3 Minuten
Ein Kiesel aus der Sahara, leichter als ein Taschenbuch, könnte der letzte Zeuge eines Planeten sein, der nicht mehr existiert. NWA 12774 - ein Meteorit von rund einem halben Kilogramm, der 2019 gefunden wurde - trägt mineralische Fingerabdrücke, die auf etwas weit Größeres als die uns bekannten Asteroiden hinweisen.
Angrite, die seltene Meteoritengruppe, zu der NWA 12774 gehört, machen weniger als ein Zehntelprozent aller Meteoritfundstücke aus. Sie sind außerdem uralt: die ältesten magmatischen Gesteine, die wir besitzen, entstanden innerhalb weniger Millionen Jahre nach den ersten Festkörpern im solaren Nebel. Diese Fakten werfen eine Frage auf: Welcher Körper konnte so früh so ungewöhnliche Hochdruckschmelzen erzeugen?

Um das zu beantworten, zerlegten Petrologinnen und Petrologen sowie Geochemiker den Meteorit im mikroskopischen Maßstab. Elektronenmikrosondenmessungen, hochauflösende Röntgenkarten und ein geobarometrisches Modell wurden eingesetzt, um die in seinen Kristallen gespeicherte Druck- und Temperaturgeschichte auszulesen. Die Hinweise lagen im Klinopyroxen: ungewöhnlich aluminiumreiche Körner, die typischerweise unter erheblichen Drücken kristallisieren.
Kleine Asteroiden erzeugen einfach nicht diese Art von innerem Druck. Stattdessen deutet die Mineralogie auf Bildung tief im Inneren eines großen, magmatischen Bereichs - auf einen echten Protoplaneten. Die Forscher verbanden Kristallbefunde mit Berechnungen zu Kernmasse und Manteldichte, um eine Untergrenze für den Radius des Mutterkörpers zu bestimmen: etwa 1.000 Kilometer.

Doch die Kristalltexturen - scharf, chemisch unberührt und offenbar aus einem flachen Magmareservoir hervorgeholt - deuten auf etwas noch Größeres hin: einen Körper von vielleicht 1.800 Kilometern Durchmesser, also etwas größer als der Erdmond, und denkbar bis zu 3.300 Kilometern Radius, damit in die Nähe marsgroßer Dimensionen.
Wie kann ein so großer Planet verschwinden? Es gibt zwei Hauptverdächtige. Der eine ist ein gewaltsamer Einschlag - die Dynamik im frühen Sonnensystem glich einer Abrissveranstaltung, bei der planetare Embryonen zusammenstießen und Trümmer durch das System schleuderten. Der andere ist gravitative Destabilisierung - ein junger, wandernder Jupiter könnte Bahnen gestört und heranwachsende Welten zerfetzt haben. So oder so überlebten Teile des unglücklichen Protoplaneten als Meteorite und landeten Milliarden Jahre später auf der Erde.

Die weiterreichende Implikation ist faszinierend. Wenn ein einzelner, ein halbes Kilo schwerer Stein eine einst mächtige Welt enthüllen kann, wie viele weitere Geschichten schlummern in noch nicht untersuchten Meteoriten? Viele Proben liegen unbearbeitet in Sammlungen und Schubladen, ihre chemischen Erinnerungen warten auf neue Techniken und neugierige Forscheraugen.
Wir setzen immer noch die Besetzung und Choreographie der frühesten Akte unseres Sonnensystems zusammen. Jedes Fragment, jeder exotische Kristall rückt dieses Bild schärfer ins Relief und veranlasst uns zu fragen: Welche anderen verschwundenen Welten verbergen sich direkt vor unseren Augen?
Quelle: sciencealert
Kommentar hinterlassen