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Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einer Praxis, halten sich nach wochenlangen, lästigen Schmerzen die Schulter und sehen, wie der Radiologe in Ihrem MRT-Bericht das Wort Riss einkreist. Panik schnürt die Brust zu. Chirurgie erscheint plötzlich als offensichtliche Option. Aber was, wenn dieses eingekreiste Wort nicht die ganze Geschichte erzählt? Neuere Forschung deutet darauf hin, dass dem häufig so ist.
Einleitung: Warum Begriffe und Bilder nicht immer übereinstimmen
Die Art und Weise, wie Befunde formuliert werden — Riss, Tendinopathie, degenerative Veränderung — hat direkten Einfluss auf die Erwartungshaltung von Patientinnen und Patienten sowie auf die Behandlungsentscheidungen von Ärzten. Ein MRT liefert wertvolle strukturelle Informationen, aber Strukturbefunde und Schmerzsymptomatik korrelieren nicht immer eins zu eins. Das Verständnis dieser Diskrepanz ist zentral, um Überdiagnosen, unnötige Operationen und Angst zu vermeiden.
Studie: Methodik und zentrale Ergebnisse
Was die Studie untersuchte und welche Schlüsse sich daraus ziehen lassen
Eine finnische Studie untersuchte 602 Erwachsene im Alter von 41 bis 76 Jahren und scannte insgesamt 1.204 Schultern mit MRT. Das Ergebnis war eindrücklich: Bei nahezu allen Teilnehmenden zeigte das MRT mindestens eine Auffälligkeit der Rotatorenmanschette. Kleine Risse traten häufig auf und wurden in ungefähr 62 Prozent der Fälle beschrieben; Tendinopathien fanden sich bei circa einem Viertel der Schultern. Dennoch berichtete ein Großteil dieser Personen über keinerlei Schulterschmerzen. Anders gesagt: strukturelle Veränderungen in der Bildgebung und die klinische Symptomatik traten häufig unabhängig voneinander auf.
Die Forschenden kombinierten die MRT-Befunde mit klinischen Informationen und verglichen schmerzende und schmerzfreie Schultern. Von 1.204 gescannten Schultern waren 1.076 schmerzfrei, aber 96 Prozent davon wiesen strukturelle Auffälligkeiten auf. Unter den schmerzenden Schultern zeigten 98 Prozent ähnliche Bildbefunde. Nach Adjustierung für andere Variablen fanden die Wissenschaftler keine bildgebende Differenz, die zuverlässig erklären könnte, welche Schultern Schmerzen verursachten und welche nicht. Kurz gesagt: Aus dem MRT allein lässt sich nicht mit Sicherheit ableiten, ob ein bestimmter Riss die Ursache von Schmerzen ist.
Diese Schlussfolgerung deckt sich mit Kommentaren, die die Veröffentlichung in JAMA Internal Medicine begleiteten. Zwei orthopädische Chirurgen der University of California argumentierten, dass bei nicht-akuten Schulterschmerzen Ärzte einer sofortigen Bildgebung und einer schnellen operativen Intervention widerstehen sollten. Sie empfahlen, zunächst mehrere Monate konservative Maßnahmen — insbesondere strukturierte Physiotherapie — durchzuführen, bevor ein MRT veranlasst wird. Bildgebung sollte der klinischen Untersuchung und der funktionellen Einschränkung folgen, nicht vorauseilen.
Klinische und praktische Bedeutung der Befunde
Warum ist das wichtig? Weil die Wortwahl von Klinikerinnen und Klinikern sowie Radiologinnen und Radiologen den Behandlungsverlauf beeinflussen kann. Das Wort Riss wirkt endgültig; es schiebt Patientin und Arzt in Richtung invasiver Maßnahmen. Ersetzt man diesen Begriff durch altersbedingte Degeneration oder altersbedingte Veränderung, verändert sich die Wahrnehmung: Plötzlich erscheinen konservative Behandlungswege wie Physiotherapie, gezielte Übungstherapie und abwartendes Management vernünftiger und angemessener.
Strukturelle Veränderungen bedeuten nicht automatisch eine dringliche Pathologie. Viele MRT-Auffälligkeiten sind vergleichbar mit grauen Haaren oder einer steifen Lendenwirbelsäule: sie können altersbedingt vorkommen, ohne dass sie zwangsläufig die Ursache von Schmerzen sind. Das macht den Schmerz nicht weniger real, aber es lenkt die Diagnostik und Therapie eher auf die Wiederherstellung von Bewegung, Kraft und Funktion als auf eine überhastete Operation.
Für Kliniker bedeutet dies: Interpretiere MRT-Befunde immer im Kontext der gesamten klinischen Untersuchung, funktioneller Einschränkungen und der Krankengeschichte. Verwende eine Sprache, die unnötige Angst verringert und die Patientin bzw. den Patienten zu einem informierten, gemeinsamen Entscheidungsprozess befähigt.
Bildgebung kann informieren, sie darf jedoch nicht die ganze Geschichte diktieren.
Vertiefung: Rotatorenmanschette, MRT und Schmerzmechanismen
Die Rotatorenmanschette besteht aus vier Muskeln und ihren Sehnen (Supraspinatus, Infraspinatus, Teres minor, Subscapularis), die das Schultergelenk stabilisieren und Bewegungen ermöglichen. Mit zunehmendem Alter kommt es zu strukturellen Veränderungen in diesen Sehnen: Mikrorisse, kollagenale Umbauvorgänge, vaskuläre Veränderungen und tendinöse Degeneration. Solche Veränderungen können in der Bildgebung sichtbar werden, ohne klinisch relevant zu sein.
MRT ist ein sensibles Verfahren für die Darstellung von Weichteilstrukturen, aber Sensitivität allein sagt nichts über die klinische Relevanz aus. Ein Befund wie "partieller Riss" oder "tendinöse Degeneration" beschreibt eine anatomische Veränderung, nicht notwendigerweise eine Schmerzquelle. Schmerz entsteht durch ein Zusammenspiel aus strukturellen Schäden, entzündlichen Prozessen, biomechanischer Überlastung und zentralen (z. B. neurogenen) Schmerzverarbeitungsprozessen. Deshalb kann die Bildgebung nur ein Puzzleteil im klinischen Bild sein.
Asymptomatische Befunde sind häufig
- Mehrere Studien zeigen, dass asymptomatische Rotatorenmanschettenrisse mit steigendem Alter zunehmen.
- Bei Personen über 60 ist die Prävalenz kleiner Risse deutlich höher als bei jüngeren Populationen.
- Viele Menschen mit eindeutigen strukturellen Veränderungen bleiben schmerzfrei und funktionell unauffällig.
Das erklärt, warum ein Alarmwort wie "Riss" in einem Befundbericht zu übertriebenen Erwartungen an eine operative Lösung führen kann, obwohl konservative Maßnahmen oft vergleichbare funktionelle Ergebnisse liefern, wenn keine dringenden Indikationen vorliegen.
Behandlungsstrategien: Wann konservativ, wann operativ?
Die Entscheidung für konservative versus operative Behandlung sollte individuell getroffen werden. Zu den relevanten Faktoren gehören:
- Akutheit und Ursache der Beschwerden (z. B. traumatischer Riss nach Sturz versus schleichende Verschlechterung).
- Schweregrad der funktionellen Einschränkung (z. B. erhebliche Kraftminderung oder Unfähigkeit, den Arm zu heben).
- Ausmaß des Sehnenrisses (partiell vs. vollständiger Durchriss) und Muskelentzündungen oder Retraktionen.
- Alter, Aktivitätsniveau und individuelle Ziele der Patientin bzw. des Patienten.
- Antwort auf eine strukturierte konservative Therapie über einen angemessenen Zeitraum.
Allgemein gelten folgende Prinzipien in vielen Leitlinien und Expertenmeinungen:
- Bei nicht-akuten Schulterschmerzen: zunächst konservative Therapie über mehrere Monate (z. B. 3–6 Monate), insbesondere physiotherapeutische, exzentrische und stabilisierende Übungen sowie schmerzadaptierte Aktivitätsmodifikation.
- Bildgebung (MRT) ist dann sinnvoll, wenn die klinische Untersuchung Hinweise auf erhebliche strukturelle Schäden liefert, bei anhaltender Symptomatik trotz adäquater konservativer Therapie oder bei Verdacht auf akute, behandlungsbedürftige Befunde.
- Operative Indikation: akute, traumatische Vollwandrisse mit relevanter Funktionsstörung, progressive Muskelschwäche trotz konservativer Behandlung, oder wenn konservative Maßnahmen gescheitert sind und die Lebensqualität stark eingeschränkt bleibt.
Konservative Maßnahmen konkret
Eine evidenzbasierte konservative Therapie umfasst häufig:
- Physiotherapie mit Fokus auf Stabilität, Rotatorenmanschettenkraft, scapuläre Kontrolle und funktionelle Bewegungsmuster.
- Gezielte Übungsprogramme (z. B. exzentrische Kräftigung, isometrische Aktivierung in akuter Phase, progressives Belastungsaufbauprogramm).
- Schmerzlindernde Maßnahmen: kurzzeitiger Einsatz von NSAR, lokale Injektionen (z. B. Kortikosteroid in ausgewählten Fällen) unter Bedacht auf mögliche Risiken.
- Aktivitätsmodifikation: Anpassung beruflicher und sportlicher Belastungen, ergonomische Beratung.
- Geduld und strukturierte Verlaufskontrollen — viele Patientinnen und Patienten berichten innerhalb mehrerer Wochen bis Monate deutliche Verbesserungen.
Kommunikation: Sprache, Erwartungsmanagement und gemeinsame Entscheidungsfindung
Die Studie unterstreicht, wie wichtig präzise und beruhigende Kommunikation ist. Statt sofort Begriffe wie "Riss" hervorzuheben, können ärztliche Formulierungen den Kontext betonen: etwa "altersbedingte Veränderung", "abweichende MRT-Struktur, die bei vielen Menschen ohne Symptome vorkommt" oder "Befund, der mit den klinischen Symptomen abgeglichen werden muss". Solche Formulierungen reduzieren Angst und eröffnen Raum für gemeinsame Entscheidungen.
Wesentliche Elemente einer guten Arzt-Patient-Kommunikation sind:
- Erklären, was das MRT zeigt und was nicht.
- Gemeinsame Abwägung von Risiken und Nutzen konservativer versus operativer Maßnahmen.
- Konkrete, realistische Ziele für die Rehabilitation und Phasen der Verlaufskontrolle vereinbaren.
- Option auf operative Therapie offenhalten, falls konservative Maßnahmen nicht den gewünschten Erfolg bringen.
Praktische Hinweise für Patienten
Wenn Sie ein MRT-Ergebnis erhalten, das Wörter wie "Riss" oder "Tendinopathie" enthält, können diese Fragen und Schritte hilfreich sein:
- Fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt, wie gut der Befund zu Ihren Symptomen passt.
- Erkundigen Sie sich nach konkreten Empfehlungen für konservative Therapie und einem zeitlichen Rahmen für Verlaufskontrollen.
- Bitten Sie um eine klare Darstellung der Indikationen für eine Operation und welche Functionalitätsziele damit erreicht werden sollen.
- Erwägen Sie eine Zweitmeinung, insbesondere wenn operative Eingriffe vorgeschlagen werden, ohne dass umfassende konservative Maßnahmen versucht wurden.
Die zentrale Frage lautet nicht allein: "Ist da ein Riss?", sondern: "Ist dieser Befund die wahrscheinlichste Ursache meiner Beschwerden, und führt eine Operation zu besseren funktionellen Ergebnissen als konservative Behandlung?"
Fazit: MRT-Befunde im Kontext sehen
Die finnische Studie macht deutlich, dass bildgebende Auffälligkeiten an der Rotatorenmanschette bei vielen Menschen ohne Schmerzen vorkommen. Das hat unmittelbare Konsequenzen für Praxis und Kommunikation: Sofortige Bildgebung und das Schlagwort "Riss" sollten nicht automatisch zu operativen Entscheidungen führen. Stattdessen ist ein patientenzentrierter, schrittweiser Behandlungsansatz angezeigt — basierend auf klinischer Untersuchung, funktionellen Einschränkungen und einer geordneten, evidenzbasierten konservativen Therapie.
Bildgebung kann informieren, sie darf jedoch nicht die ganze Geschichte diktieren.
Also: Wenn ein MRT-Bericht beim nächsten Mal alarmierend erscheint, fragen Sie: Was sagen meine Symptome, die klinische Untersuchung und meine funktionellen Grenzen? Und könnte gezielte Rehabilitation das erste Kapitel der Genesung sein, statt das letzte?
Quelle: smarti
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