Ultraverarbeitete Lebensmittel steigern Herzinfarkt-Risiko

Ultraverarbeitete Lebensmittel steigern Herzinfarkt-Risiko

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Denkst du, ein schneller Snack könne deinem Herzen nicht schaden? Denk noch einmal nach. Eine neue Auswertung von US-Ernährungsdaten verbindet hohen Konsum ultraverarbeiteter Lebensmittel mit einer deutlich höheren Wahrscheinlichkeit, bereits einen Herzinfarkt oder Schlaganfall gehabt zu haben — bei den stärksten Konsumenten war das Risiko nahezu um die Hälfte erhöht.

Wie die Forschenden das Risiko ermittelten

Die Untersucher nutzten die Datensätze der National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES) aus den Jahren 2021–2023 und arbeiteten mit 4.787 Erwachsenen, die detaillierte zweitägige Ernährungsrückrufe (Two‑Day Dietary Recalls) lieferten. Jedes berichtete Lebensmittel wurde anhand eines validierten Systems nach Verarbeitungsgrad klassifiziert; anschließend berechneten die Forschenden, welcher Anteil der täglichen Kalorien jeder Person aus ultraverarbeiteten Lebensmitteln (UPF) stammte. Die Teilnehmenden wurden in vier Gruppen von der niedrigsten bis zur höchsten UPF‑Zufuhr eingeteilt und gefragt, ob sie jemals einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten hatten.

Das Hauptergebnis war eindrücklich. Nach Anpassung für Alter, Geschlecht, Rasse und ethnische Zugehörigkeit, Nikotinkonsum und Einkommen zeigten die Menschen in der höchsten Verzehrsgruppe eine 47 % höhere Wahrscheinlichkeit, von einer kardiovaskulären Erkrankung — in dieser Studie definiert als vorheriger Herzinfarkt oder Schlaganfall — zu berichten, verglichen mit der niedrigsten Gruppe. Das durchschnittliche Alter der Teilnehmenden lag bei 55 Jahren; eine leichte Mehrheit war weiblich.

Methodisch ist wichtig zu betonen, dass die Studie auf Selbstangaben und cross‑sectionalen Daten basiert. Dennoch erlauben die umfangreiche Stichprobe, die standardisierte Klassifikation der Nahrungsmittel und die statistische Kontrolle von Störfaktoren, belastbare Assoziationen zu beobachten, die mit frühere Befunden übereinstimmen.

Warum ultraverarbeitete Lebensmittel dem Herzen schaden können

Ultraverarbeitete Lebensmittel umfassen eine breite Palette industriell gefertigter Produkte: Limonaden, abgepackte Snacks, viele Fertiggerichte, verarbeitete Fleischwaren und Süßigkeiten, um nur einige zu nennen. Sie sind so formuliert, dass sie sehr schmackhaft, lange haltbar und billig sind. Diese Bequemlichkeit hat ihren Preis. Die Verarbeitung entfernt oft die natürliche Lebensmittelmatrix und ersetzt sie durch zugesetzte Fette, raffinierte Zucker, übermäßiges Salz, Emulgatoren und weitere Zusatzstoffe — Zutaten, mit denen der menschliche Organismus in konzentrierter Form nicht evolviert ist umzugehen.

Jahrzehntelange Forschung verknüpft hohe UPF‑Zufuhr mit dem metabolischen Syndrom — dem Bündel aus Übergewicht, Bluthochdruck, gestörten Cholesterinwerten und Insulinresistenz, das kardiovaskuläre Erkrankungen vorhersagt. Biologische Marker erzählen eine konsistente Geschichte: Häufige Konsumentinnen und Konsumenten zeigen oft erhöhte Werte des hochsensitiven C‑reaktiven Proteins (hs‑CRP), ein empfindlicher Marker systemischer Entzündung und ein starker Prädiktor für künftige Herzinfarkte und Schlaganfälle. Kurz gesagt: Ernährungsweisen, die stark auf diese industriell veränderten Produkte setzen, fördern physiologische Zustände, die Herzinfarkt oder Schlaganfall wahrscheinlicher machen.

Auf molekularer Ebene werden mehrere Pfade diskutiert, die miteinander interagieren: chronische Niedriggrad‑Entzündung, Oxidativer Stress, gestörte Insulin‑ und Leptin‑Signalwege sowie endothelialer Funktionsverlust. Einige Emulgatoren und Zusatzstoffe können die Darmbarriere und die Zusammensetzung des Mikrobioms verändern, was systemische Entzündungsreaktionen und metabolische Dysregulation begünstigt. Diese Wechselwirkungen können sowohl kardiovaskuläre als auch gastrointestinale Gesundheit beeinträchtigen.

Der inflammatorische Mechanismus wirft auch breitere onkologische Fragen auf. Die Forschenden verweisen auf steigende Raten kolorektaler Karzinome, insbesondere bei jüngeren Erwachsenen, und deuten an, dass ultraverarbeitete Diäten Teil der Erklärung sein könnten. Die gleichen Mechanismen — chronische Entzündung, verändertes Mikrobiom, gestörte metabolische Signalwege — können Risiken für Herz‑Kreislauf‑ und Magen‑Darm‑Erkrankungen beeinflussen.

Auswirkungen auf öffentliche Gesundheit und klinische Praxis

Die Interpretation ist entscheidend. Diese Studie ist beobachtend: Sie kann im strengsten Sinn keine Kausalität beweisen. Dennoch ist die Effektgröße — eine fast 50% höhere berichtete Inzidenz bei den höchsten Konsumenten — groß genug, um Aufmerksamkeit von Klinikerinnen, Klinikern und Gesundheitspolitikerinnen und -politikern zu verlangen. Die Forschenden betonen, dass das Muster der Ergebnisse mit früheren randomisierten Studien und Kohortenforschung übereinstimmt, die UPF‑Konsum mit Gewichtszunahme, höherem Blutdruck, ungünstigeren Lipidprofilen und Entzündungszeichen verknüpfen.

Falls sich diese Befunde in longitudinalen und interventionsbasierten Studien bestätigen, ähneln die Implikationen früheren öffentlichen Gesundheitswenden, etwa dem langen Wandel von weit verbreiteter Tabakkonsum‑Akzeptanz hin zu umfassenden Anti‑Tabak‑Maßnahmen. Die Veränderung von Ernährungsumfeldern ist komplexer als die Änderung individuellen Verhaltens. Marketingstrategien großer Unternehmen, Food‑Deserts, Preisstrukturen und Bequemlichkeit treiben viele Menschen zu verarbeiteten Optionen. Um diesen Trend umzukehren, sind Politikmaßnahmen, verbesserte Lebensmittelkennzeichnung, klinische Leitlinien und gemeindenahe Strategien nötig, die gesunde Entscheidungen erleichtern und erschwinglicher machen.

Politische Instrumente können unterschiedliche Formen annehmen: Steuerliche Anreize für unverarbeitete Lebensmittel, Subventionen für frisches Obst und Gemüse, klare und gut verständliche Nährwertampeln, Beschränkungen irreführender Werbung — insbesondere für Kinder — sowie Investitionen in lokale Versorgungsketten. Solche Maßnahmen adressieren die strukturellen Determinanten, die Essgewohnheiten formen, und helfen, gesundheitliche Ungleichheiten zu reduzieren.

Praktische Empfehlungen für Klinikerinnen, Kliniker und Haushalte

Solange randomisierte kontrollierte Studien nicht eindeutig kausale Belege liefern, ist ein pragmatischer Ansatz angezeigt: die Abhängigkeit von ultraverarbeiteten Produkten als Teil eines herzgesunden Lebensstils zu verringern. Das bedeutet, Vollwertkost zu priorisieren — Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, magere Proteine und gering verarbeitete Milchprodukte — und gleichzeitig Limonaden, verpackte Snacks, verarbeitete Fleischprodukte und Mikrowellenfertiggerichte zu minimieren.

Klinische Beratung sollte praktisch und konkret formuliert sein: Ersetze einen verarbeiteten Snack durch ein Stück Obst oder eine Handvoll Nüsse, wähle Wasser statt zuckerhaltiger Getränke, bereite häufiger Mahlzeiten aus einfachen Grundzutaten zu. Solche kleinen, nachhaltigen Änderungen summieren sich. Ärztinnen und Ärzte können normalisieren, dass perfekte Ernährung unrealistisch ist, gleichzeitig aber konkrete, erreichbare Schritte vermitteln.

Für Haushalte mit begrenztem Budget sind spezifische Strategien hilfreich: gefrorenes Gemüse kaufen (es ist oft nährstoffreich und günstiger), getrocknete Hülsenfrüchte in größeren Mengen zubereiten, Meal‑Prepping für忙e Wochen einplanen und verarbeitete Produkte auf Angebote prüfen. Gemeinschaftsorientierte Maßnahmen — etwa Kooperativen, kommunale Küchen oder Subventionen — können Zugang und Kosten weiter positiv beeinflussen.

Praktische Swaps und Beispiele, die leicht umzusetzen sind:

  • Statt einer Packung gesalzenener Chips: Vollkorn‑Reiswaffeln mit Hummus und Gemüsestreifen.
  • Statt Limonade: mit Wasser verdünnter Fruchtsaft oder kohlensäurehaltiges Wasser mit Zitrone.
  • Statt Fertigpizza: Vollkorn‑Tortilla mit Tomaten, Gemüse und magerem Käse selbst belegen und kurz backen.
  • Statt Wurstaufschnitt: gebratenes oder gegrilltes mageres Fleisch, Hülsenfrüchte oder geräucherter Fisch in moderaten Mengen.

Diese konkreten Alternativen zeigen, dass eine Reduktion ultraverarbeiteter Lebensmittel nicht zwingend mehr Zeit oder Kosten bedeuten muss; oft reichen kleine Verhaltensänderungen und Planung.

Expert:inneneinschätzung

Dr. Maya Levine, eine Expertin für Public‑Health‑Ernährung mit Erfahrung in kommunalen Ernährungssystemen, gibt einen pragmatischen Rat: "Wir brauchen keine perfekten Diäten. Wir brauchen Umgebungen, die Menschen zu besseren Optionen bewegen. Wenn das Ladengeschäft in Ihrer Nachbarschaft preiswerte Tiefkühlgemüse statt zuckerhaltiger Getränke vorrätig hat, folgen die Entscheidungen. Klinische Botschaften haben Gewicht, müssen aber von Policies begleitet werden, die Produktion, Preisgestaltung und Vermarktung von Lebensmitteln verändern."

Diese Perspektive fasst die doppelte Botschaft der Studie zusammen: individuelles Risiko und strukturelle Verantwortung. Klinikerinnen und Kliniker können Patienten jetzt beraten, während Forschende randomisierte Studien weiterverfolgen. Entscheidungsträgerinnen und -träger sollten die Allgegenwart von UPFs als veränderbare Bedrohung der öffentlichen Gesundheit ansehen, statt sie als unveränderliche kulturelle Vorliebe abzutun.

Die klinische Kommunikation sollte sowohl informierend als auch unterstützend sein: Risikofaktoren erklären, individuelle Barrieren berücksichtigen, und bei Bedarf an Ernährungsberatungen oder community‑basierte Angebote verweisen.

Forschungsprioritäten und offene Fragen

Die künftige Forschung sollte mehrere Stränge verfolgen, um von Korrelationen zu belastbaren Kausalpfaden zu gelangen. Wichtige Prioritäten sind:

  • Langzeitkohorten, die Ernährungsveränderungen und auftretende kardiovaskuläre Ereignisse verfolgen.
  • Randomisierte Fütterungsstudien, die ganze‑Nahrungsmittel‑Diäten gegenüber UPF‑reichen Diäten substituieren und Entzündungsmarker sowie vaskuläre Funktion messen.
  • Mechanistische Studien, die untersuchen, wie Zusatzstoffe, veränderte Nahrungsmittelmatrizes und Emulgatoren das Darmmikrobiom, den Metabolismus und das Endothel beeinflussen.
  • Sozioökonomische Analysen, die ermitteln, welche politischen Maßnahmen Versorgung, Preisstrukturen und Kaufverhalten am effektivsten verändern.

Solche Studien müssten idealerweise interdisziplinär angelegt sein und Ernährungswissenschaft, Epidemiologie, Molekularbiologie, Verhaltensforschung und Gesundheitsökonomie verbinden. Nur so lassen sich praktikable, skalierbare Lösungen entwickeln.

Außerdem wäre eine genauere Untersuchung bestimmter Produktkategorien innerhalb der UPFs sinnvoll: Nicht alle ultraverarbeiteten Lebensmittel sind identisch, und die Risikoprofile können je nach Zusammensetzung, Herstellungsprozess und Konsummuster variieren. Differenzierte Analysen könnten helfen, prioritäre Ziele für Regulierung und Reformulierung zu identifizieren.

Fazit für Einzelne

Für den einzelnen Menschen ist die praktische Schlussfolgerung klar: Jede Mahlzeit zählt. Ein einzelnes ultraverarbeitetes Produkt entscheidet nicht über das Schicksal — aber eine Ernährung, die stark auf diesen Produkten beruht, erhöht das Risiko für Entzündungen, metabolische Belastung und Gefäßschäden. Die NHANES‑Daten tragen Dringlichkeit zu einer langjährigen öffentlichen Gesundheitsfrage bei: Können wir Lebensmittelsysteme so umgestalten, dass die gesunde Wahl auch die einfache Wahl ist? Wenn das als große Aufgabe erscheint, sollte man sich daran erinnern: Öffentliche Gesundheit hat sich in der Vergangenheit verändert, oft durch schrittweise politische Maßnahmen und lokale Innovationen, eine Maßnahme und eine Gemeinschaft nach der anderen.

Kurzfristig können Menschen Maßnahmen ergreifen: Einkaufslisten planen, Vorräte an günstigen, wenig verarbeiteten Basiszutaten anlegen, bewusste Swaps ausprobieren und klinische Beratung wahrnehmen. Langfristig bedarf es struktureller Veränderungen, um populationweite Verbesserungen zu erzielen.

Quelle: scitechdaily

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