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Eine tägliche Tablette scheint die Aussichten für eine bestimmte Gruppe von Menschen mit Typ-2-Diabetes zu verändern: jene, die bereits eine Herzinsuffizienz erlebt haben. Neue Reanalysen einer großen, doppelblinden Studie legen nahe, dass orales Semaglutid — ein oraler GLP-1-Rezeptoragonist, in einigen Präparaten als Ozempic oder Wegovy vertrieben — mit weniger herzbedingten Krankenhausaufnahmen und Todesfällen bei Teilnehmern mit einer vorbestehenden Herzinsuffizienz verbunden war.
Studiendetails und Hauptergebnisse
Der Datensatz stammt aus einer globalen Studie, finanziert von Novo Nordisk, die zwischen 2019 und 2021 insgesamt 9.650 Personen in 33 Ländern einschloss. Die Teilnehmenden wurden im Mittel fast vier Jahre nachverfolgt. Forschende führten eine sekundäre, vorab festgelegte Analyse durch, in der die Patienten danach getrennt wurden, ob bei Studienbeginn eine dokumentierte Vorgeschichte von Herzinsuffizienz vorlag.
Unter den Personen mit vorbestehender Herzinsuffizienz erlebten Patientinnen und Patienten, die täglich eine orale Dosis Semaglutid erhielten, etwa 22 % weniger schwere kardiovaskuläre Ereignisse — Krankenhausaufnahmen und Todesfälle im Zusammenhang mit Herzproblemen — verglichen mit der Placebo-Gruppe. Bei Menschen ohne bekannte Herzkrankheit zeigte die Analyse keinen messbaren kardiovaskulären Nutzen.
„Diese Daten stützen das potenzielle Nutzenprofil von oralem Semaglutid zur Reduktion von Herzinsuffizienz-Ereignissen bei Menschen mit Typ-2-Diabetes und Herzproblemen“, schreiben Rodica Pop-Busui und Kolleginnen und Kollegen von der Oregon Health & Science University in ihrer Publikation. Zugleich mahnen sie zur Vorsicht: Die Analyse übernimmt typische Einschränkungen sekundärer Auswertungen, darunter kleinere Fallzahlen in einigen Untergruppen und eine reduzierte statistische Aussagekraft.
Kontext, Wirkmechanismen und Sicherheitssignale
Der Befund steht im Einklang mit früheren Studien, die bei bestimmten Patientengruppen über etwa drei Jahre eine Reduktion schwerer kardiovaskulärer Ereignisse — einschließlich Schlaganfällen und Herzinfarkten — um grob 15–20 % unter GLP-1-Therapien berichteten. Auffallend ist, dass mehrere Analysen darauf hindeuten, dass diese kardiovaskulären Vorteile unabhängig vom Gewichtsverlust auftreten können, was auf zusätzliche, nicht nur gewichtsabhängige Wirkmechanismen schließen lässt.
Das ist einerseits ermutigend, andererseits rätselhaft: Warum sollte Semaglutid Menschen mit bereits bestehender Herzinsuffizienz helfen, nicht aber solchen ohne vorbestehende Herzerkrankung? Kurz gesagt: Das ist noch nicht geklärt. Forschende fordern mechanistische Studien, um zu erklären, wie GLP-1-Rezeptoragonisten die kardiale Biologie beim Menschen beeinflussen.
Besorgniserregende Signale aus präklinischen Modellen fügen weitere Komplexität hinzu. Eine Mausstudie aus dem Jahr 2024 berichtete über Verringerungen der Kardiomyozytengröße und Hinweise auf Skelettmuskelverlust neben dem beabsichtigten Fettabbau und einer verbesserten Glukosekontrolle. Die Bildunterschrift zur Kardiomyozyten-Abbildung in dieser Arbeit lautet: "The cardiomyocyte area of mice without (left) and with semaglutide treatment (right). (Martens et al., The Lancet, 2024)". Ergebnisse aus Tierversuchen lassen sich nicht direkt auf Menschen übertragen, rechtfertigen jedoch Vorsicht und engmaschigere Überwachung in klinischen Settings.
Bekannte Nebenwirkungen beim Menschen — Übelkeit, Erbrechen und gastrointestinale Beschwerden — sind häufig und gut dokumentiert. Längerfristige Auswirkungen, insbesondere auf Muskulatur und Herzstruktur, werden weiterhin untersucht; hierzu fehlen derzeit noch belastbare Langzeitdaten.
Typ-2-Diabetes betrifft weltweit schätzungsweise eine halbe Milliarde Menschen, und Herzinsuffizienz zählt zu den häufigsten und schwerwiegendsten Komplikationen. Bei Patientinnen und Patienten mit beiden Diagnosen kann die Nutzen-Risiko-Abwägung zugunsten von Semaglutid ausschlagen, insbesondere wenn das Präparat durch erfahrene Diabetes- und Kardiologie-Teams verschrieben und überwacht wird. Dennoch liefern Alternativen wie die bariatrische Chirurgie bei geeigneten Kandidaten oft eine überlegene glykämische Kontrolle, und eine breite Off-Label-Anwendung von GLP-1-Präparaten zur kardiovaskulären Protektion wäre ohne klarere mechanistische Hinweise und längere Nachbeobachtung verfrüht.
Klinikerinnen und Kliniker sowie Patientinnen und Patienten müssen potenzielle kardiale Vorteile gegen ungewisse Langzeitrisiken abwägen. Zugleich sollten Forschende gezielt untersuchen, warum diese Vorteile in bestimmten Gruppen, etwa bei vorbestehender Herzinsuffizienz, häufiger auftreten als in anderen.
Für die Praxis bedeutet das: Individualisierte Therapieentscheidungen bleiben zentral. Die Integration von oralen GLP-1-Agonisten wie Semaglutid in die Behandlung von Typ-2-Diabetes sollte auf einer umfassenden Bewertung von Komorbiditäten, Begleitmedikationen und Patientenpräferenzen beruhen. Zudem sind robuste prospektive Studien nötig, die spezifisch die Wirkung bei Menschen mit Herzinsuffizienz, mögliche Wirkmechanismen und Langzeiteffekte auf kardiale Struktur und Skelettmuskulatur untersuchen.
Quelle: sciencealert
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