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Forscher berichten, dass winzige, sub-psychoaktive Dosen eines Cannabisextrakts in einer weltweit ersten klinischen Studie den kognitiven Abbau bei Menschen mit leichter Alzheimer-Krankheit stabilisiert haben. Dieser Befund wirft neue Fragen zu Cannabinoiden, Altern und möglichen Wegen der Demenzprävention auf – und zwar ohne das für Cannabis oft assoziierte „High“.
Warum Wissenschaftler sich für winzige Cannabisdosen interessierten
Mit der weltweiten Alterung der Bevölkerung nehmen Alzheimer und verwandte Demenzen als gesundheitspolitische Herausforderung zu. Bestehende Medikamente liefern nur begrenzte Vorteile und heilen nicht, weshalb Forscher neuartige Ansätze untersuchen. Ein vielversprechendes Ziel ist das endocannabinoide System des Gehirns – ein biochemisches Netzwerk, das an Gedächtnisprozessen, Entzündungsregulation und neuronaler Resilienz beteiligt ist und mit dem Alter abgeschwächt wird.
Vor diesem Hintergrund testete eine kleine brasilianische klinische Studie unter der Leitung von Professor Francisney Nascimento und Kolleg*innen an der Universidade Federal da Integração Latino-Americana (UNILA) die Hypothese, dass minimale tägliche Dosen eines Cannabisöls mit gleichen Mikromengen THC und CBD (je 0,3 mg) die Kognition bei älteren Menschen mit leichter Alzheimer-Demenz beeinflussen könnten. Dieses Dosisniveau liegt deutlich unter der Schwelle, die psychoaktive Effekte hervorruft, und entspricht einem sogenannten Microdosing-Ansatz.
Die Untersuchung zielt daher nicht auf Intoxikation oder bewusstseinsverändernde Effekte, sondern auf eine subtile Modulation neurobiologischer Signalwege, die bei Alterung und neurodegenerativen Erkrankungen relevant sind. Solche Ansätze sind Teil einer breiteren Forschung zu niedrig dosierten, zielgerichteten Therapien zur Prävention oder frühzeitigen Intervention bei kognitiven Störungen.
Die Studie: Design, Messgrößen und Ergebnisse
24 Freiwillige im Alter von 60–80 Jahren, alle mit der Diagnose einer leichten Alzheimer-Erkrankung, wurden in eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie eingeschlossen. Der in der Studie verwendete Cannabisextrakt wurde von ABRACE, Brasiliens größter Patientenvereinigung, gespendet; die Studie erhielt keinerlei Finanzierung durch Cannabisunternehmen, was Interessenkonflikte mindern soll.
Methoden in Kürze
- Intervention: tägliches orales Öl mit 0,3 mg THC + 0,3 mg CBD (Mikrodosis).
- Dauer: 24 Wochen Behandlung mit anschließenden Follow-up-Untersuchungen.
- Primärer kognitiver Endpunkt: Mini-Mental State Examination (MMSE), ein weit verbreitetes Screening-Instrument mit einer Skala bis 30 Punkte.
- Weitere Erhebungen: Skalen zur umfassenderen Kognition (ADAS-Cog), Stimmung, Allgemeingesundheit und Lebensqualität; unerwünschte Ereignisse wurden dokumentiert.
Nach 24 Wochen zeigte die aktiv behandelte Gruppe eine Stabilisierung der MMSE-Werte, während die Placebo-Gruppe einen leichten Rückgang erfuhr. Im Mittel lagen die Patientinnen und Patienten unter Mikrodosis zwei bis drei Punkte über der Placebo-Gruppe im MMSE – ein moderater, aber in dieser Population klinisch relevantes Ergebnis. Nicht-kognitive Endpunkte wie Depressionswerte und Lebensqualitätsmaße veränderten sich nicht signifikant, und das Nebenwirkungsprofil war in beiden Gruppen vergleichbar.

Microdosing von Cannabisextrakt wird in der klinischen Praxis und Literatur bisher selten berichtet.
Wie kann eine so geringe Dosis wirken?
Die biologische Begründung stützt sich zum Teil auf Tierversuche. Bereits 2017 zeigten Forscher wie Andreas Zimmer und Andras Bilkei-Gorzo, dass sehr niedrige THC-Dosen die kognitive Leistung und synaptische Marker in alten Mäusen wiederherstellen konnten und damit einige altersbedingte molekulare Veränderungen im Hippocampus – einer für das Gedächtnis zentralen Hirnregion – umkehrten.
Mit dem Alter nimmt das endocannabinoide Signalwesen ab, wodurch das alternsbedingte Gehirn anfälliger für Entzündungen, synaptischen Verlust und kognitiven Abbau wird. Cannabinoide können Entzündungsreaktionen modulieren und neuroplastische Prozesse fördern. Das UNILA-Team vermutet, dass wiederholte Mikrodosen das endocannabinoide System so feinjustieren könnten, dass Gedächtnisnetzwerke geschützt werden, ohne das Bewusstsein zu verändern.
Auf molekularer Ebene könnten niedrige Cannabinoidkonzentrationen entzündungsassoziierte Zytokine reduzieren, Mikrogliaselektion modulieren und synaptische Signalwege stabilisieren (z. B. BDNF-vermittelte Pfade). Zusätzlich ist zu berücksichtigen, dass CBD und THC unterschiedliche, teils synergistische Wirkmechanismen besitzen: CBD wirkt entzündungshemmend und neuroprotektiv ohne psychoaktive Effekte, während THC an CB1- und CB2-Rezeptoren bindet und kurze, dosisabhängige Modulationen neuronaler Aktivität bewirken kann.

Niedrige Dosen bestimmter Wirkstoffe können Schlüsselsysteme im Gehirn modulieren, ohne das Bewusstsein zu verändern.
Limitierungen und was die Ergebnisse beweisen — und nicht beweisen
Die Studie ist pionierhaft, aber klein. Mit nur 24 Teilnehmenden und Effekten, die hauptsächlich auf einem kognitiven Maß basieren, sollten die Ergebnisse als vorläufig betrachtet werden. Die Studie zeigte keine Krankheitsmodifikation im Sinne einer nachgewiesenen Verlangsamung der zugrundeliegenden Alzheimer-Pathologie und dokumentierte auch keine Verbesserungen von Stimmung oder Alltagsfunktionen. Dennoch ist das Stabilisieren kognitiver Werte über sechs Monate bemerkenswert, da die Alzheimer-Erkrankung typischerweise durch einen stetigen Abfall gekennzeichnet ist.
Wesentliche nächste Schritte umfassen größere randomisierte Studien mit längerer Nachbeobachtungszeit sowie die Einbindung biologischer Marker: Neuroimaging zur Verfolgung von Hirnstruktur und -funktion, Liquor- oder Blutmarker für Amyloid, Tau und entzündliche Prozesse sowie pharmakokinetische Analysen, um zu verstehen, wie solche niedrigen Dosen über die Zeit wirken. Solche Biomarker würden helfen zu klären, ob es sich um symptomatische Stabilisierung oder echte Modifikation der Krankheitsprozesse handelt.
Darüber hinaus sind Subgruppenanalysen (z. B. nach genetischen Risikomarkern wie APOE-Status) und Dosis-Wirkungs-Studien notwendig, um optimale Verabreichungsschemata, Langzeitsicherheit und mögliche Wechselwirkungen mit Polypharmazie bei älteren Patient*innen zu bestimmen. Kleine Studien können seltene, aber relevante Nebenwirkungen übersehen, weshalb Sicherheitssignale in größeren Kohorten kritisch sind.
Praktische Implikationen: Prävention, Wahrnehmung und Sicherheit
Eine wichtige Barriere für den therapeutischen Einsatz von Cannabis bei älteren Erwachsenen ist die kulturelle Angst vor Intoxikation. Der Mikrodosierungsansatz könnte dieses Problem umgehen – er bietet potenzielle neuroprotektive Vorteile ohne das subjektive „High“. Gelingt eine Replikation in größeren Studien, könnte dies zur Entwicklung neuer Niedrigdosisformulierungen führen, die auf Prävention oder Frühintervention bei leichter kognitiver Beeinträchtigung oder familiärem Demenzrisiko abzielen.
Dennoch sind Ärztinnen, Angehörige und Patientinnen vorsichtig zu beraten: Bis größere Studien Wirksamkeit und Sicherheit bestätigen, darf Mikrodosierung nicht als Ersatz für standardisierte Behandlungen oder zugelassene Therapien angesehen werden. Außerdem sind regulatorische, verschreibungspflichtige und qualitätskontrollierende Rahmenbedingungen essenziell, damit Forschungsbefunde in eine sichere klinische Anwendung überführt werden können. Qualitätsstandards für Inhaltsstoffprüfung, Reinheit, Kennzeichnung und pharmazeutische Konsistenz sind dabei Grundvoraussetzung.
Weitere praktische Fragen betreffen Interaktionen mit anderen Medikamenten (z. B. Antikoagulanzien, Psychopharmaka), Altersveränderungen der Pharmakokinetik und -dynamik sowie die Langzeitfolgen wiederholter Anwendung bei multimorbiden älteren Patient*innen. Solche Punkte müssen in Studienprotokollen und späteren Leitlinien adressiert werden.
Expert*inneneinschätzung
„Diese Studie ist ein interessantes Proof-of-Concept“, sagt Dr. Mira Santoro, Neurologin und Forscherin für neurodegenerative Erkrankungen an der Universität São Paulo. „Die Vorstellung, dass sub-psychoaktive Cannabinoide die Kognition beeinflussen können, ohne das Bewusstsein zu beeinträchtigen, stellt gängige Annahmen über Cannabis in Frage. Doch wir brauchen robuste, multizentrische Studien mit Biomarkern, um zu klären, ob wir die Krankheit verlangsamen oder lediglich Symptome temporär stabilisieren.“
Dr. Santoro ergänzt: „Das Sicherheitsprofil hier ist ermutigend, aber kleine Studien können seltene Nebenwirkungen übersehen. Kliniker sollten die sich entwickelnde Evidenzlage genau verfolgen, und Patienten sollten jede Off-Label-Anwendung mit ihrem Behandlungsteam besprechen.“
Wohin diese Forschung führen könnte
Die Studie eröffnet mehrere Entwicklungsrichtungen: Standardisierte Mikrodosisformulierungen, Kombinationstherapien mit entzündungshemmenden oder krankheitsmodifizierenden Substanzen sowie Studien, die den Einsatz früher im Verlauf kognitiver Veränderungen prüfen. Zudem unterstreicht sie den Wert patientengetriebener Initiativen – die Extraktspende durch ABRACE machte die Studie erst möglich – und die Notwendigkeit unabhängiger Forschungsfinanzierung, um Interessenkonflikte zu vermeiden.
Langfristig bleibt die entscheidende Frage: Können Cannabinoide den Progress von Alzheimer- Erkrankungen tatsächlich signifikant verlangsamen? Diese Studie ist ein erster Schritt – ein vorsichtiger, datenbasierter Anstoß in Richtung neuer therapeutischer Strategien, die biologische Mechanismen nutzen anstatt Stigmata zu reproduzieren. Größere, längere und biomarkerreiche Studien werden zeigen, ob Mikrodosierung von Cannabis ein praktikables Instrument im Kampf gegen Demenz ist.
Für Fachkreise lohnt sich die weitere Auseinandersetzung mit den zugrundeliegenden Signalwegen des endocannabinoiden Systems, translationalen Modellen und der Frage, wie individualisierte, risiko-adaptierte Präventionsstrategien aussehen könnten. Für Angehörige und Patient*innen bleibt Kommunikation mit dem Behandlungsteam zentral, bis belastbare klinische Leitlinien existieren.
Quelle: sciencealert
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