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Stellen Sie sich vor, Sie gießen aus einer unsichtbaren Kanne Saft in zwei Becher und beobachten, wie jemand den Becher auswählt, der noch die erfundene Flüssigkeit enthält. Merkwürdig? Faszinierend. Genau diesen Test würde man bei Kleinkindern einsetzen, um einen Blick in ihre sich entwickelnden mentalen Fähigkeiten zu werfen. Forschende haben diese kinderpsychologische Methode kürzlich auf einen Bonobo namens Kanzi übertragen — und die Ergebnisse haben die Fragen darüber, wo Vorstellungskraft im Stammbaum des Lebens beginnt, neu entfacht.

Kanzi, ein Bonobo, der gelernt hat, mit Menschen zu kommunizieren, in Des Moines, Iowa.
Kanzi war kein gewöhnlicher Menschenaffe. In engem Kontakt mit Menschen aufgewachsen, lernte er, grafische Symbole zu verwenden, um zu kommunizieren, kombinierte diese Symbole kreativ und fertigte sogar einfache Steinwerkzeuge an. Dieser Hintergrund machte ihn zu einem idealen Teilnehmer für ein sensibles Experiment: Konnte ein Menschenaffe so handeln, als wäre etwas real, während er zugleich verstand, dass es nicht real war — anders gesagt: spielte er imaginär?
Die Forschenden inszenierten eine Art imaginäre Saftparty. Eine Versuchsperson tat so, als gieße sie aus einer Kanne Saft in zwei Becher und tat anschließend so, als würde sie nur einen Becher entleeren. Auf die Frage, welchen Becher er wollte, zeigte Kanzi in 68 % der Fälle auf den Becher, der nach der Vorstellung noch Saft enthielt. In einem Kontrollversuch, bei dem realer Saft gegen vorgestellten Saft angeboten wurde, wählte Kanzi fast 80 % der Zeit die echte Flüssigkeit, was nahelegt, dass er zwischen einer tatsächlichen Flüssigkeit und der in einem Rollenspiel dargestellten unterscheiden konnte. Ein ähnlicher Versuch mit künstlichen Trauben in Gläsern erzielte vergleichbare Ergebnisse.
Warum das für die Tierkognition wichtig ist
Vorspiel oder „pretend play“ ist mehr als bloßer Zeitvertreib. Beim Menschen signalisiert es symbolisches Denken: die Fähigkeit, abwesende Objekte mental zu repräsentieren und gedankliche Szenarien zu manipulieren — Fähigkeiten, die mit Kreativität, Planung und Aspekten der sozialen Kognition verbunden sind, häufig assoziiert mit dem Konzept der Theory of Mind. Wenn nichtmenschliche Menschenaffen zuverlässig zwischen vorgestellten und realen Zuständen unterscheiden und entsprechend handeln können, könnten die Wurzeln dieser kognitiven Fähigkeiten tiefer in unserer Evolutionsgeschichte liegen als bisher angenommen.
„Was an dieser Arbeit wirklich aufregend ist, ist die Aussicht, dass die Ursprünge dieser Vorstellungskraft nicht ausschließlich unserer Spezies vorbehalten sein könnten“, sagte Christopher Krupenye von der Johns Hopkins University, Co-Autor der Studie. Amalia Bastos von der University of St. Andrews, ebenfalls Co-Autorin, merkte an, dass Kanzis Leistung in den Kontrollversuchen — die realen Saft bevorzugte, wenn beide Optionen angeboten wurden — die Interpretation stützt, dass er nicht einfach durch die Illusion verwirrt war.
Dennoch ist Vorsicht geboten. Nicht alle Forschenden werten die Befunde als ausschlaggebend. Michael Tomasello, ein vergleichender Psychologe an der Duke University, der nicht an der Studie beteiligt war, argumentiert, dass es einen Unterschied macht, ob ein Tier auf die Vortäuschung einer anderen Person reagiert oder ob das Tier selbst Vortäuschung initiiert und aufrechterhält. Um vollständig überzeugt zu sein, schrieb er, möchte er sehen, wie Kanzi selbst so tut, als gieße er Wasser in einen Behälter, oder auf andere Weise die Vortäuschung eigenständig erzeugt.
Der Kontext ist entscheidend. Kanzis außergewöhnliche Sozialisierung mit Menschen dürfte sein Verhalten geprägt haben. Er wuchs in engem, kontinuierlichem Kontakt mit Betreuungspersonen auf, die symbolische Kommunikation und regelmäßiges Spiel modellierten; ob wildlebende Bonobos oder andere Menschenaffen ähnlich reagieren würden, bleibt offen. Kanzi verstarb im vergangenen Jahr im Alter von 44 Jahren und hinterließ sowohl Daten als auch neue Forschungsfragen.
Experimentelles Vorgehen und methodische Details
Methodisch entlehnten die Forschenden Verfahren aus der Entwicklungspsychologie: dieselben einfachen, wiederholbaren Manipulationen, die verwendet werden, um das Verständnis von Vorstellungs-Spiel bei Kindern zu messen. Diese Übertragbarkeit ist wichtig. Wenn Ergebnisse artspezifisch und mit vergleichbaren Tests über Kreuz interpretiert werden können, beleuchten sie Kontinuitäten kognitiver Fähigkeiten, statt künstliche Vergleiche zu erzwingen.
Im Detail umfasste das Protokoll standardisierte Instruktionen, wiederholte Trials und Kontrollbedingungen, um assoziatives Lernen oder zufällige Wahl zu minimieren. Die Kontrollbedingungen beinhalteten reale versus inszenierte Objekte, kontrastierende Reize (z. B. echte Trauben vs. Attrappen in Gläsern) und Trials, bei denen die Versuchsleiterin bewusst falsche Hinweise geben musste, um mögliche Cueing-Effekte zu erkennen. Zusätzlich wurde registriert, ob Kanzi Blickwechsel, Gesten oder andere soziale Signale des Versuchspersonals las und nutzte — wichtige Indikatoren für sogenannte Clever-Hans-Effekte.
Wichtig ist, dass die Stichprobe extrem klein war — im Wesentlichen ein Individuum mit einer einzigartigen Lebensgeschichte. Das stellt die statistische Generalisierbarkeit infrage und erfordert Replikationen mit weiteren Individuen und gegebenenfalls anderen Arten. Ferner müssen alternative Erklärungen rigoros ausgeschlossen werden: das reine Imitieren von Handlungen, das Lesen subtiler nonverbaler Hinweise, konditionierte Reaktionen auf experimentelle Routinen oder die Nutzung von Geruchssignalen und Umweltspuren zur Entscheidungsfindung.
Technisch anspruchsvollere Folgeversuche könnten Doppelblind-Designs, automatisierte Stimuluspräsentation und die Einbeziehung videobasierter Verhaltensanalysen mit maschineller Kodierung verwenden, um menschliche Einflüsse zu minimieren. Solche Protokolle würden die Befunde robuster machen und helfen, zwischen individueller Lerngeschichte und artspezifischen Kapazitäten zu unterscheiden.
Aus kognitionswissenschaftlicher Sicht ist die Frage, ob ein Tier innerlich eine „repräsentationale“ Vorstellung erzeugt, schwer zu klären. Verhaltensdaten wie die hier berichteten liefern Indizien, doch die Interpretation hängt von der experimentellen Trennschärfe ab. Eine Kombination aus Verhaltensstudien, neurobiologischen Messungen (z. B. nichtinvasive Bildgebung, wenn möglich) und vergleichender Analyse über mehrere Individuen und Populationen würde die Aussagekraft deutlich erhöhen.
Kontext: Ethik, Naturschutz und Forschungspraxis
Die Dringlichkeit des Naturschutzes zieht sich wie ein roter Faden durch diese Forschung. Viele Menschenaffenarten sind stark gefährdet; ethische und logistische Einschränkungen für invasive oder groß angelegte Tests sind real und müssen respektiert werden. Forschung an solchen Arten erfordert daher besonders sorgsame ethische Abwägungen, artgerechte Haltungsbedingungen und ein Höchstmaß an Transparenz.
Gleichzeitig zeigen sorgfältig durchgeführte Studien, die das Wohlergehen der Tiere in den Mittelpunkt stellen, eine kognitive Tiefe, die unsere Auffassung vom Tiergeist verändern kann. Erkenntnisse über symbolisches Denken, soziales Lernen oder Vorstellungsvermögen haben Implikationen für Artenmanagement, Bildungsarbeit und Naturschutzstrategien: Sie können etwa die rechtliche und ethische Bewertung von Menschenaffen in Gefangenschaft beeinflussen oder Prioritäten für die Erhaltung natürlicher Lebensräume schärfen.
Praktisch bedeutet das: Forschungseinrichtungen, Tierschutzorganisationen und Regulierungsbehörden sollten zusammenarbeiten, um Studien zu fördern, die hohe methodische Standards erfüllen und gleichzeitig das Wohl der Individuen sichern. Beteiligung lokaler Gemeinschaften sowie interdisziplinäre Kooperationen mit Ethologen, Psychologen, Neurobiologen und Naturschützern stärken die Validität und gesellschaftliche Relevanz der Ergebnisse.
Fachliche Einsicht
Dr. Leila Moreno, eine kognitive Ethologin mit Schwerpunkt soziales Lernen, reflektiert: „Kanzis Fall ist ein seltener Einblick. Er schließt das Buch nicht, aber er schlägt ein neues Kapitel auf, in dem gefragt wird, ob Vorstellungs-Spiel ein seltenes kulturelles Artefakt oder eine latente Fähigkeit bei Menschenaffen ist. Der nächste Schritt sind kontrollierte Experimente mit verschiedenen Gruppen und Kontexten, um individuelle Historie von artspezifischen Merkmalen zu trennen.“
Aus expertenmethodischer Perspektive sind mehrere Aspekte hervorzuheben: die Notwendigkeit größerer Stichproben, der Vergleich zwischen in menschlicher Obhut aufgewachsenen und wildlebenden Individuen, sowie die Einbettung von Kontrollbedingungen, die menschliches Cueing ausschließen. Nur so lässt sich klären, inwieweit beobachtetes Verhalten auf intrapsychische Repräsentation versus sozial-lernende Mechanismen zurückzuführen ist.
Die Studie beantwortet nicht abschließend, ob Menschenaffen Vorstellungskraft genau wie Menschen erleben. Sie verschiebt jedoch das wissenschaftliche Denken dahin, Vorstellungskraft als messbare Verhaltensfähigkeit zu begreifen und nicht als ausschließliches menschliches Mysterium. Diese Perspektivverschiebung wirft neue Fragen auf, etwa wie symbolisches Spiel, Kommunikation und kulturelle Praktiken sich gemeinsam über Primaten entwickelt haben — und fordert uns auf, sensibel zuzuhören, was eine einfache Teeparty über fremde Geister aussagen kann.
Für die weitere Forschung empfiehlt sich ein mehrstufiger Ansatz:
- Replikation mit mehreren Individuen innerhalb verschiedener Einrichtungen, um individuelle Besonderheiten zu kontrollieren.
- Vergleichsstudien zwischen in menschlicher Obhut aufgewachsenen und wildlebenden Menschenaffenpopulationen.
- Entwicklung von Aufgaben, in denen das Tier die Vortäuschung selbst initiieren muss (z. B. selbst „einschenken“), um spontane symbolische Handlungen zu prüfen.
- Einsatz von Videoanalysen und Blindkodierung, um Beobachter-Bias zu minimieren.
- Interdisziplinäre Zusammenarbeit zur Verbindung von Verhaltensdaten mit neurobiologischen und ökologischen Kontexten.
Solche Schritte würden helfen, die Frage zu beantworten, ob Vorstellungs-Spiel ein adaptives Merkmal mit evolutionären Wurzeln ist oder vorrangig das Ergebnis intensiver menschlicher Sozialisation und kultureller Einflüsse.
Abschließend: Kanzis Leistung erweitert unseren Blick auf Tierkognition und unterstreicht, wie viel noch über die geistigen Fähigkeiten von Nichtmenschen zu entdecken ist. Sie betont zugleich die Verantwortung, diese Forschung mit größter wissenschaftlicher Sorgfalt und ethischem Respekt zu betreiben — im Wissen, dass jede neue Erkenntnis auch Konsequenzen für Artenschutz und tierethische Diskussionen haben kann.
Quelle: sciencealert
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