Langsame Umkehrungen des Erdmagnetfelds nachgewiesen

Langsame Umkehrungen des Erdmagnetfelds nachgewiesen

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Stellen Sie sich einen Planeten vor, dessen unsichtbares Schutzschild sich langsam ausdünnt, dann wandert und schließlich umschlägt. Nicht über Nacht. Nicht innerhalb menschlicher Lebensspannen. Über Zehntausende von Jahren. Das ist die Geschichte, die ein Satz alter Meeresbodenablagerungen zu erzählen scheint, in die Wissenschaftler 2012 im Nordatlantik gebohrt haben.

Das Magnetfeld der Erde wird oft als stabile planetare Schutzschicht betrachtet, doch geologische Aufzeichnungen zeigen ein weitaus dynamischeres und veränderlicheres System. Neue Untersuchungen antiker Ozeansedimente legen nahe, dass manche geomagnetischen Umkehrungen sich deutlich langsamer vollzogen haben, als man früher annahm. Credit: Shutterstock

Die magnetisierten Schichten der Zeit lesen

Tief unter dem Meer ist jede dünne Sedimentschicht eine Seite in der Geschichte der Erde. Mikroskopisch kleine Magnetitkristalle, die von Mikroben gebildet oder durch atmosphärischen Staub eingetragen werden, richten sich beim Ablagern nach dem vorhandenen Magnetfeld aus. Im Laufe von Millionen Jahren werden diese Körnchen zu einem dauerhaften Archiv von Richtung und Feldstärke. Paläomagnetiker lesen diese Aufzeichnungen wie Detektive Fingerabdrücke: sie extrahieren Richtung, Intensität und Übergangscharakteristiken aus den remanenten Magnetisierungen.

Die meisten geomagnetischen Umkehrungen — die Zeitpunkte, an denen magnetisch Norden und Süden die Plätze tauschen — galten lange als mehrtausendjährige Ereignisse, typischerweise in der Größenordnung von zehntausend Jahren. Als ein Team unter Leitung von Yuhji Yamamoto (Kochi University) und Peter Lippert (University of Utah) jedoch Bohrkerne untersuchte, die bis zu 300 Meter unter dem Nordatlantik vor Neufundland reichen, entdeckten sie Unerwartetes: Intervalle, in denen der Übergang weit länger ausgedehnt war, als es das Lehrbuchbild vorsieht.

Ein Sedimentpaket von nur acht Metern Mächtigkeit zeichnete eine Polaritätsänderung auf, die kein schneller Umschlag, sondern vielmehr ein langgezogenes Wackeln war. Das instabile Intervall erstreckte sich über viele Zentimeter im Kern. Das deutete auf eine Umkehr in Zeitlupe hin — nicht ein kurzer Sturm, sondern eher eine lange Saison der Turbulenzen im magnetischen System der Erde.

Wie das Team langsame Umkehrungen rekonstruiert hat

Die Probennahmestrategie ist entscheidend. Die Forscher kehrten zu dem verdächtigen Intervall zurück und entnahmen Proben mit extrem feinem Abstand — nur wenige Zentimeter zwischen den Einzelproben — um die zeitliche Auflösung zu erhöhen. Über mehrere Jahre hinweg kombinierten sie Laboruntersuchungen mit sorgfältiger Altersmodellierung und schufen hochpräzise Zeitlinien für zwei Umkehrungen, die in den Eozän-Sedimenten erhalten sind: eine mit einer geschätzten Dauer nahe 18.000 Jahren und eine weitere, die sich bis auf rund 70.000 Jahre erstreckt.

Die Rekonstruktion vereinte paläomagnetische Richtungs- und Intensitätsdaten mit Sedimentationsratenbeschränkungen, um Tiefe in Zeit umzurechnen. Methoden wie Korrigierte Sedimentationsraten aus Biostratigraphie, Isotopen-Stratigraphie und teils astronomische Kalibrierungen halfen, relative Tiefen in absolute Zeitspannen zu übertragen. Computermodelle des Geodynamos — des konvektierenden, elektrisch leitenden äußeren Erdkerns, der das Magnetfeld erzeugt — hatten bereits vorhersagt, dass Umkehrungen in ihrer Dauer stark variieren können. Viele sind kurz; manche können deutlich länger andauern. Dieser neue Gesteinsdatensatz liefert robuste, empirische Belege dafür, dass magnetische Umschläge der Erde tatsächlich wie Zeitlupenfilme ablaufen können.

Datenqualität und Interpretation

Um sicherzustellen, dass das Signal das geomagnetische Feld widerspiegelt und nicht lokale Störungen im Sediment, überprüften die Forschenden systematisch mögliche Störfaktoren: diagenetische Überprägungen, Bioturbation durch Organismen, Veränderungen in der Mineralogie sowie physikalisch-chemische Umwandlungen. Kennwerte der Gesteinsmagnetik — etwa thermische Suszeptibilitätsmessungen, Gleichfeld- und Wechselstrom-Remanenztests (NRM, ARM, IRM), Hysteresekurven und Forc-Diagramme — ergaben, dass die magnetithaltigen Körner in diesen eozänen Schichten eine konsistente und kohärente magnetische Signatur bewahrten.

Korrelationen mit anderen globalen Aufzeichnungen (z. B. magnetostratigraphische Marker, 10Be- und 14C-Produktionsindikatoren in geeigneten Archiven) sowie die physikalische Plausibilität der errechneten Dauern — die mit Geodynamomodellen übereinstimmen — stützen diese Interpretation weiter. Solche Mehrlinien-Evidenz ist nötig, um zu zeigen, dass es sich nicht um ein lokales Phänomen handelt, das durch ungewöhnliche Ablagerungsraten oder nachträgliche Umformungen entstanden ist.

Yuhji Yamamoto fasste die Überraschung prägnant zusammen: „Dieses Ergebnis offenbarte einen außergewöhnlich verlängerten Umkehrprozess, der das konventionelle Verständnis infrage stellt und uns ehrlich gesagt erstaunt zurücklässt.“

Warum die Dauer für Klima und Leben wichtig ist

Das Magnetfeld ist mehr als nur ein Kompasshinweis. Es wirkt als Filter gegen geladene Teilchen des Sonnenwinds und gegen kosmische Strahlung aus dem interplanetaren Raum. Wenn das Feld während einer Umkehr schwächer und chaotischer wird, können energiereichere Teilchen tiefer in die obere Atmosphäre eindringen. Das ändert die atmosphärische Chemie — zum Beispiel durch erhöhte Bildung reaktiver Stickstoffverbindungen (NOx) und ungewöhnlicher Sauerstoffspezies — und beeinflusst, wie solare Energie in die Atmosphärenschichten eingetragen wird.

Solche chemischen und strahlungsbedingten Störungen können sich auf Klimaprozesse auswirken: sie verändern die Strahlungsbilanz, beeinflussen Wolkenbildungsprozesse über Aerosolbildung und können regionale Temperatur- und Niederschlagsmuster modulieren. Zusätzlich sind viele Tierarten auf magnetische Hinweise zur Navigation angewiesen — von Zugvögeln über Meeresschildkröten bis zu manchen Fischarten. „Das Magnetfeld bietet das Sicherheitsnetz gegen Strahlung aus dem Weltraum“, erklärte Peter Lippert. „Wenn dieses Netz über Zehntausende von Jahren nachlässt, öffnet das die Tür für längere und intensivere Exposition gegenüber kosmischer Strahlung — was möglicherweise Mutationsraten beeinflusst, in geringem Maße atmosphärische Erosion fördert und verhaltensabhängige Navigationssysteme stört.“

Direkte, kausale Verknüpfungen zwischen langsamen Umkehrungen und Massenaussterben sind bislang nicht eindeutig belegt. Dennoch liefert die Möglichkeit, dass verlängerte Phasen schwachen Feldes evolutionäre Druckveränderungen oder regionale Klimaeffekte hervorrufen könnten, Paläobiologen und Klimaforschern neue Hypothesen zur Überprüfung. Beispielsweise könnten erhöhte Ionisationsraten die Häufigkeit bestimmter Mutationen beeinflussen oder lokale Ökosysteme empfindlich auf veränderte UV- und Teilchenflüsse reagieren.

Wissenschaftlicher und technologischer Kontext

Die Veröffentlichung dieser Ergebnisse kommt zu einer Zeit, in der die Modellierung des Geodynamos große Fortschritte gemacht hat. Hochleistungsrechnungen (HPC) erzeugten schon länger ein Spektrum an Umkehrverhalten: kurze, chaotische Umschläge und seltene, langwierige Übergänge, die sich bis zu hunderttausend Jahre erstrecken können. Einen geologischen Beleg für Letzteres zu finden, hilft, Modelle in der Realität zu verankern und liefert konkrete Targets für künftige Simulationen.

Technisch stützte sich die Studie auf die Kerne der Integrated Ocean Drilling Program-Expedition 342, sorgfältige Magnetometer-Messungen in spezialisierten Reinräumen sowie Sedimentationsraten-Beschränkungen aus Biostratigraphie und Isotopen-Aufzeichnungen. Laborverfahren umfassten thermische und alternierende Feld-Entmagnetisierungen, Messungen der remanenten Magnetisierungen unter verschiedenen Bedingungen und komplexe Gesteinsmagnetik-Analysen, ergänzt durch Dünnschliffe, Rasterelektronenmikroskopie (REM) und Röntgendiffraktometrie (XRD) zur Mineralbestimmung. Diese kombinierte empirische und modellgestützte Herangehensweise ist genau die Art interdisziplinärer Arbeit, die moderne Erdwissenschaften erfordern.

Experteneinschätzung

„Die Geophysik überrascht uns oft, indem sie die Variabilität planetarer Prozesse offenlegt“, sagt Dr. Maria Kovalenko, Geophysikerin an einem nationalen Forschungslabor, die nicht an der Studie beteiligt war. „Die Vorstellung, dass eine Umkehrung sich über Zehntausende von Jahren erstrecken kann, verändert unseren Blick auf magnetische Abschirmung und deren Kopplung an Atmosphäre und Biosphäre. Diese langen Übergänge schaffen ein ausgedehntes Zeitfenster, in dem weltraumwettergetriebene Chemie auf das System einwirken kann.“

Kovalenko ergänzt, dass künftige Arbeiten hochauflösende Aufzeichnungen aus geografisch vielfältigen Standorten priorisieren sollten. „Wir müssen klären, ob diese langsamen Umkehrungen global in Ausdruck und Timing waren oder ob lokale ablagerungsbedingte Prozesse die scheinbare Dauer an wenigen Orten überhöht haben.“

Das Team von Yuhji Yamamoto und Peter Lippert konzentrierte sich auf das Eozän (56 bis 34 Millionen Jahre vor heute), eine warme Periode mit eigenen klimatischen Besonderheiten. Dieser Kontext ist wichtig: Sedimentationsraten, Ozeanzirkulation und biologische Produktivität beeinflussen maßgeblich, wie treu ein Ablagerungsprotokoll geomagnetische Signale aufzeichnet. Wenn jedoch mehrere unabhängige Evidenzlinien zusammenlaufen — magnetostratigraphische Marker, globale Korrelationen und geophysikalische Tests — wird das geologische Tagebuch überzeugend.

Für Wissenschaftler, die sich mit der magnetischen Vergangenheit und Zukunft der Erde befassen, ist die Botschaft klar: Der Geodynamo arbeitet mit einem größeren Tempo-Spektrum als die einfache Faustregel von zehntausend Jahren. Das Magnetfeld zeigt ein unvorhersehbares Verhalten — manchmal ein schneller Umschwung, manchmal ein langes Abdriften. Und wenn dieses Schutzschild absinkt, können die Konsequenzen durch Atmosphäre, Klimasysteme und das lebende System hindurchwirken.

Yuhji Yamamoto untersucht Bohrkerne an Bord der JOIDES Resolution während der Expedition 2012 im Nordatlantik. 

Die nächsten Schritte sind konzeptionell einfach, aber in der Praxis anspruchsvoll: mehr hochauflösende Aufzeichnungen finden, Altersmodelle verfeinern und geologische Beobachtungen mit verbesserten Geodynamo- und atmosphärisch-chemischen Simulationen koppeln. Diese Anstrengung wird zeigen, ob die in Neufundland gefundenen langsamen Umkehrungen seltene Kuriositäten, vorhersehbare Ergebnisse der Kernphysik oder ein bislang übersehener Abschnitt in der langen Geschichte der Erde sind.

Die Geschichte, so scheint es, führt ihre eigene langsame Uhr.

Quelle: scitechdaily

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