6 Minuten
Ein voller Mond hängt über der Startrampe, während Techniker Schritt für Schritt die Verfahren wiederherstellen, die Menschen erstmals seit mehr als einem halben Jahrhundert am Mond vorbeiführen könnten. Der Countdown am Kennedy Space Center läuft erneut an – nicht für den Start, sondern für eine nasse Generalprobe: eine vollständige Betankungssequenz, mit der nachgewiesen werden soll, dass das Space Launch System (SLS) und die Orion-Kapsel sicher befüllt werden können und den Füllzustand halten.

Ein voller Mond leuchtet über NASAs Space Launch System und der Orion-Raumkapsel.
Vor zwei Wochen stoppten Ingenieure den ersten Versuch, als winzige Lecks von Flüssigwasserstoff an den Verbindungsstellen zwischen Rakete und Bodeninfrastruktur auftraten. Diese kryogenen Leckagen – typischerweise an Umgabelungen, sogenannten Umbilicals und Dichtstellen – hatten bereits vor einigen Jahren eine unbemannte Artemis-Mission zum Stillstand gebracht. Was auf den ersten Blick klein wirkt, hat große Auswirkungen: Sicherheitsrisiken, Terminverschiebungen und umfangreiche Ursachenanalysen. Die Behebung solcher Fehler ist deshalb kein Detail, sondern entscheidend für die Zuverlässigkeit des gesamten Programms.
Am Pad tauschten Techniker zwei Dichtungen aus und entfernten einen verstopften Filter, bevor die Teams die Countdown-Uhren wieder starteten. Die geplante, zweitägige Sequenz soll mit dem sogenannten Tanking enden – dem Pumpen von eiskaltem Flüssigwasserstoff (LH2) und flüssigem Sauerstoff (LOX) in den SLS-Kern und die oberen Stufen. Dieser Ablauf umfasst mehrere Schritte wie das Vorkühlen (Chilldown) der Leitungen, schrittweises Befüllen, kontinuierliche Überwachung von Druck und Temperatur sowie das „Topping-off“, um gewünschte Füllstände zu erreichen. NASA wird die Operation live übertragen. Die Besatzung von Artemis II wird aus der Distanz zusehen, während die Kontrollteams die Abläufe durchspielen, die zwischen einer Generalprobe und einem verbindlichen Startfenster liegen.
Die vier Astronauten – Kommandant Reid Wiseman, Pilot Victor Glover sowie die Missionsspezialistinnen und -spezialisten Jeremy Hansen und Christina Koch – haben die Aufgabe, Lebenserhaltungssysteme, Kommunikations- und Navigationsfunktionen während eines etwa zehn Tage dauernden Mondvorbeiflugs zu testen. Die geplante Flugbahn führt sie am Mond vorbei, über dessen Rückseite und anschließend zurück zur Erde. Eine Landung ist diesmal nicht vorgesehen; Ziel ist die Validierung von Systemen unter realen Bedingungen des tiefen Weltraums: von der Funktionalität der Umweltsysteme über die Strahlungsüberwachung bis hin zur Verifikation von Bordnavigation und Langstreckenkommunikation.

Die Besatzung von Artemis II – (v.l.) Pilot Victor Glover, Missionsspezialist Jeremy Hansen, Kommandant Reid Wiseman und Missionsspezialistin Christina Koch.
Warum der Betankungstest entscheidend ist
Flüssigwasserstoff ist ein leistungsfähiger, aber ausgesprochen empfindlicher Treibstoff. Er muss bei kryogenen Temperaturen gehalten werden, weit unter dem Gefrierpunkt von Wasser und nahe den sehr niedrigen Temperaturen, die für kryogene Lagerung typisch sind. LH2 hat eine extrem geringe Dichte und neigt dazu, durch mikroskopisch kleine Spalten zu entweichen; zudem kann er Materialien anders beeinflussen als bei Raumtemperatur, etwa durch Versprödung oder veränderte Dichtungsgeometrien. Ein winziges Leck kann daher schnell ein großes Risiko darstellen: Es kann entzündliche Gemische mit Luft bilden, Bauteile ungewollt abkühlen und empfindliche Sensoren beeinflussen oder im schlimmsten Fall zu einem Abbruch der Betankung und damit zu einer Startverschiebung führen. Deshalb ist eine saubere, leckfreie nasse Generalprobe kein bloßer bürokratischer Schritt, sondern ein Sicherheitsgatter. NASA hat erklärt, dass dieses grüne Licht nötig ist, bevor ein verbindliches Startfenster bestätigt wird – aktuell ist ein frühester Termin um den 6. März im Gespräch –, doch die Teams nehmen sich die nötige Zeit, um jeden Datenpunkt gründlich auszuwerten.
Über die unmittelbaren Hardware-Reparaturen hinaus geht es bei dieser Generalprobe auch um Verfahren und Sicherheitsmargen. Wie verhalten sich Dichtungen nach mehreren Kaltgaszyklen? Wie melden Sensoren Anomalien, und wie zuverlässig sind ihre Messwerte? Wie schnell und sicher können Bodenmannschaften auf einen Messwert außerhalb der Toleranzen reagieren? „Wir beweisen die Wiederholbarkeit“, sagte ein NASA-Flugingenieur, der mit den Arbeiten an der Startrampe vertraut ist. „Es ist nicht glamourös, aber es ist das Rückgrat der bemannten Raumfahrt.“ Diese Wiederholbarkeit wird durch dokumentierte Abläufe, redundante Telemetrie, simulierte Fehlerfälle und klare Entscheidungs‑Kriterien (Go/No-Go) sichergestellt. Zu den überprüften Elementen gehören die Abschaltlogik, automatische Ventilsteuerungen, Druckentlastungswege und die Rückführbarkeit der Daten in die Mission-Management-Tools.
Das Artemis-Programm verfolgt einen anderen Ansatz als Apollo: Statt kurzer, punktueller Einsätze plant NASA nachhaltige Operationen in der südpolaren Region des Mondes – ein Terrain, das reich an Wassereis und wissenschaftlichem Potenzial ist. Das langfristige Ziel umfasst nicht nur einmalige Landungen, sondern die Erkundung und Nutzung lokal verfügbarer Ressourcen (In-Situ Resource Utilization, ISRU), wie etwa die Gewinnung von Wasser für Lebenserhaltung oder sogar die Herstellung von Raketentreibstoff vor Ort. Diese strategische Ausrichtung erfordert robuste, wiederholbare Systeme und eine Infrastruktur, die über einzelne Missionen hinaus Bestand hat. Der Erfolg von Artemis II wird deshalb weniger an spektakulären Bildern gemessen, sondern an harten Daten: beständige Telemetrie, stabile Tankdrücke und Temperaturen, verlässliche Lebenserhaltungs‑ und Kommunikationssysteme sowie die Validierung der Bordsoftware unter realen Bedingungen des tiefen Weltraums.
In den kommenden Tagen wird sich zeigen, ob Monate der Neugestaltung, Überarbeitungen von Dichtungswerkstoffen, Anpassungen der Bodeninfrastruktur und gezielte Fehlerbehebungen an der Startrampe die Sicherheitsmargen ausreichend verbessert haben, um vier Astronauten sicher in den tiefen Raum zu schicken. Beobachten Sie vor allem die Betankungssequenz und die Auswertungen der Ingenieur-Teams: Druck- und Temperaturkurven, Leckageraten, Sensorstabilität und die Reaktion auf simulierte Fehlerfälle werden maßgeblich entscheiden, ob die Rakete vom Probelauf in die nächste Phase der Mondexploration übergeht. Parallel laufen Management- und Freigabeverfahren, einschließlich ergänzender Überprüfungen durch unabhängige Sicherheitsteams und abschließender Flight Readiness Reviews, bevor ein verbindliches Startfenster bestätigt wird.
Quelle: sciencealert
Kommentar hinterlassen