Neuronale und genetische Überschneidung bei Autismus & ADHS

Neuronale und genetische Überschneidung bei Autismus & ADHS

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Stellen Sie sich zwei Kinder in derselben Schulklasse vor. Bei dem einen wurde Autismus diagnostiziert, beim anderen ADHS. Auf dem Papier sind sie verschieden. Im Gehirn könnten sie mehr Gemeinsamkeiten aufweisen, als wir dachten.

Geteilte Signale, verborgen in Gehirnnetzwerken

Eine aktuelle Studie unter der Leitung von Forschenden des Child Mind Institute und veröffentlicht in Molecular Psychiatry stellt unsere Auffassung von Autismus und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) neu dar. Anstatt Diagnosen als undurchdringliche Trennwände zu betrachten, suchte das Team nach Mustern, die diagnoseschneidend auftreten. Das Ergebnis verschiebt die Psychiatrie in Richtung eines dimensionalen Verständnisses: Die Ausprägung von Symptomen, insbesondere autistische Merkmale, korrespondiert mit charakteristischen Mustern funktioneller Konnektivität und mit der Aktivität von Genen, die an der neuronalen Entwicklung beteiligt sind.

Warum ist das wichtig? Klinikerinnen und Kliniker beobachten seit Langem Überschneidungen in den Symptomen — Kinder mit ADHS können soziale oder kognitive Profile zeigen, die einem autistischen Erscheinungsbild sehr ähneln, und umgekehrt. Die neue Arbeit stellt eine einfache, aber tiefgehende Frage: Spiegeln sich diese behavioralen Ähnlichkeiten in geteilter Biologie? Kurz gesagt: ja.

Methoden und Datensatz

Die Forschergruppe analysierte Ruhe‑fMRT (resting‑state functional MRI) von 166 sprechfähigen Kindern im Alter von 6 bis 12 Jahren, bei denen entweder eine Autismusspektrumstörung (ASS) oder ADHS (ohne ASS) diagnostiziert worden war. RuhefMRT erfasst das Fluktuieren der Kommunikation zwischen Hirnregionen, während die Person ruht, und macht so die Architektur großräumiger Netzwerke sichtbar — etwa des frontoparietalen Systems (FP) und des Default‑Mode‑Networks (DMN).

Anstatt diagnostische Gruppen direkt zu vergleichen, quantifizierte das Team die Symptomschwere über die gesamte Stichprobe hinweg und bezog diese Maße auf Konnektivitätsmuster. Anschließend gingen die Forschenden einen Schritt weiter: Mithilfe räumlicher Transkriptomik‑Karten — großen Datenbanken, die anzeigen, wo bestimmte Gene im menschlichen Gehirn aktiv sind (z. B. Ressourcen ähnlich dem Allen Human Brain Atlas) — überlagerten sie Expressionsprofile mit den beobachteten Konnektivitätsmustern. Das Resultat war eine Konvergenz von Bildgebung und Genetik, die auf gemeinsame biologische Signalwege hinweist.

Kinder mit stärker ausgeprägten autistischen Merkmalen zeigten eine verstärkte funktionelle Konnektivität zwischen FP‑ und DM‑Netzwerken. Diese Systeme steuern exekutive Kontrolle, Aufmerksamkeit und soziale Kognition. Üblicherweise nimmt die FP–DM‑Konnektivität im Verlauf der Gehirnentwicklung ab, während sich Netzwerke spezialisieren. Die hier beobachtete erhöhte Konnektivität deutet auf veränderte Reifungsverläufe bei Kindern mit höherer Symptomschwere hin.

Dieses Muster verbindet Symptomschwere mit einer gemeinsamen Gehirn‑Gen‑Architektur über diagnostische Kategorien hinweg.

Was die Befunde über Diagnose und Biologie verraten

Das auffälligste Ergebnis ist, dass die Konnektivitätssignatur, die mit autistischen Merkmalen verknüpft ist, nicht exklusiv bei Kindern mit einer ASS‑Diagnose auftrat. Eine Teilgruppe von Kindern mit einer ADHS‑Diagnose — die nicht die vollen Kriterien für Autismus erfüllten — zeigte dasselbe neuronale Muster. Parallel dazu lagen die betroffenen Hirnregionen an Orten, an denen Gene aktiv sind, die an der neuronalen Entwicklung beteiligt sind. Einige dieser Gene wurden zuvor mit sowohl Autismus als auch ADHS in Verbindung gebracht, was auf überlappende genetische Einflüsse auf sich entwickelndes Verhalten hindeutet.

Einfach formuliert: Verhaltensmerkmale, die Kliniker als ähnlich erkennen, können aus überlappenden Veränderungen in der Reifung großräumiger Gehirnnetzwerke entstehen, beeinflusst durch bestimmte genetische Programme. Die Studie beseitigt nicht die diagnostischen Kategorien. Vielmehr liefert sie eine nuanciertere Landkarte: Diagnosen bleiben klinisch nützlich, sind jedoch nur ein Betrachtungswinkel auf die Neurobiologie eines Kindes.

Die von den Forschenden verwendete Kombination aus modernster Neurobildgebung und in silico räumlicher Transkriptomik bietet ein Vorbild für künftige Biomarker‑Entdeckungen. Wenn Bildgebung und Genkarten zusammenfallen, können Forscher beginnen, biologische Signale zu identifizieren, die vorhersagen, wer ein höheres Risiko für die Entwicklung stärkerer autistischer Merkmale hat — unabhängig vom diagnostischen Etikett.

Technisch gesehen nutzte das Team standardisierte Vorverarbeitungs‑Pipelines für RuhefMRT, Konnektivitätsmatrizen, dimensionsreduzierende Verfahren und multivariate Assoziationsanalysen, um robuste Signaturen zu extrahieren. Solche Methoden minimieren Artefakte und berücksichtigen Kovariaten wie Alter, Intelligenzniveau und Kopfbewegungen. In der räumlichen Transkriptomik kamen Korrelationsanalysen zwischen regionaler Genexpression und Netzwerkmustern zum Einsatz, ergänzt durch Gen‑Set‑Enrichment‑Analysen, um biologische Prozesse (z. B. Synaptogenese, axonale Leitungsbahnentwicklung, neuronale Migrationspfade) zu identifizieren, die mit den beobachteten Konnektivitätsveränderungen assoziiert sind.

Implikationen für Kliniker und Forscher

Welche praktischen Schlussfolgerungen ergeben sich für Klinik und Forschung? Zunächst einmal: Symptomdimensionen zählen. Eine binäre Diagnose kann bedeutsame Unterschiede in der Organisation von Gehirnnetzwerken verschleiern. Zweitens: Eine personalisierte Bewertung, die das neuronale Profil — nicht nur die diagnostische Kategorie — berücksichtigt, könnte zu gezielteren Interventionen führen. Drittens: Forschung, die transdiagnostische, dimensionale Rahmen einsetzt, kann die Suche nach objektiven Markern für Risiko und Therapieansprechen beschleunigen.

Für die klinische Praxis bedeutet das konkret: Therapeutische Entscheidungen könnten zunehmend auf Informationen über Netzwerkfunktion und genetische Risikofaktoren abgestützt werden. Beispielsweise könnten Interventionsstudien künftig stratifizieren nach neuralen Signaturen (z. B. erhöhte FP–DM‑Konnektivität) und nicht nur nach Diagnose, um Wirkungen spezifischer Therapien besser zu erfassen. Solche Ansätze können auch pharmakologische Studien, neurofeedback‑Interventionen oder gezielte multimodale Therapien (Verhaltenstherapie kombiniert mit neuromodulatorischen Techniken) informieren.

Die Studie betont zudem den Wert groß angelegter Datensätze. Initiativen wie das Healthy Brain Network, die kostenlose Assessments und offene Datensätze bereitstellen, ermöglichen die Verknüpfung von Verhalten, Bildgebung und Genetik über Tausende von Kindern hinweg. Solche Ressourcen bilden das Gerüst für Studien, die die Psychiatrie von symptomorientierten Checklisten hin zu biologieinformierten Entscheidungsprozessen bewegen wollen.

Für Forschende eröffnen sich klare nächste Schritte: Validierung der Signaturen in unabhängigen Kohorten, Integration von Polygenic Risk Scores (PRS) und Kopplung an Umweltfaktoren (z. B. pränatale Einflüsse, soziale Determinanten). Langfristig sind Längsschnitt‑Studien erforderlich, um zu verfolgen, wie sich die Netzwerkmuster mit dem Alter und als Reaktion auf Interventionen verändern. Solche Studien helfen zu klären, ob die beobachteten Konnektivitätsmuster ursächlich an der Entstehung bestimmter Verhaltensmerkmale beteiligt sind oder eher als Korrelate zu verstehen sind.

Fachliche Einordnung und weiterführende Gedanken

Aus neurobiologischer Sicht ist die Idee plausibel, dass gemeinsame Entwicklungswege in ähnlich arbeitenden Netzwerken zu überlappenden Phänotypen führen. Das frontoparietale System ist wesentlich für kognitive Kontrolle und die flexible Anpassung an Umweltanforderungen; das Default‑Mode‑Network ist mit Selbstbezogenheit, mentaler Simulation und sozialer Kognition verknüpft. Eine veränderte Balance zwischen diesen Systemen kann kognitive, soziale und aufmerksamkeitsbezogene Prozesse beeinflussen und so zu Merkmalen führen, die man klinisch bei verschiedenen Diagnosen beobachtet.

Genetisch betrachtet ist die Architektur komplex und polygenetisch: Hunderttausende von Varianten tragen in Summe zur Konstellation von Risiko und Resilienz bei. Die Studie legt nahe, dass bestimmte genetische Programme — etwa solche, die Synapsenbildung, neuronale Reifung und Signaltransduktion steuern — räumlich in denselben Regionen aktiv sind, die auch die veränderte Konnektivität zeigen. Solche Befunde unterstützen die Idee, dass neuronale Netzwerkreifung und Genexpression gemeinsam phänotypische Ausprägungen formen.

Wichtig ist zu betonen, dass diese Ergebnisse nicht bedeuten, dass Diagnosen bedeutungslos werden. Diagnostische Kategorien haben klinischen Wert, etwa für den Zugang zu Unterstützungsangeboten, therapeutische Planung und Bildungsmaßnahmen. Dennoch liefert ein biologisch fundierter, dimensionsorientierter Blick zusätzliche Ebenen, die Diagnosen ergänzen und zu präziseren Vorhersagen und Interventionen führen können.

Expertise und Perspektiven

„In der Praxis sehen wir, dass Symptomprofile die Grenzen traditioneller Diagnosen verwischen“, sagt Dr. Adriana Di Martino, die die Untersuchung leitete. „Indem wir die Schwere des Verhaltens an Gehirn‑Gen‑Expressionsmuster binden, beginnen wir, das biologische Kontinuum abzubilden, das der neurodevelopmentalen Diversität zugrunde liegt.“

Dr. Elena Morales, eine fiktive, aber repräsentative Entwicklungsneurowissenschaftlerin, ergänzt: „Diese Arbeit erinnert uns daran, dass Gehirnnetzwerke sich entlang dynamischer Trajektorien entwickeln. Wenn die Reifung auseinanderläuft, können ähnliche Verhaltensmuster aus gemeinsamen Netzwerk‑ und genetischen Einflüssen entstehen. Dieses Wissen sollte sowohl Bewertungs‑ als auch Interventionsstrategien leiten.“

Die Studie liefert keine unmittelbaren neuen Therapien, doch sie weist den Weg. Weniger Fokus auf das kategoriale Etikett und mehr auf die zugrunde liegende Biologie — diese Verschiebung könnte verändern, wie wir Vulnerabilität früh erkennen, Therapien maßschneidern und Studien entwerfen, die Interventionen gegen spezifische neuronale Signaturen testen.

Der Weg nach vorn erfordert Replikation, größere Stichproben und longitudinale Designs, die nachzeichnen, wie sich diese Netzwerk‑ und Genmuster mit dem Alter und mit Behandlungen verändern. Dennoch ist die Botschaft klar: Das Gehirn liest keine Diagnostik‑Manuale. Um die Mechanismen hinter Verhalten zu finden, müssen wir der Biologie folgen, wohin sie uns führt.

Für die Gesundheitspraxis bedeutet dies außerdem eine verstärkte interdisziplinäre Zusammenarbeit: Neurowissenschaftler, Genetiker, Kliniker, Psychologen, Pädagogen und Datenwissenschaftler sollten zusammenarbeiten, um multimodale Biomarker zu entwickeln, die sowohl robust als auch klinisch praktikabel sind. Solche Marker könnten mittelfristig helfen, Risikoprofile frühzeitig zu erkennen, personalisierte Interventionen zu planen und die Auswahl klinischer Trial‑Kohorten zu optimieren.

Abschließend betonen die Befunde die Notwendigkeit eines ausgewogenen Ansatzes: Diagnosen liefern weiterhin Struktur und Versorgungspfade; gleichzeitig eröffnet der Blick auf dimensionsübergreifende neuronale und genetische Signale neue Chancen für präzisere, biologieinformierte Versorgung und Forschung.

Quelle: scitechdaily

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