Fluchen stärkt Leistung: Studie zu Stärke und Emotion

Fluchen stärkt Leistung: Studie zu Stärke und Emotion

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Fluchen kann sich wie ein instinktiver Ausbruch nach dem Stoßen eines Zehs anfühlen – doch neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Schimpfwörter dem Körper auch einen messbaren Vorteil verschaffen können. Psychologen, die untersuchten, ob Profanität die körperliche Leistung verändert, fanden heraus, dass ein zeitlich passendes Fluchen die Dauer erhöht, in der Menschen eine anstrengende Position halten, und die Stimmung in Richtung Handlungsbereitschaft und Genuss verschiebt.

Wie die Forschenden Fluchen und Kraft testeten

Psychologieteams der Keele University im Vereinigten Königreich und der University of Alabama entwarfen zwei kontrollierte Experimente, um zu prüfen, ob Fluchen Menschen hilft, bei kurzer, intensiver Anstrengung mehr zu leisten. Die zugrunde liegende Annahme lautete: Wenn Personen unbewusst ihre eigene Leistungsbereitschaft beschränken, könnte ein Fluch diese inneren Hemmungen lockern und ein stärkeres „Jetzt-noch-mal-alles-geben“-Verhalten auslösen.

Im ersten Experiment wurden 88 Erwachsene im Alter von 18–65 Jahren auf einem Universitätscampus rekrutiert. Jede Versuchsperson wählte zwei Wörter aus: ein Schimpfwort, das sie möglicherweise ausstoßen würden, wenn sie sich den Kopf gestoßen hätten, und ein neutrales Wort, das beispielsweise ein Möbelstück wie einen Tisch bezeichnen könnte. Anschließend führten die Teilnehmenden, während sie in Microsoft Teams Blickkontakt mit einer Versuchsleiterin bzw. einem Versuchsleiter hielten, eine sogenannte Stuhl-Liegestütz-Position aus – sie griffen die Seitenteile eines Stuhls, hoben ihr Körpergewicht so an, dass Füße und Gesäß den Boden nicht berührten, und hielten diese Position so lange wie möglich, maximal 60 Sekunden. Während jedes Halts wiederholten sie je nach zufälliger Zuteilung entweder ihr selbstgewähltes Schimpfwort oder das neutrale Wort.

Welches Schimpfwort würdest du wählen? 

Nach jedem Versuch füllten die Teilnehmenden standardisierte Fragebögen aus, die darauf abzielten, kurzzeitige psychologische Zustände zu erfassen, die mit Disinhibition (Enthemmung) in Verbindung stehen – Items wie Humor, psychologischer Flow, Selbstvertrauen, Ablenkung und soziale Erwünschtheit. Das Forscherteam sagte voraus, dass diese Messungen höher ausfallen würden, wenn die Teilnehmenden Schimpfwörter wiederholten, da Fluchen möglicherweise die Aufmerksamkeit fokus­sierender und hemmschwächender wirkt.

Ein zweites Experiment mit einer separaten Stichprobe von 94 Personen replizierte die grundlegende Aufgabe und fügte zusätzlich Messgrößen hinzu, bei denen ein Absinken während des Fluchens erwartet wurde: Zuschauerapathie (bystander apathy), verhaltensmäßige Hemmung (behavioral inhibition), kognitive Angst und negative Emotionen. Diese Ergänzungen sollten helfen, das Spektrum der psychologischen Effekte besser abzubilden und mögliche Mechanismen zu klären.

Was die Ergebnisse zeigten

Über beide Experimente hinweg zeigte sich ein konsistenter Leistungsvorteil durch das wiederholte Aussprechen eines Schimpfworts. Die Teilnehmenden hielten die Stuhl-Liegestütz-Position deutlich länger, wenn sie ihr Schimpfwort verwendeten, verglichen mit dem neutralen Kontrollwort. Die Fluch-Versuche gingen zudem mit höheren Werten für positive Emotionen, Humor und Neuheitserleben sowie mit verringerter Ablenkung einher – Indikatoren dafür, dass Profanität die Personen in einen handlungsorientierteren, weniger selbstbewussten Zustand versetzen kann.

Wichtig ist, dass die Evidenz für eine der zentralen Hypothesen der Forschenden schwächer ausfiel: dass Fluchen direkt die verhaltensmäßige Hemmung reduziert. Zwar korrelierte Fluchen mit Gefühlen, die mit Enthemmung zusammenhängen, doch die Studien belegten nicht eindeutig, dass damit die inneren Barrieren vollständig aufgelöst werden. Kurz gesagt: Profanität scheint kurzfristig die Gefühlslage und die Durchhaltefähigkeit zu verändern, der genaue psychologische Mechanismus – ob direkte Enthemmung, erhöhte Motivation, gesteigerte Erregung oder eine Kombination davon – bleibt aber weiter erforschungsbedürftig.

Aus methodischer Sicht sind die Ergebnisse robust insofern, als sie in zwei unabhängigen Stichproben wiederholt wurden. Zugleich zeigen sie die Grenzen kontrollierter Laboruntersuchungen: Die Aufgabe war kurz, hochintensiv und stark standardisiert, sodass Rückschlüsse auf länger andauernde Trainings- oder Wettkampfsituationen mit Vorsicht zu ziehen sind. Dennoch liefern die Befunde belastbare Hinweise dafür, dass Sprache und insbesondere Schimpfwörter unmittelbare Effekte auf Aufmerksamkeit, Motivation und wahrgenommene Anstrengung haben können.

Warum das für Sport und Alltag wichtig ist

Die Erkenntnisse helfen zu erklären, warum Fluchen in Sport, Training und anderen intensiven Momenten so verbreitet ist. Richard Stephens, einer der in die Studie involvierten Psychologen, hat argumentiert, dass Profanität ein kostengünstiges, sofort verfügbares Instrument sei – „kalorienneutral“ und frei von Drogen –, das Menschen nutzen können, um einen kleinen, aber bedeutsamen Leistungsschub zu erzielen, wenn zusätzliche Anstrengung gefragt ist. Für Athletinnen und Athleten oder Fitnessbegeisterte könnte das bedeuten, eine Wiederholung oder einen Haltepunkt durchzuziehen; für Menschen, die eine kurz andauernde, stressige Aufgabe bewältigen müssen, kann ein kurzes Fluchen die Aufmerksamkeit schärfen und die Selbstbeobachtung reduzieren.

Allerdings gibt es wichtige Vorbehalte und praktische Grenzen. Die Studien untersuchten kurze, maximale Anstrengungsphasen unter kontrollierten Bedingungen: Stuhl-Liegestütze, kurze Haltezeiten und wiederholte Ein-Wort-Äußerungen. Wie sich Fluchen auf längere Ausdauerleistungen, präzisionsbasierte Fertigkeiten oder Team- und Gruppensituationen auswirkt, in denen soziale Normen und Reputation eine größere Rolle spielen, ist weitgehend offen. Kontextabhängigkeit ist hier zentral: Was in einem privaten Training hilft, kann in einem formellen Mannschafts- oder Arbeitsumfeld die Leistung hemmen oder soziale Konflikte auslösen.

Auch kulturelle Unterschiede sollten berücksichtigt werden. Der Gebrauch und die soziale Bewertung von Schimpfwörtern variieren stark zwischen Sprachen, Altersgruppen und Subkulturen. Trainingspsychologie und Coaching sollten deshalb sensibel mit dem Thema umgehen: Fluchen als gezielte Technik kann nützlich sein, darf aber nicht die einzige Strategie zur Motivations- oder Emotionsregulation sein und sollte immer im jeweiligen sozialen und ethischen Kontext beurteilt werden.

Breitere Implikationen und nächste Forschungsschritte

Über den Bereich Sport und körperliche Leistung hinaus reiht sich die Arbeit in eine größere Forschungsliteratur zu Emotion, Sprache und verkörperter Kognition (embodied cognition) ein: Einfache verbale Reize können Erregung, Aufmerksamkeit und das empfundene Anstrengungsniveau verändern. Die jetzt vorliegenden Befunde eröffnen mehrere interessante Forschungsfragen für die Zukunft.

Erstens sollten künftige Studien verschiedene Formen von Profanität vergleichen: phonologische Eigenschaften (kurze, scharfe Laute versus längere Flüche), sprachliche Tabus, persönlich bedeutsame versus fremde Schimpfwörter sowie die Rolle von Humor und Ironie. Zweitens wäre es sinnvoll, physiologische und neuronale Korrelate zu messen – Herzfrequenz, Herzratenvariabilität, Cortisolspiegel, Hautleitfähigkeit oder bildgebende Verfahren (fMRT, EEG) könnten Aufschluss darüber geben, ob Fluchen primär über eine Aktivierung des sympathischen Nervensystems, eine Reduktion der Schmerzwahrnehmung oder über motivationale Prozesse wirkt.

Drittens sind ökologisch valide Designs nötig: Feldstudien im Fitnessstudio oder während Wettkämpfen, Längsschnittuntersuchungen, die Adaptationseffekte prüfen, und Experimente in Gruppen, um soziale Feedback-Effekte und Normverhalten zu erfassen. Es wäre außerdem wertvoll, spezifische Populationen zu untersuchen – z. B. Leistungssportlerinnen und -sportler, ältere Erwachsene, Menschen mit Angststörungen oder Personen aus Kulturen mit unterschiedlichen Tabustraditionen – um moderate oder moderierende Effekte zu identifizieren.

Technisch könnten kombinierte Messansätze (Behavioral Performance + Selbstbericht + Physiologie) helfen, kausale Mechanismen zu klären. Die Autoren der Studie, die in American Psychologist veröffentlicht wurde, empfehlen weitere randomisierte Trials und experimentelle Manipulationen, um festzustellen, ob Fluchen tatsächlich Hemmungen reduziert oder stattdessen Motivation, Neuheitseffekt und Aufmerksamkeitsfokussierung erhöht, was wiederum indirekt die Leistung verbessert.

Experteneinschätzung

„Sprache ist ein mächtiger Regulator von Emotion und Handlung“, sagt Dr. Laura Kim, eine Psychologin, die Stress und Verhalten erforscht. „Ein kurzer, kontextangemessener Fluch kann die Erregung erhöhen und die Aufmerksamkeit auf die Aufgabe umlenken. Aber der soziale Kontext ist entscheidend – was einer Person im Privaten hilft, kann in einer Gruppe kontraproduktiv sein.“

Dieses Spannungsfeld – zwischen individuellem Nutzen und öffentlicher Kosten-Nutzen-Abwägung – wird vermutlich darüber entscheiden, ob Fluchen als Strategie zur Leistungssteigerung breitere Akzeptanz findet oder als situatives, eigenwilliges Werkzeug bleibt. Für Trainerinnen und Trainer, Sportpsychologinnen und -psychologen sowie Personen, die sich mit Stressbewältigung und Emotionsregulation befassen, bietet die Forschung dennoch einen praktikablen Anhaltspunkt: Sprachliche Reize, inklusive Schimpfwörtern, sind leicht zugänglich, sofort wirksam und verdienen genauere Untersuchung im Rahmen differenzierter Interventionskonzepte.

In der praktischen Anwendung empfiehlt sich ein vorsichtiges, kontextsensitives Vorgehen: Athletinnen und Athleten könnten Fluchen als taktisches Mittel einsetzen, wenn es sozial akzeptabel ist und der persönliche Nutzen die möglichen sozialen Kosten überwiegt. Im beruflichen Umfeld ist Zurückhaltung oft ratsam; alternative Techniken wie fokussiertes Atmen, kognitive Umdeutung (reappraisal) oder motivationale Selbstinstruktionen können ähnlich wirksam sein, ohne potenziell störende soziale Signale zu senden.

Abschließend zeigen die Studien, dass die Sprache – selbst kurze, scheinbar trivial wirkende Ausrufe – direkten Einfluss auf körperliche Leistung, Gefühlslage und Aufmerksamkeit haben kann. Ob dieser Effekt langfristig trainierbar und sicher in unterschiedlichsten Kontexten einsetzbar ist, bleibt eine spannende Frage für die Sportpsychologie, Trainingswissenschaft und Emotionsforschung.

Quelle: sciencealert

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