10 Minuten
Stellen Sie sich ein Paar langsam glühender Öfen vor, die still am Grund des Erdmantels sitzen, kaum sichtbar in Bewegung, aber die magnetische Persönlichkeit unseres Planeten mitformen. Merkwürdig, oder? Tief unter Afrika und dem Pazifik haben Seismolog:innen gewaltige Regionen kartiert – Spitznamen: „Blobs“ – die sich anders verhalten als das umgebende Gestein. Sie sind fest, aber für seismische Wellen auffallend langsam. Sie bleiben rätselhaft. Neue Forschungsergebnisse legen nahe, dass sie nicht nur passiv existieren: Sie könnten helfen, das Erdmagnetfeld zu stabilisieren.
Was diese Blobs sind und warum sie wichtig sind
Wir können nicht bis zum Erdkern bohren. Wir können keine Sonde in den etwa 3.000 Kilometer tiefen Ozean aus geschmolzenem Eisen steuern, der im äußeren Kern tost. Unser Wissen über das tiefe Innere beruht deshalb auf indirekten Signalen – seismischen Wellen, Laborversuchen zur Mineralphysik und magnetischen Aufzeichnungen, die in alten Gesteinen festgehalten sind. Diese Aufzeichnungen sind eine Art Zeitkapsel: magmatische Gesteine kühlen im Magnetfeld der Erde ab und speichern eine Richtungs- und teilweise Intensitätsinformation, die verrät, wie das Feld aussah, als das Gestein entstand.
Der Mantel selbst besteht größtenteils aus festem Gestein, das sich mit geologischen Geschwindigkeiten – Millimetern pro Jahr – verhält wie ein sehr zäheres Fluid. Seine tiefste Zone zeigt jedoch ausgeprägte Heterogenität. Zwei riesige Niedriggeschwindigkeitszonen, eine grob unter Afrika und die andere unter dem zentralen Pazifik, ragen heraus. Seismische Wellen verlangsamen sich dort, was auf erhöhte Temperatur, eine andere Zusammensetzung oder beides hindeutet. Fachlich heißen diese Strukturen LLSVPs (large low-shear-velocity provinces) – im Alltag „Blobs“ genannt. Wenn sie wärmer sind als der umgebende Mantel, kann ihr thermischer Kontrast beeinflussen, wie Wärme aus dem darunterliegenden flüssigen Kern abfließt. Diese Wärme treibt den Geodynamo an und damit jenes Magnetfeld, das das Leben vor kosmischer Strahlung schützt.
Die Bedeutung dieser Regionen ergibt sich also aus einer Kette von physikalischen Zusammenhängen: Mantel‑Heterogenitäten → veränderter Wärmestrom an der Kern‑Mantel‑Grenze → veränderte Strömungsmuster im äußeren Kern → veränderte Eigenschaften des Geodynamos → langfristige Auswirkungen auf die Form, Stabilität und Intensität des Erdmagnetfelds.
Von Gesteinen zu Modellen: wie Forschende Blobs mit dem Magnetfeld verknüpften
Wissenschaftler:innen verglichen alte magnetische Richtungen, die in Gesteinen konserviert sind – teils in chronologisch über 250 Millionen Jahre verflochtenen Datensätzen – mit Magnetfeldern, die in Supercomputer‑Simulationen des Geodynamos erzeugt wurden. Die Beobachtung war subtil, aber beständig: in niedrigen Breitengraden variierte die aufgezeichnete magnetische Richtung mit dem Längengrad. Einfach gesagt schien das Magnetfeld auf einer bestimmten Breite davon abzuhängen, an welcher Stelle der Erde das Gestein entstanden war. Diese Längengradabhängigkeit deutete auf eine tief verwurzelte, langlebige Struktur hin, die das Feld beeinflusst.
In den numerischen Experimenten traten wichtige Unterschiede zutage. Modelle, die einen gleichmäßigen Wärmestrom über die Kern‑Mantel‑Grenze annahmen, konnten dieses Längengradmuster nicht reproduzieren: Entweder fehlte jegliche longitudinale Struktur, oder das simulierte Feld geriet in einen chaotischen Zustand, der nicht zu den geologischen Befunden passte. Sobald die Modellierer:innen jedoch eine heterogene Verteilung des Wärmestroms einführten – als Replik großer, heißer Blobs, die den Wärmeverlust dämpfen – änderte sich das Verhalten des Geodynamos. Die erzeugten Magnetfelder entwickelten longitudinale Fingerabdrücke, die denen in Gesteinsaufzeichnungen ähnelten, und das Gesamtsystem zeigte eine größere Widerstandskraft gegen einen katastrophalen Zusammenbruch in schwache, multipolare Konfigurationen.

Die Verbindung zwischen den Beobachtungen und den Modellen stärkt die Hypothese, dass tiefe Mantelstrukturen nicht nur seismische Kuriositäten sind, sondern aktiv die Form und Stabilität des globalen Magnetfelds modulieren. Wichtig ist, dass diese Ergebnisse aus mehreren, unabhängig arbeitenden Forschungsgruppen und unterschiedlichen Modellansätzen konsistent erscheinen, was die Robustheit der Interpretation erhöht.
Warum verringerter Wärmeverlust unter Blobs eine Rolle spielt
Die Erklärung liegt in der Fluiddynamik des äußeren Kerns. Wärmeabgabe an der Oberseite des äußeren Kerns verursacht die Abkühlung und damit die Verdichtung von Partikeln des flüssigen Metalls. Diese dichteren, kühleren Pakete sinken ab und erzeugen Abwärtsströmungen, die die turbulenten Bewegungen erneuern und so die elektromagnetischen Induktionsprozesse am Laufen halten. Dort, wo sich Blobs befinden, wirken ihre erhöhte Temperatur und ihr isolierender Effekt dieser thermischen Kontraktion entgegen und reduzieren das sogenannte Downwelling.
Unter einem Blob entsteht demnach eine relativ ruhige Zone im flüssigen Metall: ein „stagnierender Teich“, der wenig zur dynamoaktiven Zirkulation beiträgt. Solche stagnierenden Bereiche verhalten sich elektrisch leitend und können das aus dem Kern austretende Magnetfeld abschwächen oder umformen – ähnlich wie ein Metallgehäuse ein Funksignal dämpfen kann. Auf globaler Skala beeinflusst diese Abschirmung oder Umlenkung die Feldstruktur an der Erdoberfläche, was sich in den langzeitlichen paleomagnetischen Aufzeichnungen als longitudinale Variation niederschlägt.
Auswirkungen auf die magnetische Geschichte der Erde und die Bewohnbarkeit
Das Magnetfeld, an dem wir uns mit Kompassen orientieren, ähnelt meistens dem eines Stabmagneten, der mit der Erdrotationsachse ausgerichtet ist. Dennoch hat das Feld im Laufe der Erdgeschichte Ausflüge und gelegentliche multipolare Episoden erlebt – Zeiten, in denen Kompassrichtungen unzuverlässig waren und die globale Schutzwirkung geschwächt wurde. Solche Episoden können zu erhöhtem atmosphärischen Verlust und höherer Oberflächenstrahlung führen, mit möglichen Konsequenzen für Klima und Biosphäre.
Die Simulationsreihen zeigen, dass stabile thermische Heterogenität an der Kern‑Mantel‑Grenze die Häufigkeit und Schwere solcher Zusammenbrüche reduziert. Einfacher gesagt: Blobs können als Stabilisatoren wirken, indem sie den Parameterraum des Dynamos erweitern, in dem ein starkes, dipolares Feld aufrechterhalten wird. Das hat direkte Bedeutung für die langfristige Bewohnbarkeit, denn ein dauerhaftes Magnetfeld lenkt geladene Partikel des Sonnenwinds und kosmischer Strahlung ab, schützt die Atmosphäre vor allmählicher Erosion und reduziert die Strahlenbelastung an der Erdoberfläche.
Ohne einen lebendigen, langlebigen Geodynamo hätte die Erde vielleicht eine Entwicklung ähnlich der von Mars oder Venus genommen – zumindest was das Verschwinden eines starken globalen Magnetfeldes angeht. Für die Entstehung und Erhaltung komplexen Lebens ist die Präsenz eines stabilen Magnetfelds daher ein wichtiger, wenn auch nicht alleiniger Faktor.
Methoden, Modelle und Einschränkungen
Die Studie verband Paläomagnetismus – Messungen der Magnetisierung alter Gesteine – mit numerischen magnetohydrodynamischen (MHD) Modellen, die auf Supercomputern liefen. Paläomagnetische Datensätze liefern beobachtende Zwänge: Richtungsaufzeichnungen, Feldintensitäten und deren räumliche Verteilung über geologische Zeiten. Die Modelle lösen die gekoppelten Gleichungen der Strömungsdynamik, Wärmeübertragung und elektromagnetischen Induktion in einer sphärischen Hülle, die den äußeren Kern repräsentiert. Durch Variation des am oberen Rand des Kerns auferlegten Wärmestrommusters testeten Forschende, welche Konfigurationen Felder erzeugen, die mit dem geologischen Archiv übereinstimmen.
Alle Modelle sind per Definition Vereinfachungen der Natur. Die Rheologie des Mantels, die genaue chemische Zusammensetzung der Blobs und die langfristige thermische Evolution der Erde bringen Unsicherheiten mit sich. Numerische Simulationen müssen oft Kompromisse zwischen physikalischer Realitätsnähe und Rechenkosten eingehen; viele realistische Skalen der Turbulenz im äußeren Kern sind derzeit nicht vollständig auflösbar. Trotz dieser Einschränkungen ist die Übereinstimmung zwischen unabhängigen paläomagnetischen Beobachtungen und den Modellausgaben ein starkes Indiz dafür, dass heterogene Mantelstrukturen den Geodynamo beeinflussen.
Zu den methodischen Herausforderungen gehören außerdem die zeitliche Auflösung paläomagnetischer Datensätze, potenzielle lokale Überlagerungen der magnetischen Signale in Gesteinen sowie Unsicherheiten in der Rekonstruktion der Plattentektonik über viele hundert Millionen Jahre. Modellabhängige Parameter wie Viscozität, elektrische Leitfähigkeit und Rotationsrate müssen zudem sorgfältig kalibriert werden, um robuste Schlussfolgerungen zu ermöglichen.
Fachliche Einblicke
„Die Verknüpfung tiefer Mantelstruktur mit langfristiger magnetischer Stabilität eröffnet uns eine neue Möglichkeit, die innere Gesundheit der Erde zu lesen“, sagt Dr. Leila Moreno, Geophysikerin an der University of Oxford. „Es ist eine elegante Brücke zwischen seismischer Bildgebung und magnetischen Paläodaten: zwei sehr unterschiedliche Signaturen, die auf dieselbe Geschichte zulaufen. Die Blobs sind nicht bloß Kuriositäten; sie scheinen integrale Bestandteile der magnetischen Maschine der Erde zu sein.“
Dr. Moreno ergänzt: „Zukünftige Fortschritte werden aus einer besseren Kartierung des Wärmestroms an der Kern‑Mantel‑Grenze und verbesserten paläomagnetischen Aufzeichnungen aus bislang unterrepräsentierten Regionen kommen. Wenn Modelle realistischer werden, können wir testen, ob die Blobs passive thermische Anomalien sind oder aktive Akteure im chemischen Austausch zwischen Mantel und Kern.“
Ausblick: Beobachtungen und Technologien zur Verfeinerung des Bildes
Fortschritte in der seismischen Tomographie, in Experimenten zur Mineralphysik unter extremen Drücken und in dichterer paläomagnetischer Probenahme werden die Zwangsbedingungen weiter verengen. Geplante Tiefen‑Beobachtungsnetze für die Erde und Projekte im Bereich Hochleistungsrechnen werden Simulationen erlauben, die näher an reale Parameterbereiche heranreichen. Interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Geochemiker:innen, Seismolog:innen und Dynamo‑Modelleur:innen ist entscheidend, um zu klären, ob die Blobs rein thermisch sind, charakteristische chemische Signaturen tragen oder eine Kombination aus beidem darstellen – jede Option hat unterschiedliche Implikationen für ihre Entstehung, Entwicklung und Interaktion mit dem Kern.
Darüber hinaus sind Beobachtungen anderer terrestrischer Planeten und höher aufgelöste geophysikalische Karten hilfreich, um grundsätzlichere Fragen zu beantworten: Gibt es ähnliche Strukturen auf anderen Gesteinsplaneten? Wie variieren Mantel‑Kern‑Architekturen und welche Auswirkungen haben sie auf magnetische Ergebnisse? Solche vergleichenden Planetenstudien könnten die Einzigartigkeit oder Allgemeingültigkeit der hier beschriebenen Prozesse einordnen.
Wenn Blobs tatsächlich helfen, einen stabilen magnetischen Schild zu erhalten, dann gehören sie zu der planetaren Architektur, die die Erdoberfläche bewohnbar machte. Wir können noch nicht sicher sagen, ob vergleichbare Strukturen auf anderen terrestrischen Welten existieren oder wie verschiedene Mantel‑Kern‑Konfigurationen magnetische Ergebnisse verändern würden. Die Verbindung zwischen langsamen, tiefen Mantelprozessen und den schnellen Dynamiken des Geodynamos erinnert jedoch daran: Der Schutzschild der Erde ist ein Produkt des ganzen Planeten – vom geschmolzenen Eisen bis zur starren Kruste.
Wir werden mehr Daten brauchen. Mehr Modelle. Und vor allem Geduld – geologische Prozesse operieren auf Zeitmaßstäben, die lange Perspektiven verlangen. Bis dahin bleibt die Idee, dass schlafende Blobs am Grund des Mantels eine Rolle im Schutz des Lebens an der Oberfläche spielen, eines der ruhigen, folgenreichen Geheimnisse unseres Planeten.
Quelle: sciencealert
Kommentar hinterlassen