Fünf Chronotypen zeigen unterschiedliche Gesundheitsprofile

Fünf Chronotypen zeigen unterschiedliche Gesundheitsprofile

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Nicht alle Nachtmenschen sind gleich – und das gilt ebenso für Morgenmenschen. Zwei Personen, die beide behaupten, „Morgentypen" zu sein, können sehr unterschiedliche Gesundheits- und Lebensstilprofile aufweisen. Das ist die zentrale Erkenntnis einer großen neuen Analyse, in der Forschende aus tausenden erwachsenen und jugendlichen Teilnehmenden fünf reproduzierbare Chronotypen herausgearbeitet haben.

Chronotypen – Muster, die beschreiben, wann wir natürlicherweise wach und aufmerksam oder müde sind – wurden lange in zwei Kategorien vereinfacht: Lerchen und Eulen. Die tatsächliche Verteilung menschlicher Schlafzeiten und Tagesrhythmen ist jedoch nuancierter. Indem die Forschenden objektive Gesundheitsdaten mit selbstberichteten Schlafgewohnheiten kombinierten, entdeckten sie zwei klar unterscheidbare, morgens ausgerichtete Gruppen und drei verschiedene abendorientierte Gruppen, von denen jede spezifische Verhaltensmerkmale und medizinische Korrelationen aufwies.

Wie die Forschenden fünf unterschiedliche Schlafmuster fanden

Das Team wertete fast 27.030 Teilnehmende aus dem UK Biobank-Datensatz aus – überwiegend Erwachsene mittleren bis höheren Alters – und prüfte das entwickelte Modell anschließend an einer unabhängigen Stichprobe von mehr als 10.000 US-amerikanischen Jugendlichen. Anstatt Personen nur nach einer einzigen Schlafenszeit oder Aufstehzeit zu gruppieren, nutzte die Analyse eine Konstellation von Merkmalen: tägliche Aktivitätsrhythmen aus objektiven Messungen, Ergebnisse psychischer Gesundheitsfragebögen, Substanzgebrauch, körperliche Aktivität sowie bildgebende Hirnmarker wie die Integrität der weißen Substanz.

Die verwendete Methode war eine Form der Cluster-Analyse, die Mehrdimensionalität der Daten berücksichtigte. So konnten die Forschenden Muster erkennen, die sich nicht allein durch eine späte oder frühe Schlafzeiten erklären ließen, sondern durch ein Zusammenspiel aus Verhalten, Symptomatik, Lebensstil und neuronaler Struktur. Durch Validierung in der jugendlichen Stichprobe zeigten sich dieselben Subtypen mit ähnlichen Merkmalen, was auf stabile, lebensphasenübergreifende Chronotyp-Muster hinweist.

Aus den Daten ergaben sich fünf reproduzierbare Profile. Ein amplitudenstarker Frühtyp zeigte bemerkenswert geringe Raten an Rauchen und starkem Alkoholkonsum, weniger riskantes Verhalten und insgesamt bessere kardiovaskuläre Gesundheitsparameter. Ein weiterer, ebenfalls morgens orientierter Subtyp wies dagegen höhere Häufigkeiten depressiver Symptome und mehr Verschreibungen von Antidepressiva auf und war überproportional häufig weiblich.

Die abendorientierten Typen teilten sich in drei Varianten. Eine Gruppe zeigte schnellere Reaktionszeiten und relativ starke Leistungen in kognitiven Tests, gleichzeitig jedoch häufiger risikoreiches Verhalten und Probleme mit Emotionsregulation. Ein zweiter Nacht‑Eulen‑Cluster trug eine höhere Belastung durch psychische Erkrankungen: mehr depressive Symptome, höhere Raucherquoten, geringere körperliche Aktivität, reduzierte Integrität der weißen Substanz in MRT-Aufnahmen und vermehrte Nutzung von Antidepressiva. Der dritte späte Typ war überproportional männlich und assoziiert mit höherem Konsum von Alkohol, Tabak und Cannabis sowie erhöhten Signalen für kardiovaskuläre Belastungen und Prostata‑bezogene Gesundheitsindikatoren.

Diese Muster legen nahe, dass zirkadiane Zeitgeber in weite Bereiche von Gesundheit und Verhalten eingewoben sind – weit über die banale Frage hinaus, ob man Kaffee lieber früh oder spät trinkt. „Das Verständnis dieser biologischen Vielfalt könnte langfristig helfen, personalisiertere Ansätze für Schlaf, Arbeitszeiteinteilung und psychische Gesundheitsversorgung zu entwickeln", sagt Le Zhou, eine Neurowissenschafts‑Doktorandin, die die Analyse mitführte.

Warum ist das wichtig? Weil die Schlafzeitpointierung veränderbar ist und weil gesellschaftliche Rhythmen oft einen Chronotyp bevorzugen. Wenn verschiedene Chronotypen unterschiedliche Risiken tragen – etwa ein Spättyp mit einem erhöhten Zusammenhang zu Rauchen und kardiovaskulären Markern – könnten gezielte Interventionen, etwa auf Raucherentwöhnung, Schlafhygiene oder flexible Arbeitszeiten, überproportionale gesundheitliche Vorteile liefern.

Aus klinischer Sicht zeigt die Studie messbare Zusammenhänge zwischen Hirnmerkmalen und Lebensstil: Der abendliche Subtyp, der mit Depressionen verbunden ist, wies ebenfalls eine verringerte Integrität der weißen Substanz auf, ein strukturelles Merkmal, das im Kontext von chronischem Stress, Alterungsprozessen oder Erkrankungen relevant sein kann. Die Verknüpfung von beobachtetem Verhalten, Verschreibungshistorie, Bildgebung und Selbstangaben in dieser Größenordnung liefert Forschenden eine differenziertere Karte dafür, wie unsere innere Uhr mit körperlicher und psychischer Gesundheit interagiert.

Methodisch ist hervorzuheben, dass die Nutzung großer Datensätze wie der UK Biobank und ergänzender Schüler‑ oder Jugendkohorten die Robustheit der Subgruppen erhöht. Dennoch ist wichtig zu betonen, dass Korrelationen nicht automatisch Kausalität bedeuten: Die Befunde zeigen Assoziationen zwischen Chronotypen, Verhaltensweisen und neuronalen Markern, nicht zwingend direkte Ursache‑Wirkungs‑Beziehungen.

Weitere Analysen werden notwendig sein, um Ursache und Wirkung auseinanderzuhalten. Lassen sich Menschen wegen ihrer zirkadianen Biologie zu bestimmten Lebensstilen hingezogen? Oder formen langfristige Verhaltensmuster die Schlafzeitpointierung und sogar die Gehirnstruktur? Längsschnittdaten, interventionelle Studien (z. B. gezielte Veränderung des Schlaf–Wach‑Zyklus oder der Arbeitszeiten) und experimentelle Schlafmanipulationen können dazu beitragen, diese Fragen zu klären. Die Autorinnen und Autoren veröffentlichten ihre Ergebnisse in Nature Communications und verweisen darauf, dass ähnliche Untergruppenmuster bei Jugendlichen darauf hindeuten, dass diese Chronotyp‑Unterschiede früh im Leben auftreten und über Lebensphasen hinweg stabil bleiben können.

Für öffentliche Gesundheitsstrategien und Arbeitsgestaltung ergeben sich konkrete Implikationen: Flexible Arbeitszeiten, Schulen mit späterem Beginn für bestimmte Jugendliche, individualisierte Schlaftherapien sowie Präventionsprogramme gegen Suchtverhalten könnten chronotyp‑spezifisch optimiert werden. Solche Maßnahmen müssten jedoch evidenzbasiert getestet werden, um unbeabsichtigte Nachteile zu vermeiden – etwa Stigmatisierung bestimmter Chronotypen oder eine Fehlallokation von Ressourcen.

Technisch bietet die Studie auch Einblicke in die Messmethodik: Die Kombination von objektiven Aktigraphie‑Daten mit umfangreichen Fragebogendaten und neuronaler Bildgebung erlaubt eine multidimensionale Charakterisierung. Wichtige Variablen umfassen nicht nur die mittlere Schlafens‑ und Aufstehzeit, sondern auch die Stabilität der Schlaf–Wach‑Rhythmen, Tagesamplitude der Aktivität, Variabilität zwischen Arbeitstagen und Wochenenden (so genannter Social Jetlag) sowie physiologische Marker, die in MRT‑Bildern sichtbar werden.

Aus forschungspraktischer Perspektive empfiehlt sich ein mehrstufiger Ansatz: Explorative Cluster‑Analysen, gefolgt von Replikationen in unabhängigen Kohorten und anschließender Prüfung auf klinische Relevanz (z. B. Vorhersage von kardiovaskulären Ereignissen, Depressionsverlauf oder Substanzmissbrauch). Dieser Weg erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die identifizierten Subtypen robust und klinisch nützlich sind.

Die Studie trägt auch zur Begriffsbildung im Feld bei: Wenn Forscherinnen und Forscher künftig über „Chronotypen" sprechen, ist es hilfreich, spezifische Untertypen zu benennen (z. B. "früher, gesundheitsstarker Lerchentyp" vs. "später, psychisch belasteter Eulentyp") statt nur von "Lerche" oder "Eule" zu sprechen. Solch eine präzisere Taxonomie verbessert die Kommunikation zwischen Wissenschaft, Klinik und Öffentlichkeit und unterstützt die Entwicklung zielgerichteter Präventions‑ und Interventionsmaßnahmen.

Es bestehen weiterhin offene Fragen: In welchem Maße sind die beobachteten Gehirnveränderungen reversibel? Können gezielte Verhaltens‑ oder pharmakologische Interventionen die Integrität der weißen Substanz und damit verbundene kognitive oder emotionale Funktionen verbessern? Und wie interagieren genetische Prädispositionen für Chronotypen mit Umweltfaktoren wie Licht‑Exposition, Schichtarbeit oder sozialen Verpflichtungen?

Schließlich ist die Übersetzung solcher Erkenntnisse in politische Maßnahmen komplex. Arbeitgeber, Bildungseinrichtungen und Gesundheitssysteme müssten evidenzbasierte Leitlinien entwickeln, die sowohl individuelle Unterschiede berücksichtigen als auch Fairness und Praktikabilität wahren. Multidisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Chronobiologen, Klinikerinnen, Arbeitspsychologen und politischen Entscheidungsträgern ist dafür entscheidend.

Wenn Schlaf als ein Objektiv für breitere Gesundheitszustände dient, dann ist dieses Objektiv längst kein einfacher, zweifacher Spiegel mehr. Vielmehr wirkt es wie ein Prisma: Es zerlegt die Verbindung zwischen Schlaf, Verhalten, Hirnstruktur und Krankheit in mehrere, oft überlappende Signale, die zusammengenommen ein komplexeres Bild unserer Gesundheit liefern.

Quelle: sciencealert

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