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Intermittierendes Fasten versprach eine einfache Wahrheit: Das Essfenster zu komprimieren, und der Körper verbrennt Fett. Es klang sauber. Es klang modern. Doch eine neue, umfassende Übersichtsarbeit zu klinischen Studien deutet darauf hin, dass der Nutzen kleiner — und unklarer — sein könnte, als die Schlagzeilen suggerierten.
Was die Übersichtsarbeit ergab
Wissenschaftler unter der Leitung von Luis Garegnani am University Institute of the Italian Hospital in Buenos Aires untersuchten 22 randomisierte, kontrollierte Studien, die zwischen 2016 und 2024 veröffentlicht wurden. Fast 2.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Nordamerika, Australien, China und mehreren europäischen Ländern wurden einbezogen. Die Kurzformel: Über verschiedene Fastenprotokolle hinweg erzielte das Intervallfasten im Vergleich zu herkömmlicher Kalorienreduktion oder keiner Ernährungsveränderung über den Zeitraum von bis zu einem Jahr kaum bis gar keinen klinisch relevanten Gewichtsverlust.
„Im Vergleich zu traditionellen Ernährungsempfehlungen (wie Kalorienrestriktion oder der Veränderung von Lebensmitteltypen) kann intermittierendes Fasten bei Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas wenig bis keinen Unterschied hinsichtlich Gewichtsverlust und Lebensqualität bewirken“, schrieben die Autorinnen und Autoren und zeigten dabei moderate Zuversicht in ihre Befunde zum Gewichtsverlust, während die Evidenz für andere gesundheitliche Endpunkte als sehr unsicher beurteilt wurde.
Die in der Übersichtsarbeit betrachteten Studien testeten verschiedene Strategien: zeitbegrenztes Essen (tägliche Essfenster oft unter zehn Stunden), periodisches Fasten an einem oder zwei Tagen pro Woche, tageweises Fasten (alternate-day fasting) und modifiziertes tageweises Fasten (beispielsweise zwei Tage mit eingeschränkter Energiezufuhr und fünf Tage reguläres Essen). Viele Studien wurden ausgeschlossen, weil die Nachbeobachtungszeit zu kurz war; andere lieferten keine konsistenten Angaben zu unerwünschten Ereignissen, Diabetesstatus oder Teilnehmerzufriedenheit. Nur eine der eingeschlossenen Studien bewertete die Lebensqualität, und lediglich zwei Studien protokollierten Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Kopfschmerzen oder Übelkeit.
Dass umfassende Endpunkte fehlen, ist bedeutsam. Gewicht ist ein leicht zugängliches Schlagzeilenmaß, aber gesundheitliche Verbesserungen werden auf vielen Ebenen gemessen: Blutlipide, Insulinsensitivität, Entzündungsmarker und die subjektive Alltagsqualität. Hier ist die Evidenz inkonsistent oder schlicht nicht vorhanden.

Neue Erkenntnisse werfen Zweifel auf den Hype um das intermittierende Fasten.
Wissenschaftlicher Kontext und Implikationen
Warum besteht eine Lücke zwischen der populären Erzählung und den Daten? Ein Grund ist die biologische Variabilität. Menschen reagieren unterschiedlich auf dasselbe Ernährungsregime. Kurze Fastenphasen können den Stoffwechsel bei einigen Personen in Richtung Fettoxidation verschieben, während andere kaum messbare Veränderungen zeigen. Auch der Zeitpunkt spielt eine Rolle: Ein zehnstündiges Essfenster versus ein sechsstündiges kann unterschiedliche metabolische Effekte hervorrufen, und die Studienprotokolle variieren stark hinsichtlich Dauer, Kalorienzufuhr während der Essensphasen und Compliance-Strategien.
Maik Pietzner, ein Health-Data-Modeler am Berlin Institute of Health an der Charité, sagte gegenüber The Guardian, dass oft mehrere Fastentage nötig sind, bevor eindeutige metabolische Veränderungen im Blut sichtbar werden. „Wenn Menschen sich bei solchen Ernährungsregimen besser fühlen, würde ich sie nicht davon abhalten“, erklärte er, „aber diese Arbeit, zusammen mit anderen Studien auf dem Feld, zeigt deutlich, dass es keine robuste Evidenz für positive Effekte gibt, die über einen möglichen moderaten Gewichtsverlust hinausgehen.“
Die Übersichtsarbeit betont zudem ein praktisches Problem: Teilnehmende in Studien sind oft nicht repräsentativ für die breite Bevölkerung mit Übergewicht oder Adipositas. Das schränkt die Übertragbarkeit der Ergebnisse ein, insbesondere für Untergruppen mit unterschiedlichem Geschlecht, Alter oder sozioökonomischem Hintergrund. Garegnani und Kolleginnen schlagen vor, gezieltere Forschung ist nötig, um zu prüfen, ob Intervallfasten in benachteiligten Gruppen ernährungsbedingte Lücken vergrößern oder unbeabsichtigte Folgen haben könnte.
Methodologische Aspekte spielen ebenfalls eine große Rolle: Viele Studien litten unter geringer Stichprobengröße, unterschiedlicher Definition von Interventionen, fehlender Standardisierung bei der Messung metabolischer Marker und mangelnder Blinding-Methodik. In Ernährungsstudien ist Blinding oft schwierig, doch fehlende Maßnahmen zur Minimierung von Bias können zu überschätzten oder inkonsistenten Effekten führen. Ferner variierten Begleitmaßnahmen wie Beratung, physische Aktivität oder Begleittherapien, was die Interpretation der isolierten Wirkung des Fastens erschwert.
Aus physiologischer Sicht gibt es plausible Mechanismen, die das Interesse am Intervallfasten rechtfertigen: Veränderungen in der Ketogenese, Anpassungen der zirkadianen Rhythmik, Modulation der Autophagie und Effekte auf das Mikrobiom stehen im Raum. Aber der Nachweis, dass solche molekularen oder kurzfristigen Biomarkeränderungen in verlässliche, langfristige klinische Vorteile — wie reduzierte kardiovaskuläre Ereignisse, weniger Typ-2-Diabetes oder verbesserte Lebensqualität — übersetzen, ist bislang unzureichend.
Für die Praxis ergibt sich daraus eine Spannung: Intervallfasten ist kostengünstig, leicht zu erklären und für viele Menschen attraktiv. Doch therapeutische Empfehlungen in großem Maßstab erfordern belastbare Belege, dass sich die Gesundheit nachhaltig verbessert und keine Schäden entstehen. Die aktuelle Übersichtsarbeit legt nahe, dass diese Evidenz noch nicht ausreicht, um Intervallfasten als allgemeine klinische Empfehlung zu verankern.
Expertenerkenntnisse
Dr. Elena Morris, eine Forscherin im Bereich metabolische Gesundheit an einem großen universitären Zentrum, bietet eine pragmatische Sicht: „Intermittierendes Fasten ist keine Wunderlösung. Für manche Patientinnen und Patienten kann es ein nützliches Verhaltensinstrument sein — insbesondere wenn es hilft, nächtliches Naschen zu reduzieren oder die Mahlzeitenplanung zu vereinfachen. Aber bei anderen kann es Müdigkeit, gestörte Essmuster oder soziale Einschränkungen auslösen. Wir brauchen personalisierte Ansätze und bessere Langzeitstudien, die metabolische Marker, patientenberichtete Ergebnisse und Sicherheit in diversen Populationen messen.“
Es bestehen weiterhin mechanistische Gründe, Fasten weiter zu untersuchen. Tierexperimente und kleine Humanstudien deuten auf Effekte bei der Autophagie, Veränderungen in der Zusammensetzung des Darmmikrobioms und auf die circadiane Biologie hin — Prozesse, die Gehirngesundheit, Entzündungsreaktionen und kardiovaskuläres Risiko beeinflussen können. Allerdings ist die Überführung dieser zellulären oder kurzfristigen Blutbildänderungen in dauerhafte klinische Vorteile anspruchsvoll und erfordert große, gut konzipierte Studien mit geeigneten Endpunkten und ausreichend langer Nachbeobachtung.
Aus klinischer Sicht sollten Ärztinnen und Ärzte Intervallfasten vorerst als eine von mehreren möglichen Ernährungsstrategien betrachten, nicht als prinzipiell überlegene Methode. Wenn ein bestimmtes Fastenprotokoll die Adhärenz verbessert und die Lebensqualität einer einzelnen Person steigert, verdient es eine individuelle Berücksichtigung. Doch die Evidenzlage rechtfertigt aktuell keine breite Empfehlung des Intervallfastens als bewährten Weg zu langfristigem Gewichtsverlust oder verbesserter metabolischer Gesundheit.
Wichtige offene Fragen, die künftige Forschung klären sollte, umfassen:
- Welche Subgruppen profitieren am ehesten vom Intervallfasten (z. B. nach Alter, Geschlecht, metabolischem Profil)?
- Wie wirken sich verschiedene Fastenprotokolle (zeitbegrenztes Essen, alternate-day fasting, 5:2, modifizierte Protokolle) langfristig auf kardiometabolische Endpunkte aus?
- Welche Nebenwirkungen treten bei realistischer Alltagsanwendung auf, und wie häufig sind sie?
- Beeinflusst Intervallfasten die Ernährungsqualität oder verstärkt es Mikronährstoffmängel bei bestimmten Bevölkerungsgruppen?
Antworten auf diese Fragen benötigen größere randomisierte Studien mit längeren Follow-up-Zeiträumen, diverseren Teilnehmergruppen und standardisierten Berichten zu unerwünschten Ereignissen sowie zu patientenberichteten Outcomes wie Lebensqualität und Funktionsfähigkeit.
Praktische Empfehlungen für Klinik und Praxis könnten in der Zwischenzeit lauten: Wenn Patientinnen oder Patienten Intervallfasten ausprobieren möchten, sollte dies in einen strukturierten Rahmen eingebettet werden. Dazu gehören Basismessungen (Gewicht, Blutdruck, Lipide, HbA1c), klare Vereinbarungen zur Kalorien- und Nährstoffzufuhr während Essensphasen, regelmäßige Nachsorgetermine und Aufklärung über mögliche Nebenwirkungen wie Hypoglykämiesymptome, Schwindel oder Müdigkeit. Für Menschen mit bestimmten Erkrankungen — etwa Typ-1-Diabetes, fortgeschrittene Lebererkrankung, Essstörungen oder bei Schwangerschaft — ist Intervallfasten oft nicht empfehlenswert oder nur unter strenger medizinischer Überwachung angebracht.
Schließlich sollte die Forschung darauf achten, endpunktorientierte Studien zu priorisieren: relevante klinische Outcomes (kardiovaskuläre Ereignisse, Diabetesinzidenz), robuste Biomarker (Insulinresistenz, Entzündungsmarker), und patientenzentrierte Messgrößen (Lebensqualität, Schlaf, psychisches Wohlbefinden). Nur so lässt sich klären, ob das anfängliche Interesse am Intervallfasten in klar definierte, evidenzbasierte Empfehlungen überführt werden kann.
Neue Untersuchungen — mit längerer Nachbeobachtung, diverseren Teilnehmergruppen und standardisierten Berichtsformaten für Nebenwirkungen und Lebensqualität — werden bestimmen, ob Intervallfasten seinen Platz in der allgemeinen medizinischen Beratung einnimmt oder als populärer, aber ambivalenter Lifestyle-Trend bestehen bleibt.
Bis dahin bleibt die Kernbotschaft: Intervallfasten ist eine mögliche Strategie zur Gewichtsreduktion und zur Verhaltenssteuerung, jedoch ohne eindeutigen Nachweis, dass es konventionelle Methoden deutlich übertrifft. Ärztinnen, Ernährungsberater und Betroffene sollten Entscheidungen auf individueller Basis treffen, mit einer klaren Abwägung von Nutzen, Risiken und persönlichen Präferenzen.
Quelle: sciencealert
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