicherheitsgrenzen kritisch zu überprüfen.
Wie das Experiment aufgebaut war und welche Messgrößen verwendet wurden
Die Studie, angeleitet von Forschenden eines kooperativen biomedizinischen Forschungszentrums in San Sebastián und veröffentlicht in Biomedicine & Pharmacotherapy, verfolgte Mäuse über ein Jahr mit kontinuierlicher Exposition gegenüber Aspartam in einer Dosis von 7 mg pro Kilogramm Körpergewicht täglich. Diese tägliche Dosis entspricht in etwa einem Sechstel der aktuellen maximal empfohlenen Aufnahmemenge für Menschen, wie sie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) und der US-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) angegeben wird.
Die Forschenden kombinierten funktionelle und molekulare Bildgebung (z. B. MRT-ähnliche Verfahren und Markeranalysen), kognitive Tests (Verhaltensaufgaben, Lern- und Gedächtnistests) sowie eine Reihe physiologischer Messungen (Herzleistung, Organmorphologie, Stoffwechselparameter). Durch diese multimodale Herangehensweise entstand ein umfassendes Bild chronischer Aspartam-Exposition bei Mäusen, das darauf ausgelegt war, langfristige Effekte auf Herz- und Gehirnfunktionen gezielt zu analysieren.
Technisch betrachtet nutzte das Team quantitative Bildgebung zur Abschätzung kardialer Volumina und Wanddicken sowie biochemische Assays zur Erfassung von Entzündungsmarkern, oxidativem Stress und neuronalen Signalwegen im Gehirn. Verhaltensdiagnostik umfasste standardisierte Tests zur räumlichen Orientierung, Gedächtnisleistung und motorischen Aktivität. Darüber hinaus wurden Parameter wie Körpergewicht, Fettverteilung und metabolische Indizes regelmäßig dokumentiert, um systemische Effekte neben den Organ-spezifischen Veränderungen zu erfassen.

Wesentliche Ergebnisse: weniger Fett, veränderte Herzen und kognitive Einbußen
Ein überraschendes metabolisches Ergebnis war, dass die behandelten Mäuse im Vergleich zur Kontrollgruppe etwa 20 % weniger Körperfett aufwiesen. Obwohl dieser Effekt auf den ersten Blick als vorteilhaft erscheinen mag, war er nicht ohne unerwünschte Begleiterscheinungen: Parallel stellten die Forschenden pathophysiologische Veränderungen fest, die besorgniserregend sind.
Konkret beobachteten die Autorinnen und Autoren Änderungen in der kardialen Morphologie — Hinweise auf eine leichte kardiale Hypertrophie kombiniert mit einer Verringerung der mittleren Wanddicke der Herzkammern. Parallel dazu kam es zu signifikanten Abnahmen des Herzzeitvolumens. Gemessenes Auswurfvolumen und Herzleistung der linken und rechten Ventrikel fielen um etwa 26 % bzw. 20 % gegenüber Kontrollen. Solche Reduktionen können bei Tieren auf eine beeinträchtigte Pumpfunktion und mögliche Adaptationsmechanismen an chronischen Belastungsfaktoren hinweisen.
Verhaltens‑ und kognitive Tests zeigten ebenfalls Leistungseinbußen, die mit einer eingeschränkten Gehirnfunktion vereinbar sind. Betroffene Mäuse zeigten schlechtere Ergebnisse in Aufgaben zur räumlichen Erinnerung, verlangsamte Lernkurven und reduzierte explorative Aktivität. Ergänzend berichteten die Forschenden über molekulare und bildgebende Signale im Gehirngewebe — beispielsweise veränderte Expression von Genen, die mit Synapsenbildung, neuronaler Plastizität und mitochondrialer Funktion in Verbindung stehen, sowie erhöhte Indikatoren für oxidativen Stress und Entzündung.
Die Kombination von strukturellen Herzveränderungen, reduzierter kardialer Leistung und kognitiven Defiziten legt nahe, dass chronische Aspartam-Exposition bei niedrigen Dosen mehrere Organ‑ und Systemebenen betreffen kann. Wichtig ist hierbei die Frage nach Kausalität, Dosis-Wirkungs-Beziehung und zeitlicher Dynamik: Treten die Herzzeichen vor den kognitiven Störungen auf, oder handelt es sich um parallel verlaufende Effekte mit gemeinsamen Mechanismen (z. B. systemische Entzündung, metabolischer Stress, mikrovaskuläre Veränderungen)?
Ergebnisse interpretieren: Vorsicht und Kontextualisierung
Die Autorinnen und Autoren der Studie betonen, dass diese Befunde zeigen, dass selbst innerhalb der derzeit als zulässig betrachteten Aspartam-Dosen bei Mäusen lebenswichtige Organfunktionen beeinflusst werden können. Vor diesem Hintergrund fordern sie eine Neubewertung der Sicherheitsgrenzen für Menschen und erweiterten Untersuchungsbedarf.
Gleichzeitig mahnte die International Sweeteners Association (ISA) zur Vorsicht bei der direkten Übertragung der Daten von Mäusen auf Menschen. Wichtige physiologische Unterschiede zwischen Nagetieren und Menschen — einschließlich unterschiedlicher Stoffwechselwege, Lebensspanne, Herzphysiologie, Blutdruckregulation und energetischer Nutzung des Gehirns — erschweren die direkte Übersetzung tierexperimenteller Ergebnisse auf den Menschen. Solche Divergenzen sind in der Toxikologie und Pharmakologie allgemein bekannt und müssen bei Risikobewertungen berücksichtigt werden.
Zudem ist zu bedenken, dass frühere Humandaten zu kalorienarmen Süßstoffen zeigen, dass diese Stoffe allein keine verlässliche Methode zur Gewichtsreduktion darstellen. Beobachtete Effekte in Tiermodellen könnten teilweise auf Wechselwirkungen mit normalen Alterungsprozessen, veränderten Futterverhalten oder anderen experimentellen Rahmenbedingungen zurückzuführen sein, statt auf eine direkte, einfache Ursache‑Wirkungs-Beziehung.
Methodische Limitationen sind ebenfalls zu nennen: Tiermodelle ermöglichen kontrollierte Langzeitbeobachtungen, sind aber weniger gut geeignet zur Abbildung komplexer menschlicher Lebensweisen, Ernährungsmuster und komorbider Erkrankungen. Die Studie berührt auch Fragen der Expositionsdauer, kumulativer Effekte und möglicher Interaktionen mit anderen Nahrungsbestandteilen oder Medikamenten, die im Laborsetting schwer vollständig abzubilden sind.
Warum die Studie relevant ist und welche nächsten Schritte nötig sind
Diese Studie ergänzt die vorhandene, teils widersprüchliche Literatur zu künstlichen Süßstoffen und ihrer Sicherheit. Für Verbraucherinnen und Verbraucher bedeutet das Ergebnis nicht automatisch, dass Aspartam beim Menschen schädlich ist, zeigt aber deutlich den Bedarf an zusätzlichen, gut kontrollierten Langzeituntersuchungen beim Menschen sowie an Mechanismusstudien, die molekulare Ursachen und Signalwege aufklären.
Wichtige nächste Forschrittspunkte umfassen: prospektive Kohortenstudien, randomisierte kontrollierte Humanstudien mit langer Laufzeit, pharmakokinetische Untersuchungen zur Aspartamverstoffwechselung beim Menschen sowie präklinische Arbeit zur Aufklärung möglicher Mechanismen (z. B. Beeinflussung der Mitochondrienfunktion, mikrovaskuläre Schäden, neuroinflammatorische Signalwege oder Veränderungen der Darmmikrobiota, die systemische Effekte hervorrufen könnten).
Regulatorisch könnte die Studie dazu führen, dass Behörden wie WHO, EMA oder nationale Lebensmittelüberwachungsbehörden die bestehende Evidenz erneut bewerten, besonders im Hinblick auf die akzeptable tägliche Aufnahme (ADI) und auf vulnerable Populationen (Kinder, Schwangere, Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder neurodegenerativen Erkrankungen). Eine differenzierte Risikoabschätzung sollte dabei unterschiedliche Expositionsszenarien, kumulative Effekte durch kombinierten Konsum mehrerer Süßstoffe und mögliche Langzeitfolgen berücksichtigen.
Außerdem ist die Kommunikation an die Öffentlichkeit ein zentraler Punkt: Konsumenten benötigen sachliche, evidenzbasierte Informationen zu möglichen Unsicherheiten, praktikablen Verhaltensweisen und Alternativen (z. B. Reduktion verarbeiteter Produkte, Verwendung natürlicher Süßungsmittel in Maßen). Solche Hinweise sollten ausgewogen und nicht alarmistisch formuliert sein, um informierte Entscheidungen zu ermöglichen.
Praktische Schlussfolgerungen für Leserinnen und Leser
- Niedrige Aspartam-Dosen verursachten bei Mäusen nach längerer Exposition messbare Veränderungen an Herz und Gehirn.
- Tierversuche sind ein wichtiges Frühwarnsystem, beweisen jedoch nicht automatisch dieselben Effekte beim Menschen.
- Regulierungsbehörden und unabhängige Forschungsteams sollten langfristige Expositionsstudien überprüfen und — falls notwendig — die Empfehlungen zur akzeptablen täglichen Aufnahme (ADI) neu bewerten.
- Besorgte Verbraucherinnen und Verbraucher können den Konsum von Light-Getränken und stark prozessierten Lebensmitteln mit Aspartam moderat einschränken, solange weitere humanorientierte Forschung vorliegt.
Zusätzlich ist es sinnvoll, das Thema im größeren Kontext der Ernährungsgesundheit zu sehen: Eine insgesamt ausgewogene Ernährung mit möglichst geringem Anteil an stark verarbeiteten Produkten, regelmäßiger körperlicher Aktivität und der Bevorzugung natürlicher Nahrungsmittel bleibt die verlässlichste Strategie zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und neurokognitivem Abbau. Wenn künstliche Süßstoffe verwendet werden, empfiehlt sich ein bewusster, moderater Umgang kombiniert mit Informationssuche zu aktuellen Studien und regulatorischen Bewertungen.
Abschließend lässt sich sagen: Diese spanische Langzeitstudie zu Aspartam liefert wichtige Hinweisreize, die weitere Forschung und möglicherweise regulatorische Überprüfungen rechtfertigen. Sie eröffnet Fragen zu Mechanismen, Dosis-Wirkungs-Beziehungen und Übertragbarkeit auf den Menschen — Fragen, die nur durch gezielte klinische Studien, epidemiologische Arbeiten und ergänzende Präklinische Forschung beantwortet werden können. Bis dahin ist eine vorsichtige, evidenzbasierte Kommunikation und eine individuelle Abwägung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses bei der Verwendung von Aspartam-rhaltigen Produkten angezeigt.
Quelle: smarti
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