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Stellen Sie sich vor, Sie treten in den Winter und spüren, wie Ihre Haut aufflammt, als würde sie gestochen. Schmerz. Juckende rote Quaddeln. Schwellungen, die sich von einem Finger bis zu einer ganzen Gliedmaße ausbreiten. Für eine kleine, aber bedeutende Gruppe von Menschen verursacht Kälteeinwirkung mehr als nur Unbehagen; sie bringt das Immunsystem dazu, überzureagieren — auf unvorhersehbare Weise und in seltenen Fällen lebensbedrohlich zu werden. Die Intensität und Ausbreitung dieser Reaktionen kann stark variieren, weshalb frühzeitige Abklärung und ein individuelles Management wichtig sind.
Wie Kälteurtikaria aussieht und warum sie wichtig ist
Kälteurtikaria, manchmal auch als Kälteallergie bezeichnet, ist eine Erkrankung, bei der Kontakt mit niedrigen Temperaturen Nesselsucht (Quaddeln), Schwellungen und in schweren Fällen systemische Reaktionen wie eine Anaphylaxie auslöst. Die Hautreaktion kann auftreten, solange die Haut kalt ist, oder wenn sie sich wieder erwärmt. Auslöser sind vielfältig: kalte Winterluft, das Halten von Eis, Schwimmen in kaltem Wasser oder sogar das Trinken eines gekühlten Getränks. Die Beschwerden reichen von kurzlebigen, lokal begrenzten Quaddeln bis zu generalisierten Reaktionen, die eine Notfallbehandlung erfordern. Zusätzlich können Angioödeme auftreten, die tiefere Hautschichten und Schleimhäute betreffen und zu Atemnot führen können, was die Dringlichkeit unterstreicht.
Die Erkrankung ist selten, aber keineswegs harmlos. Epidemiologische Studien schätzen etwa sechs Fälle pro 10.000 Menschen, wobei eine Unterdiagnose wahrscheinlich ist, weil milde Formen oft unerkannt bleiben, besonders in Regionen ohne häufige Frosttage. Frauen sind fast doppelt so häufig betroffen wie Männer, und die Erkrankung beginnt am häufigsten in den frühen Zwanzigern, obwohl ein Auftreten in jedem Lebensalter möglich ist. Es gibt sowohl vorübergehende als auch chronische Verlaufsformen, und der individuelle Verlauf kann durch Begleiterkrankungen oder berufliche Exposition beeinflusst werden. Außerdem schwankt die Häufigkeit zwischen Populationen und Klimazonen, und bei Kindern treten manchmal andere Muster als bei Erwachsenen auf.
Biologie im Zentrum der Reaktion: Mastzellen und Histamin
Im Zentrum der Kälteurtikaria stehen Mastzellen, Immunzellen, die in Haut und anderen Geweben leben und als Wächter des Immunsystems agieren. Bei Aktivierung setzen sie Histamin und weitere Mediatoren wie Tryptase, Leukotriene und Zytokine frei. Histamin erweitert die Blutgefäße und erhöht deren Durchlässigkeit; das führt zu Rötung, Schwellung und Juckreiz. Wenn diese Reaktion systemisch wird, kann der Blutdruck fallen, die Atemwege sich verengen und eine Anaphylaxie auftreten. In schweren Fällen werden erhöhte Serum-Tryptase-Werte beobachtet, doch dies ist nicht bei jedem Patienten der Fall.
Warum Kälte bei bestimmten Personen Mastzellen aktiviert, ist Gegenstand intensiver Forschung. Die primäre Kälteurtikaria, die etwa 95 Prozent der Fälle ausmacht, hat meist keine klar identifizierbare äußere Ursache. Sekundäre Formen (etwa fünf Prozent) stehen im Zusammenhang mit Infektionen oder Erkrankungen wie dem Epstein-Barr-Virus, Hepatitis C, HIV oder bestimmten Lymphomen. Seltene genetische Syndrome, etwa familiäre autoinflammatorische Syndrome mit Kälteempfindlichkeit, können ebenfalls Kältesymptome verursachen, sind jedoch Ausnahmen. Eine plausible Hypothese besagt, dass Kälteeinwirkung Proteine oder Zellmembranen so verändert, dass sogenannte Autoallergene entstehen und das Immunsystem körpereigene Strukturen angreift. Andere Hypothesen betreffen Veränderungen der Membranfluidität, Komplementsystem-Aktivierung oder verminderte regulatorische Mechanismen der Mastzellen. Zudem wird diskutiert, welche Rolle IgE-vermittelte Prozesse, nicht-IgE-abhängige Mechanismen oder systemische Entzündungsreaktionen bei der Verstärkung einer lokalen Reaktion spielen. Die genaue Kaskade vom Temperaturreiz zur Mastzellaktivierung ist noch nicht vollständig aufgeklärt und bleibt ein wichtiges Feld für immunologische Studien.
Wie Kliniker die Diagnose bestätigen und das Risiko einschätzen
Der einfachste diagnostische Test ist zugleich der direkteste: Ein Eiswürfel wird unter ärztlicher Aufsicht auf den Unterarm gelegt. Bildet sich an der Stelle, an der das Eis die Haut berührt hat, eine Quaddel, gilt der Test als diagnostisch. Dieser Eiswürfeltest muss in einer kontrollierten Umgebung durchgeführt werden, da etwa einer von fünf positiven Tests systemische Reaktionen einschließlich Anaphylaxie auslösen kann. Vorsichtsmaßnahmen und ein Notfallplan sind daher erforderlich.
Nach der Diagnose quantifizieren Kliniker die Empfindlichkeit häufig mit zwei Messgrößen. Beim Kältereizungstest wird die Zeit gemessen, bis bei Kälteeinwirkung eine sichtbare Quaddel entsteht; eine kürzere Zeit weist auf höhere Reaktivität hin. Die kritische Temperaturgrenze bestimmt die wärmste Temperatur, die noch eine Reaktion auslöst. Diese Parameter helfen, praktische Empfehlungen abzuleiten: wie strikt jemand bestimmte Expositionen meiden muss und ob das Mitführen von Notfallmedikamenten sinnvoll ist. Ergänzend werden manchmal Bluttests und serologische Untersuchungen durchgeführt, um sekundäre Ursachen auszuschließen oder Begleiterkrankungen zu identifizieren (z. B. Hepatitis- oder EBV-Tests). In spezialisierten Zentren kommen für wissenschaftliche Zwecke kalibrierte Kältesteuergeräte (Peltier-Elemente) zum Einsatz, die präzisere Messungen ermöglichen. Die Differentialdiagnose umfasst andere Formen der Urtikaria wie cholinerge Urtikaria, aquagene Urtikaria oder physikalisch verursachte Urtikaria, weshalb eine fachärztliche Abklärung durch Allergologen oder Dermatologen empfehlenswert ist.

Kalte Speisen und Getränke können die Erkrankung auslösen.
Behandlungsoptionen von Antihistaminika bis Biologika
Die Therapie beginnt mit Vermeidung und Vorsorge. Antihistaminika bilden die Basisbehandlung und reduzieren Juckreiz sowie Schwellungen, indem sie Histaminrezeptoren blockieren. Second‑Generation-H1‑Antihistaminika (nicht sedierend) werden bevorzugt; bei unzureichender Wirkung kann die Dosis unter ärztlicher Aufsicht auf das bis zu Vierfache der Standarddosis gesteigert werden. Eine höhere Dosierung erfordert Überwachung, da einige Substanzen sedierende oder kardiale Nebenwirkungen verursachen können. Gelegentlich werden zusätzlich H2‑Blocker oder Leukotrienantagonisten eingesetzt, wobei die Evidenz hierfür variabel ist. Bei der Auswahl der Substanzen spielen Komorbiditäten, Schwangerschaftswunsch und mögliche Wechselwirkungen eine Rolle.
Rund 60 Prozent der Betroffenen sprechen gut auf Antihistaminika an. Bei kurzzeitigen, ausgeprägten Schüben kann ein kurzfristiger Kurs mit oralen Kortikosteroiden Linderung bringen, wenngleich eine langfristige Steroidtherapie wegen erheblicher Nebenwirkungen — etwa Gewichtszunahme, Stimmungsschwankungen und metabolischen Effekten — vermieden werden sollte. Für Patienten mit unkontrollierter Erkrankung haben zielgerichtete Biologika die Behandlung verändert: Omalizumab, ein monoklonaler Antikörper, der Immunglobulin E neutralisiert, hat sich in schweren oder therapieresistenten Fällen als vorteilhaft erwiesen und wird zunehmend eingesetzt. Die Zugänglichkeit und Kosten für Biologika sowie die Notwendigkeit einer fachärztlichen Betreuung sind praktische Aspekte, die vor Therapiebeginn besprochen werden sollten. Weitere experimentelle Ansätze, darunter zielgerichtete Immunmodulatoren, befinden sich in klinischen Studien.
Desensibilisierung, also eine schrittweise Exposition gegenüber kühleren Temperaturen über Stunden oder Tage, wurde in kleinen Studien mit begrenztem Erfolg erprobt; sie ist noch keine allgemein anerkannte Therapie, bietet aber einzelnen Patienten Perspektiven. In Notfallsituationen bleibt intramuskuläres Adrenalin (z. B. über einen Autoinjektor) die lebensrettende Maßnahme bei Anaphylaxie. Studien deuten darauf hin, dass Adrenalin-Autoinjektoren bei Menschen mit Kälteurtikaria möglicherweise zu selten verschrieben werden; ein individueller Gefahrencheck kann die Indikationsstellung klären. Patientenschulungen, schriftliche Notfallpläne und das Einüben der Anwendung eines Autoinjektors sind Teil einer guten Versorgung.

Die meisten Menschen mit Kälteurtikaria sprechen auf Antihistaminika an.
Besondere Risiken und praktische Ratschläge
Bestimmte Situationen erhöhen das Risiko erheblich. Schwimmen in kaltem Wasser kann eine schnelle, systemische Histaminausschüttung auslösen, die zu Ohnmacht und im schlimmsten Fall zum Ertrinken führen kann. Chirurgische Eingriffe bergen ebenfalls zusätzliche Gefahren, weil Anästhesie und kühle Operationssäle die Körperkerntemperatur senken können; perioperative Erwärmungsprotokolle sind für bekannte Patienten wichtig. Berufliche Expositionen und Freizeitaktivitäten sollten mit einem Allergologen oder Dermatologen besprochen werden, um einfache Schutzmaßnahmen wie isolierende Handschuhe, warme Ummantelungen oder das Vermeiden direkten Eiskontakts individuell abzustimmen. Auch das Tragen eines medizinischen Notfallausweises und das Informieren von Familienmitgliedern oder Kolleginnen über mögliche Reaktionen sind praktische, einfache Schritte.
Zur konkreten Alltagsvorsorge gehören: Schichtenprinzip beim Ankleiden, Vermeiden plötzlicher Immersion in kaltes Wasser, Begleitung bei gefährlichen Aktivitäten (z. B. Schwimmen), das Mitführen einer Notfallmedikation und das Informieren medizinischer Dienste bei besonderen Reisen oder Tätigkeiten. Bei beruflicher Exposition kann ein individueller Arbeitsplatzschutzplan sinnvoll sein, der einfache technische oder organisatorische Maßnahmen umfasst.
Es gibt positive Nachrichten: Längsschnittdaten zeigen, dass bei etwa einem Viertel bis zur Hälfte der Patienten im Laufe der Zeit eine partielle oder vollständige Remission eintreten kann. Das heißt, sorgfältige Diagnostik, Aufklärung und Management tun mehr, als nur Symptome zu kontrollieren — sie schaffen Zeit, in der sich eine Empfindlichkeit bei einem Teil der Betroffenen zurückbilden kann. Regelmäßige Nachsorge, Anpassung der Medikation und Verhaltensempfehlungen sind wichtige Bestandteile der langfristigen Betreuung. Bei Kinderwunsch oder Schwangerschaft sollten Therapiepläne frühzeitig besprochen und angepasst werden.
Experteneinblick
Dr. L. Maria Jensen, klinische Immunologin und Allergiespezialistin, betont, dass die Erkrankung häufig unterschätzt wird. Sie sagt: "Ich sehe Patientinnen und Patienten, die die Kälte als etwas akzeptiert haben, das sie einfach ertragen müssen. Wenn wir den Auslöser identifizieren und einen konkreten Plan erstellen, kehren viele mit wenigen sinnvollen Vorsichtsmaßnahmen in ein normales Leben zurück. Für eine Minderheit kann eine intensivere Therapie wie Omalizumab transformativ wirken und Sicherheit sowie Funktionalität wiederherstellen."
Das biologische Rätsel ist gleichzeitig eine Einladung zur Forschung. Zu entschlüsseln, warum gerade Kälte — ein neutraler Umweltfaktor — eine an sich hilfreiche Immunreaktion in eine schädliche verwandelt, könnte Mechanismen offenbaren, die für andere Allergien oder Autoimmunerkrankungen relevant sind. Solche mechanistischen Einsichten könnten in Zukunft zu präziseren, zielgerichteten Therapien führen. Vorgeschlagene Forschungslinien umfassen Biomarker-Studien, genetische Analysen und interdisziplinäre Versuche, um Umweltfaktoren, Immunantworten und klinische Verläufe zu verknüpfen.
Wenn Sie oder eine Ihnen nahestehende Person nach Kältekontakt Quaddeln entwickeln, suchen Sie fachärztliche Abklärung. Einfache Tests können das Risiko klären und auf wirksame Interventionen hinweisen, die es ermöglichen, die Jahreszeiten oder das Schwimmen wieder ohne Angst zu genießen. Eine frühzeitige, strukturierte Betreuung erhöht die Sicherheit im Alltag und eröffnet therapeutische Optionen, die Lebensqualität deutlich verbessern können.
Quelle: sciencealert
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