Bewegung statt Ruhen: Arthrose mit Training lindern

Bewegung statt Ruhen: Arthrose mit Training lindern

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Steife Knie, schmerzende Hüften und anhaltende Gelenkschmerzen werden oft als normaler Teil des Älterwerdens akzeptiert. Neue und zunehmend starke Hinweise zeigen jedoch, dass Arthrose nicht einfach nur "Verschleiß" ist – und die effektivste Behandlung für viele Menschen ist nicht eine Tablette oder ein Skalpell, sondern Bewegung. Im Folgenden steht, was Patientinnen, Patienten und Behandler über Bewegungstherapie als vorrangige Behandlung von Gelenkerkrankungen wissen sollten. Diese evidenzbasierte Herangehensweise betont gezielte, progressive Aktivität zur kurzfristigen Schmerzlinderung, zur Verbesserung der Funktion und zur langfristigen Erhaltung der Gelenkgesundheit.

Warum Bewegung wichtig ist: wie Gelenke gesund bleiben

Knorpel – das glatte Gewebe, das die Knochen innerhalb eines Gelenks polstert – verfügt über keine direkte Blutversorgung. Das bedeutet, er ist auf Bewegung angewiesen, um Nährstoffe zu erhalten und Abfallstoffe abzutransportieren. Bei Gehen, Hocken oder Radfahren wird der Knorpel wie ein Schwamm komprimiert und wieder entspannt: Flüssigkeit strömt heraus und anschließend wieder ein und transportiert frische Nährstoffe sowie körpereigene Schmierstoffe, die das Gewebe belastbar halten.

Dieser mechanische Austausch erklärt, warum die alte Vorstellung von Arthrose als reinem passivem "Verschleiß" unvollständig ist. Gelenke sind dynamische Systeme, die auf Belastung mit Reparatur- und Anpassungsprozessen reagieren, sofern die Belastung dosiert und wiederkehrend ist. Regelmäßige, angemessen dosierte Bewegung stimuliert diese Reparaturmechanismen, fördert die Gelenkstruktur und unterstützt die funktionelle Mobilität. Darüber hinaus beeinflusst gezielte Bewegung die Biomechanik, reduziert schädliche Belastungsspitzen und verbessert die Koordination von Muskelgruppen, die das Gelenk stabilisieren.

Arthrose betrifft das gesamte Gelenk

Heutzutage verstehen wir Arthrose als Erkrankung des gesamten Gelenks: Knorpel, Synovialflüssigkeit, subchondrales Knochengewebe, Bänder, die umliegende Muskulatur und die Nerven, die Bewegungen steuern, können alle betroffen sein. Bewegungstherapie wirkt multifaktoriell und spricht viele dieser Komponenten gleichzeitig an – von der mechanischen Entlastung bis zur verbesserten neuromuskulären Kontrolle.

Muskelschwäche ist ein frühes und veränderbares Risikofaktor. Kräftige Muskeln fungieren als Stoßdämpfer und Stabilisatoren, reduzieren übermäßige Gelenkbelastungen und helfen, ungünstige Bewegungsmuster zu vermeiden. Die neuromuskuläre Kontrolle – also wie Muskeln und Nerven zusammenarbeiten – lässt sich durch Gleichgewichts-, Propriozeptions- und Bewegungsqualitätstraining verbessern. Programme wie GLA:D® (Good Life with osteoArthritis: Denmark) kombinieren diese Ansätze in überwachten Gruppensitzungen und berichten über spürbare Schmerzlinderungen und funktionelle Verbesserungen, die Monate über das Programmende hinaus anhalten. Solche strukturierten Gruppenprogramme unterstützen außerdem den Erfahrungsaustausch, fördern die Adhärenz und reduzieren Barrieren durch niedrige Kosten pro Teilnehmer.

Was die Evidenz aussagt: Bewegung reduziert Schmerz und schützt Gelenke

Große Übersichtsarbeiten und randomisierte klinische Studien platzieren Bewegung konsequent unter den stärksten nicht-operativen Therapien bei Hüft- und Kniearthrose. Metaanalysen zeigen moderate bis große Effekte auf Schmerzen, Funktion und Lebensqualität. Die wichtigsten Vorteile umfassen:

  • Verringerung von Schmerzen und Gelenksteifigkeit
  • Verbesserte Gelenkfunktion und Mobilität
  • Mehr Muskelkraft und besseres Gleichgewicht
  • Positive Effekte auf Entzündungsmarker und den Stoffwechsel

Regelmäßige körperliche Aktivität senkt systemische Entzündungsmarker und verändert das zelluläre Milieu in Gelenkgeweben hin zu einem weniger katabolen Zustand. Bei Menschen mit Übergewicht reduziert Bewegung nicht nur die mechanische Belastung des Gelenks durch Gewichtsverlust, sondern verbessert auch das metabolische Profil – insbesondere durch die Senkung von proinflammatorischen Zytokinen, die den Knorpelabbau beschleunigen können. Diese kombinierte mechanische und metabolische Wirkung macht Bewegung besonders wertvoll bei der Behandlung von Kniearthrose und Hüftarthrose.

Zusätzlich zeigen longitudinale Beobachtungen, dass Personen, die langfristig muskelkräftig und körperlich aktiv bleiben, seltener eine rasche Funktionseinbuße erleben und seltener frühzeitig auf invasive Behandlungen angewiesen sind. Klinische Leitlinien aus mehreren Ländern stufen Bewegung und Physiotherapie deshalb als zentrale Erstlinientherapie ein.

Lücken zwischen Evidenz und Praxis

Trotz der überzeugenden Daten nutzen Gesundheitssysteme weltweit Bewegungstherapie als Behandlung noch zu selten. Studien aus Irland, dem Vereinigten Königreich, Norwegen und den USA zeigen, dass weniger als die Hälfte der Menschen mit Arthrose von ihren Hausärzten oder Fachärzten an strukturierte Trainingsprogramme oder Physiotherapie überwiesen werden. Viele Patientinnen und Patienten erhalten Behandlungen, die klinische Leitlinien nicht empfehlen, und ein erheblicher Anteil wird zur chirurgischen Abklärung vorgereiht, bevor nicht-operative Optionen umfassend ausgeschöpft worden sind.

Die Hindernisse sind vielfältig: begrenzter Zugang zu überwachten Programmen, kurze Arzttermine, in denen Bildgebung oder medikamentöse Ansätze priorisiert werden, sowie das weitverbreitete Missverständnis – sowohl bei Betroffenen als auch bei einigen Behandlern –, dass Aktivität die Gelenkschädigung verschlimmern könnte. Die wissenschaftliche Evidenz zeigt dagegen deutlich: gezielte, progressive Bewegung ist in den meisten Fällen schützend. Weitere Barrieren sind finanzielle Hürden, mangelnde Ausbildung in Bewegungstherapie unter Ärztinnen und Ärzten, sowie fehlende koordinierte Versorgungswege, die eine einfache Überweisung zu spezialisierten Physiotherapien oder Programmen wie GLA:D® erlauben.

Praktische Trainingsstrategien, die wirken

Nicht jede Aktivität ist gleich wirksam. Effektive Arthroseprogramme kombinieren mehrere Komponenten und passen diese an die individuellen Bedürfnisse, Komorbiditäten und Ziele der Patientinnen und Patienten an. Folgende Elemente haben sich in randomisierten Studien und in der klinischen Praxis bewährt und sollten Teil eines umfassenden Behandlungsplans sein:

Resistance training

Progressive Kraftübungen (Körpergewicht, Widerstandsbänder oder Gewichte) bauen die Muskulatur auf, die das Gelenk stützt, und reduzieren schädliche Belastungen. Ein Schwerpunkt liegt auf funktioneller Kräftigung der Quadrizeps-, Hüftabduktor- und Rumpfmuskulatur bei Knie- und Hüftarthrose. Die Dosierung sollte individuell erfolgen: niedrige Wiederholungszahlen mit moderatem Gewicht zur Kraftzunahme, ergänzt durch höhere Wiederholungszahlen zur muskulären Ausdauer.

Aerobic conditioning

Schonendes Herz-Kreislauf-Training – wie Gehen, Radfahren oder Schwimmen – verbessert Ausdauer, metabolische Gesundheit und die Schmerztoleranz. Diese Aktivitäten fördern die Durchblutung der umgebenden Gewebe, unterstützen die Gewichtsreduktion und wirken sich positiv auf Begleiterkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck aus. Bei bestehender Gelenkschmerzen ist die Wahl von gelenkschonenden, niedrigen Stoßbelastungen wichtig, um die Belastbarkeit kontinuierlich zu steigern.

Neuromuskuläres Training und Gleichgewichtsübungen

Übungen, die Koordination, Balance und Bewegungsqualität verbessern (wie die im GLA:D®-Programm verwendeten), verringern Instabilität und helfen Patientinnen und Patienten, das Vertrauen in Alltagsbewegungen zurückzugewinnen. Propriozeptives Training reduziert das Risiko von Umknickverletzungen und optimiert die gemeinsame Muskelaktivierung, was besonders bei komplexen Bewegungen des Alltags relevant ist.

Belastungsmanagement und Progression

Beginnen Sie auf tolerablen Niveaus, steigern Sie die Intensität schrittweise und legen Sie Wert auf Regelmäßigkeit (für viele Menschen sind zwei bis drei Krafttrainingseinheiten plus aerobe Aktivität pro Woche sinnvoll). Physiotherapeutinnen und -therapeuten können Programme an die Schmerzreaktion, an Komorbiditäten und an Lebensumstände anpassen. Wichtige Prinzipien sind individuelle Zielsetzung, Überwachung der Reaktion auf Belastung, schrittweise Progression und die Integration von Alltagsaktivitäten, um die Nachhaltigkeit zu erhöhen.

Bewegung vor einer Operation: warum sie wichtig ist

Derzeit gibt es keine krankheitsmodifizierenden Medikamente für Arthrose. Knie- oder Hüftgelenksersatz kann für manche Menschen transformativ sein, bringt aber Risiken mit sich und garantiert kein perfektes Ergebnis. Da Bewegung Schmerzen reduziert, die Funktion verbessert und Operationen verzögern oder in Einzelfällen sogar vermeiden kann, empfehlen klinische Leitlinien, strukturierte, überwachte Trainingsprogramme auszuprobieren, bevor invasive Maßnahmen erwogen werden.

Selbst wenn eine Operation notwendig wird, zeigen Studien, dass Personen, die präoperativ an Trainingsprogrammen teilgenommen haben (sogenannte "Prähabilitation"), häufig schneller rehabilitieren und bessere postoperative Ergebnisse erzielen. Bessere Muskelkraft vor der Operation, verbesserte kardiovaskuläre Fitness und optimiertes Bewegungsmuster tragen zu kürzeren Krankenhausaufenthalten, geringerer Komplikationsrate und schnellerer Rückkehr zu Alltagsaktivitäten bei. Insgesamt ist Bewegung eine risikoarme, wertvolle Intervention, die über alle Krankheitsstadien hinweg erhalten bleiben sollte.

Expert Insight

"Früher rieten wir Patientinnen und Patienten häufig dazu, das Gelenk zu schonen – heute wissen wir, dass das oft die falsche Botschaft ist", sagt Dr. Emma Collins, Physiotherapeutin und Forscherin mit Schwerpunkt muskuloskelettale Gesundheit. "Gezielte Bewegung stärkt die Muskulatur, retrainiert Bewegungsmuster und kann Entzündungsprozesse auf molekularer Ebene reduzieren. Das Ziel ist nicht einfach mehr Bewegung, sondern klügeres Bewegen: progressive, überwachte Programme, die an Leistungsfähigkeit und persönliche Ziele angepasst sind." Dr. Collins betont außerdem die Bedeutung interdisziplinärer Zusammenarbeit zwischen Hausärztinnen, Orthopädinnen, Physiotherapeutinnen und Ernährungsfachkräften, um ein nachhaltiges Versorgungsmodell zu schaffen.

Wie Patientinnen, Patienten und Behandelnde heute handeln können

Patientinnen und Patienten sollten früh im Behandlungsverlauf aktiv über strukturierte Bewegungstherapie oder Physiotherapie sprechen. Nützliche Fragen sind:

  • Welche Übungen sind für mein betroffenen Gelenk am sichersten und effektivsten?
  • Können Sie mich an ein überwachten Programm wie GLA:D® oder an eine Physiotherapeutin/einen Physiotherapeuten mit Erfahrung in Arthrose überweisen?
  • Wie sollte ich die Übungen steigern und welche Schmerzgrade sind während des Trainings akzeptabel?

Behandelnde sollten evidenzbasierte, nicht-operative Maßnahmen priorisieren und sicherstellen, dass Überweisungen zu Bewegungsspezialisten verfügbar und für Patientinnen und Patienten erschwinglich sind. Gesundheitssysteme können effektive Gruppenprogramme und Telehealth-Modelle skalieren, um die Lücke zwischen Forschung und Praxis zu schließen. Telemedizinische Physiotherapie, digitale Trainingsplattformen und hybride Modelle haben sich insbesondere in Regionen mit begrenztem Zugang als praktikable Alternativen bewährt, ohne die Qualität der Betreuung zu beeinträchtigen.

Wichtig ist auch die patientenzentrierte Kommunikation: Erwartungen korrekt setzen, realistische Ziele vereinbaren und die Selbstwirksamkeit stärken. Ziele können von kurzem Alltagsnutzen (z. B. Treppensteigen ohne Schmerzen) bis zu längerfristigen Lebensqualitätsverbesserungen reichen. Ergänzend können Ernährungsberatung zur Gewichtsreduktion, Schmerzbewältigungsstrategien und falls nötig medikamentöse Analgesie sinnvoll sein – immer eingebettet in einen umfassenden Therapieplan, der Bewegung als zentralen Baustein enthält.

Dieser Artikel basiert auf Recherchen, die ursprünglich in The Conversation veröffentlicht wurden. Zur Transparenz: In der ursprünglichen Berichterstattung wurden Forschungsunterstützungen für Arthroseprojekte angegeben. Bewegung ist kein Allheilmittel, aber für viele Menschen die effektivste, risikoarme Intervention – eine, die zusätzlich Herz-Kreislauf-Gesundheit, Stimmung und langfristiges Wohlbefinden fördert. Klinische Entscheidungen sollten individuell getroffen werden, unter Berücksichtigung von Begleiterkrankungen, Lebensumständen und persönlichen Präferenzen.

Quelle: scitechdaily

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