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Die Milchstraße besitzt eine verborgene Architektur – nicht aus Stein, sondern aus Magnetismus. Neue Radiobeobachtungen verwandeln dieses unsichtbare Gerüst in eine hochaufgelöste Karte; das Ergebnis ist unordentlicher, reichhaltiger und informativer, als Astronomen erwartet hatten.
Die Unsichtbaren kartieren: wie DRAGONS magnetische Fäden erkennt
Magnetfelder leuchten nicht direkt. Sie hinterlassen Spuren. Einer der wirkungsvollsten Tracer ist die Faraday-Rotation: Polarisierte Radiowellen werden verdreht, wenn sie durch magnetisiertes Plasma laufen, und tragen so eine Aufzeichnung von Feldstärke und Feldrichtung. Beobachtet man diese Verdrehung über viele Radiostrahlenfrequenzen hinweg, lassen sich überlagerte Strukturen entlang derselben Sichtlinie entwirren und schrittweise ein dreidimensionales Bild des Magnetfeldes rekonstruieren.
Faraday-Rotation und Faraday-Tomographie
Die Technik beruht auf der Messung der Rotationsmaßzahl (RM) und der Anwendung von Methoden wie der Faraday-Tomographie (auch RM-Synthese genannt). Durch feinteilige Frequenzabdeckung und sorgfältige Kalibration kann man verschiedene Faraday-Tiefen trennen – das heißt, einzelne magnetisierte Schichten unterscheiden, die sonst als ein verwischtes Signal erscheinen würden. Diese Fähigkeit ist besonders wichtig, wenn mehrere magnetisierte Regionen entlang einer Linie liegen, etwa Spiralarmsegmente, Supernova-Blasen und diffuse Gasfilamente.
Dieses Prinzip liegt dem Dominion Radio Astrophysical Observatory GMIMS des nördlichen Himmels zugrunde, kurz DRAGONS. Mit dem 15-Meter-Radioteleskop des DRAO bei Penticton in British Columbia hat ein internationales Team unter Leitung von Forschenden der UBC Okanagan die erste breitbandige Faraday-Rotationskarte des gesamten Nordhimmels zusammengestellt. Die 15-m-Schüssel, ursprünglich als Prototyp für das Square Kilometre Array gebaut, kann den Himmel schnell abtasten und liefert Datensätze mit polarisierten Emissionen über einen weiten Frequenzbereich – genau das, was nötig ist, um komplexe magnetische Strukturen zu trennen.

Das DRAO-15m-Teleskop beim Abtasten des Himmels für die DRAGONS-Untersuchung. Die von dieser Untersuchung gesammelten Daten sind eine neue Generation von Radiosurveys, die es Wissenschaftlern ermöglichen, die Milchstraße und ihre dreidimensionale Magnetfeldstruktur weiter zu kartieren.
DRAGONS ist eingebettet in die größere Global Magneto-Ionic Medium Survey (GMIMS), eine Initiative, die das magnetisierte interstellare Medium beider Hemisphären abbilden will. Die nördliche Komponente, vorangetrieben von Wissenschaftlern wie Dr. Anna Ördög, Dr. Alex Hill und Tom Landecker, nutzte breitbandige Empfänger und sorgfältige Kalibrationsstrategien, um Empfindlichkeit gegenüber Strukturen zu erreichen, die schmalbandigere Surveys verwischt oder vollständig übersehen haben.
Was die Karte zeigt und warum es wichtig ist
Die Kernaussage ist klar: Das Magnetfeld der Milchstraße ist häufiger komplex als einfach. Mehr als die Hälfte des vom DRAGONS-Survey abgedeckten Nordhimmels weist das auf, was Astronomen als „Faraday-Komplexität" bezeichnen – mehrere magnetisierte Regionen entlang einer einzigen Sichtlinie, die ein geschichtetes, verdrehtes Signal erzeugen. In einfachen Worten: Die magnetische Landschaft der Galaxie ist voller Falten, Feldumkehrungen und lokaler Merkmale, die mit physischen Strukturen wie Spiralarmen, Supernova-Blasen und sich gegenseitig beeinflussenden Gasströmen verbunden sind.
Warum ist das bedeutsam? Magnetfelder beeinflussen, wie Gas kollabiert, um Sterne zu bilden, wie kosmische Strahlung durch die Galaxie propagiert und wie Energie sowie Impuls im interstellaren Medium transportiert werden. Eine grobe, gemittelte Magnetfeldmessung kann entscheidende physikalische Prozesse verbergen. Die DRAGONS-Karte legt die filamentöse und verworrene Natur dieser Felder offen und liefert damit Beschränkungen, die bisherigen Theorien und Simulationen oft fehlten.
Großräumige Umkehrungen und ihre Bedeutung
Besonders interessant sind Hinweise auf großräumige Feldumkehrungen – Bereiche, in denen die Richtung des Magnetfeldes sich über Kiloparsec-Skalen ändert. Neue Analysen der DRAGONS-Daten, einschließlich Arbeiten von Rebecca Booth (Doktorandin an der University of Calgary), zeigen, dass solche Umkehrungen auch im breitbandigen Faraday-Raum persistent bleiben. Das stärkt die Annahme, dass es sich um echte galaktische Merkmale handelt und nicht um Artefakte begrenzter Beobachtungen.
Feldumkehrungen haben direkte Konsequenzen für Modelle des galaktischen Dynamos und für die Verteilung magnetischer Energie in der Scheibe und im Halo. Ihre Existenz oder Häufigkeit beeinflusst Vorhersagen über die Effizienz, mit der Drehimpuls und magnetische Energie zwischen verschiedenen Regionen der Galaxie ausgetauscht werden.
Wechselwirkung mit Sternenfeedback und Gasdynamik
Die Untersuchung zeigt außerdem, wie Magnetfelder Strukturen durchdringen und mit von Sternenfeedback geformten Objekten interagieren. Supernova-Explosionen formen Blasen und Hohlräume im interstellaren Gas; die DRAGONS-Daten demonstrieren, wie magnetische Feldlinien sich um diese Kavernen biegen und Verbindungen herstellen. Das deutet auf ein dynamisches Zusammenspiel hin: Explosive Ereignisse verändern die lokale Magnetgeometrie, und das Magnetfeld wiederum lenkt die Ausbreitung von Schockwellen, Wärme und kosmischer Strahlung.
Für Forscher stellt der Datensatz sowohl ein Werkzeug als auch eine Herausforderung dar. Er wirft Fragen zur Entstehung und Erhaltung galaktischer Magnetfelder auf: Sind die komplexen Muster Relikte vergangener Aktivitäten, Signaturen eines Dynamos, der durch galaktische Rotation und Turbulenz aufrechterhalten wird, oder eine Mischung aus beidem? Mit der neuen Karte können Modellierer synthetische Faraday-Spektren aus Simulationen direkt mit Beobachtungen vergleichen und so den Austausch zwischen Theorie und Messung straffen.

Diagramm der Milchstraße, das das umgekehrte Magnetfeld im Sagittarius-Arm zeigt.
Technischer Kontext und Zukunftsaussichten
DRAGONS demonstriert, wie moderne breitbandige Radioinstrumentierung die Forschung verändert. Frühe Faraday-Studien in den 1960er-Jahren etablierten die Methode qualitativ, verfügten jedoch nicht über Empfänger, die sich über große Frequenzbereiche erstrecken. Heutige Systeme erfassen Hunderte von Megahertz oder mehr in einem Durchlauf und ermöglichen Techniken wie Faraday-Tomographie, die mehrere Komponenten entlang der Sichtlinie entkoppeln. Das 15-m-Teleskop war eine geeignete Plattform für dieses All-Sky-Projekt, weil es große Flächen effizient im Raster abtasten kann und so in Monaten statt Jahren eine gleichmäßige Abdeckung liefert.
Instrumentelle Verbesserungen und Kalibration
Der Erfolg von DRAGONS beruht nicht nur auf der Schüsselgröße, sondern auf breitbandigen Empfängern, präziser Polarisationskalibration und robusten Verfahren zur Störungsunterdrückung (RFI-Mitigation). Für korrekte Faraday-Analysen ist eine stabile Polarisationseichung über den gesamten Frequenzbereich entscheidend; kleine Fehler können sonst Faraday-Spektren verfälschen. Das Team entwickelte Pipeline-Tools zur automatischen Identifikation und Entfernung von Störeinflüssen sowie zur konsistenten Kalibration über viele Beobachtungsnächte hinweg.
Wegbereiter für SKA und nächste Generation
Über die unmittelbaren Ergebnisse hinaus fungiert DRAGONS als Pathfinder für künftige Surveys mit größeren Arrays und höherer Empfindlichkeit. Instrumente wie das Square Kilometre Array (SKA) und dessen Vorläufer werden diese Arbeit in größerer Tiefe und besserer Auflösung fortsetzen. Das bedeutet nicht nur detailliertere Karten, sondern auch die Möglichkeit, magnetische Strukturen innerhalb einzelner Sternentstehungswolken, über Galaxienhalos hinweg und im dünnen Medium zwischen Galaxien zu untersuchen.
Daten von DRAGONS werden über Jahre hinweg eine Ressource bleiben. Sie bilden bereits die Grundlage für Studien zu Feldumkehrungen und werden Forschung zur Kosmischen Strahlung, zur Rolle des Magnetismus beim Starten galaktischer Winde und für Vergleichsarbeiten mit neutralen und ionisierten Gas-Tracern speisen. Für Studierende und Nachwuchswissenschaftler war das Survey auch ein Ausbildungsfeld: Teammitglieder von UBC Okanagan und der University of Calgary sammelten praktische Erfahrung in Instrumenten-Commissioning, Störungsbehandlung und Pipeline-Entwicklung.
Experteneinsicht
„Faraday-Komplexität über so große Himmelsareale zu sehen ist wie ein neues Fenster zur Galaxie aufzustoßen", sagt Dr. Maya Chen, eine Astrophysikerin, die nicht an DRAGONS beteiligt ist, aber mit magneto-ionischen Studien vertraut ist. „Es zwingt uns, über vereinfachte Feldmodelle hinauszugehen und zu prüfen, wie Turbulenz, stellare Rückkopplung und großskalige Strömungen jeweils ihre Spuren in der magnetischen Geometrie hinterlassen. Die beobachtenden Beschränkungen holen endlich auf, was Simulationen vorhergesagt haben – nur jetzt können wir zwischen konkurrierenden Theorien unterscheiden."
Dr. Chen betont die Bedeutung kombinierter Datensätze: „Die Verknüpfung dieser Faraday-Karten mit Surveys von neutralem Wasserstoff (HI), polarisiertem Staub und kosmischen Strahlungs-Tracern wird es uns ermöglichen, ein kohärentes physikalisches Bild zu erstellen, wie Felder galaktische Prozesse beeinflussen und darauf reagieren."
Mit Blick nach vorn ist DRAGONS kein Endpunkt, sondern eine Einladung. Es weist auf ambitioniertere Kampagnen, tiefere Frequenzabdeckung und Synergien mit Teleskopen der nächsten Generation hin, die zusammen enthüllen werden, wie Magnetfelder die Galaxienentwicklung formen. Das magnetische Labyrinth der Milchstraße ist weitläufig, und mit schärferen Karten beginnen wir endlich, seine Korridore zu begehen.
Das DRAO-15m-Teleskop beim Abtasten des Himmels für die DRAGONS-Untersuchung. Die von dieser Untersuchung gesammelten Daten sind eine neue Generation von Radiosurveys, die es Wissenschaftlern ermöglichen, die Milchstraße und ihre dreidimensionale Magnetfeldstruktur weiter zu kartieren. Credit: Luca Galler
Quelle: scitechdaily
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