Konservierungsstoffe und Typ-2-Diabetes: Neue Studienergebnisse

Konservierungsstoffe und Typ-2-Diabetes: Neue Studienergebnisse

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Neue Analysen langfristiger Ernährungsdaten deuten auf einen überraschenden Zusammenhang zwischen weitverbreiteten Konservierungsstoffen in Lebensmitteln und einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes hin. Die groß angelegte französische Kohortenstudie untersuchte, wie alltägliche Zusatzstoffe in verarbeiteten Lebensmitteln die Stoffwechselgesundheit über viele Jahre beeinflussen können.

Die Konservierungsstoffe, die verarbeitete Lebensmittel frisch halten, könnten still und leise das Risiko für Typ-2-Diabetes erhöhen.

Große Studie verknüpft Konservierungsstoffaufnahme mit höherem Diabetes-Risiko

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Rahmen der NutriNet-Santé-Kohorte verfolgten mehr als 108.700 Erwachsene im Zeitraum von 2009 bis 2023, um zu untersuchen, ob die Exposition gegenüber Konservierungsstoffen in Lebensmitteln mit neu auftretendem Typ-2-Diabetes zusammenhängt. Die Untersuchung wurde von Teams der Inserm, INRAE, der Université Sorbonne Paris Nord, der Université Paris Cité und des Cnam unter der Leitung des Nutritional Epidemiology Research Team (CRESS-EREN) koordiniert.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer reichten wiederholt 24-Stunden-Ernährungsprotokolle ein, die Marken- und Produktnamen enthielten, sodass die Forschenden jede Angabe mit Lebensmittelzusammensetzungsdatenbanken wie Open Food Facts, Oqali und EFSA verknüpfen konnten. Durch die Kombination von Kennzeichnungsdaten mit analytischen Messungen von Zusatzstoffkonzentrationen schätzte das Team die langfristige Aufnahme von Konservierungsstoffen für jede Person.

Während der Nachbeobachtung wurden 1.131 neue Fälle von Typ-2-Diabetes identifiziert. Nach Anpassung an Alter, Geschlecht, Bildungsniveau, Rauchverhalten, Alkoholkonsum, körperliche Aktivität und allgemeine Ernährungsqualität ging ein höherer Konsum von konservierungsstoffhaltigen Zusatzstoffen mit einem deutlich erhöhten Diabetes-Risiko einher. Die gesamte Aufnahme von Konservierungsstoffen korrelierte mit einem um 47 Prozent erhöhten Risiko, Typ-2-Diabetes zu entwickeln; nicht-antioxidative Konservierungsstoffe zeigten eine Risikosteigerung von etwa 49 Prozent, antioxidative Zusatzstoffe eine von rund 40 Prozent.

Diese Effekte blieben in multiplen Sensitivitätsanalysen robust, was die Relevanz der Beobachtung unterstreicht. Die Ergebnisse liefern wichtige Hinweise für Forscher, Klinikpersonal und Gesundheitspolitik, da sie mögliche Langzeitfolgen einer breit gefächerten Exposition gegenüber Lebensmittelzusatzstoffen aufzeigen.

Welche Zusatzstoffe waren betroffen und warum das wichtig ist

In den ausgewerteten Ernährungsprotokollen identifizierten die Forschenden 58 mit Konservierungsmitteln in Verbindung stehende Zusatzstoffe, darunter 33 klassische Konservierungsmittel und 27 antioxidative Zusatzstoffe. Von diesen analysierten sie 17 einzelne Zusatzstoffe, die von mindestens zehn Prozent der Teilnehmenden konsumiert wurden. Bei zwölf dieser Substanzen war eine höhere Aufnahme mit einem größeren Diabetes-Risiko verknüpft.

Zu den beteiligten nicht-antioxidativen Konservierungsmitteln zählten Kaliumsorbat (E202), Kaliumdisulfit/Metabisulfit (E224), Natriumnitrit (E250), Essigsäure (E260), Natriumacetate (E262) und Calciumpropionat (E282). Antioxidative Zusatzstoffe, die mit einem erhöhten Risiko in Verbindung gebracht wurden, umfassten Natriumascorbat (E301), Alpha-Tocopherol (E307), Natriumerythorbat (E316), Zitronensäure (E330), Phosphorsäure (E338) und Rosmarinextrakte (E392).

Auf Zutatenlisten erscheinen diese Stoffe häufig als E-Codes: Konservierungsmittel werden in der Regel im Bereich E200 bis E299 angegeben, während antioxidative Zusatzstoffe in den Bereich E300 bis E399 fallen. Die allgegenwärtige Nutzung dieser Verbindungen in verpackten Lebensmitteln wird deutlich: 2024 listete Open Food Facts mehr als 700.000 Produkte, die mindestens ein Konservierungsmittel enthalten, bei insgesamt etwa dreieinhalb Millionen Einträgen.

Die Identifikation konkreter E-Codes erleichtert die Nachverfolgbarkeit, wirft aber auch Fragen zur kumulativen Exposition auf, da Konsumenten oft mehrere Produkte mit unterschiedlichen, aber sich ergänzenden Additiven täglich konsumieren. Für die Risikoabschätzung ist deshalb nicht nur die Präsenz eines einzelnen Zusatzstoffs, sondern die Gesamtexposition über verschiedene Produkte hinweg relevant.

Wie Forschende die Exposition gemessen und Verzerrungen kontrolliert haben

Die Stärke dieser Studie liegt in der detaillierten Ernährungsbewertung kombiniert mit externen produktbezogenen Datenbanken und Schätzungen der Zusatzstoffkonzentrationen. Wiederholte 24-Stunden-Erinnerungsprotokolle verringerten zufällige Messfehler in der Expositionsabschätzung und ermöglichten dem Team, die langfristige Aufnahme zu modellieren statt eines einzigen momentanen Ausschnitts.

Statistische Modelle berücksichtigten eine Vielzahl potenzieller Störfaktoren, darunter Energiezufuhr, Zucker-, Salz-, gesättigte Fett- und Ballaststoffkonsum sowie Lebensstilfaktoren wie Rauchen und körperliche Aktivität. Zusätzlich wurden sozioökonomische Variablen und Indikatoren der allgemeinen Ernährungsqualität in die Analysen einbezogen. Obwohl Beobachtungsstudien Restverzerrungen nicht vollständig ausschließen können, stützen die Konsistenz der Assoziationen über mehrere Konservierungsstoffe hinweg sowie die Übereinstimmung mit vorläufigen experimentellen Daten die Plausibilität der Befunde.

Die Forscher führten mehrere Sensitivitätsanalysen durch, z. B. den Ausschluss früher Fälle, unterschiedliche Adjustierungsmodelle und die Behandlung fehlender Werte. Diese Tests trugen dazu bei, die Robustheit der beobachteten Zusammenhänge zu prüfen und mögliche Analyseartefakte zu minimieren.

Biologische Plausibilität und bisherige Evidenz

Laborstudien haben zuvor nahegelegt, dass mehrere Konservierungsstoffe zelluläre Funktionen schädigen, Stoffwechselwege stören oder die DNA-Integrität beeinflussen können. Solche mechanistischen Hinweise erhöhen die biologische Plausibilität der epidemiologischen Verbindung: Wenn bestimmte Zusatzstoffe Entzündungsprozesse verstärken, das Darmmikrobiom verändern oder die Insulin-Signalübertragung beeinträchtigen, könnten sie über Jahre zur Entwicklung von Typ-2-Diabetes beitragen.

Beispiele aus der experimentellen Forschung umfassen Hinweise auf oxidative Stressinduktion, Modulation entzündlicher Zytokine, Veränderungen der bakteriellen Diversität im Darm sowie direkte Effekte auf Insulinsensitivität in Zell- und Tiermodellen. Diese Mechanismen sind nicht notwendigerweise identisch für alle Zusatzstoffe, zeigen aber, dass unterschiedliche biologische Pfade zur Stoffwechselstörung beitragen können.

Die Studienautorinnen und -autoren betonten, dass es sich um die erste bevölkerungsbezogene Analyse handelt, die Konservierungsstoff-Zusatzstoffe mit neu auftretendem Typ-2-Diabetes verknüpft. Sie fordern Bestätigung in anderen Kohorten und experimentelle Folgeuntersuchungen, um kausale Pfade klarer zu definieren und dosisabhängige Effekte besser zu verstehen.

Auswirkungen auf öffentliche Gesundheit und Regulierung

Das Forscherteam und Fachleute aus dem Bereich der öffentlichen Gesundheit weisen darauf hin, dass die Ergebnisse einen erneuten Blick darauf rechtfertigen, wie Zusatzstoffe reguliert und in der Lebensmittelindustrie verwendet werden. Falls die Befunde repliziert werden, könnten sie Argumente für eine strengere Bewertung gängiger Konservierungsstoffe und für politische Maßnahmen stärken, die den Konsum weniger verarbeiteter Lebensmittel fördern.

Mögliche politische Optionen reichen von engeren Grenzwerten für bestimmte Zusatzstoffe über verstärkte Kennzeichnungspflichten bis hin zu Anreizen für Reformulierungen, die die Abhängigkeit von bestimmten Konservierungsmitteln reduzieren. Auch die Förderung von Programmen zur Reduzierung ultraverarbeiteter Lebensmittel im Rahmen nationaler Ernährungsrichtlinien könnte eine Rolle spielen.

Gleichzeitig stimmen die Ergebnisse mit bestehenden Ernährungsempfehlungen überein, die den Vorrang frischer oder minimal verarbeiteter Lebensmittel sowie die Reduktion des Konsums ultraverarbeiteter Produkte betonen. Für Verbraucherinnen und Verbraucher reduziert eine Einschränkung verpackter und industriell verarbeiteter Lebensmittel die Exposition gegenüber einer komplexen Mischung von Zusatzstoffen, darunter jene, die in dieser Studie hervorgehoben wurden.

Expertinnen- und Expertenkommentar

Dr. Laura Mendes, eine Ernährungs-Epidemiologin, die nicht an der Studie beteiligt war, kommentierte: 'Diese Forschung liefert ein wichtiges Signal zu alltäglichen Zusatzstoffen, die viele Menschen bei der Auswahl verpackter Lebensmittel nicht berücksichtigen. Die Assoziationen sind konsistent und biologisch plausibel, aber Beobachtungsdaten sind nur ein Teil des Puzzles. Wir benötigen mechanistische Studien und Replikationen in unterschiedlichen Populationen, bevor umfassende regulatorische Änderungen empfohlen werden können.'

Anaïs Hasenböhler, eine Doktorandin bei EREN, die zur Analyse beitrug, ergänzte, dass die Ergebnisse etablierte öffentliche Ratschläge stützen: Bevorzugen Sie frische, minimal verarbeitete Lebensmittel und reduzieren Sie, wo möglich, den Konsum unnötiger Zusatzstoffe.

Für Wissenschaftlerinnen, Politikgestalter und Regulierungsbehörden hebt die Studie eine bislang vernachlässigte Wissenslücke hervor: Konservierungsstoffe sind rechtlich zugelassen und allgegenwärtig, doch ihre langfristigen metabolischen Effekte sind im Vergleich zu Nährstoffen wie Zucker oder Fett weniger intensiv untersucht worden. Bessere Überwachungsinstrumente für die Additosexposition und gezielte toxikologische Studien könnten helfen, diese Lücke zu schließen.

Aus fachlicher Sicht wäre es sinnvoll, kombinierte Expositionsmodelle und Mixturenanalysen zu entwickeln, da Konsumenten selten einzelnen Zusatzstoffen isoliert ausgesetzt sind. Ebenso wichtig sind standardisierte analytische Messungen in Lebensmitteln, um die Schätzungen der Verbraucherexposition zu verfeinern und länderübergreifende Vergleiche zu ermöglichen.

Letzten Endes müssen Verbraucherinnen und Verbraucher, Kliniker und Regulatoren die unmittelbaren funktionalen Vorteile von Konservierungsstoffen, etwa eine verlängerte Haltbarkeit und verringerte Lebensmittelverluste, gegen mögliche langfristige gesundheitliche Folgen abwägen. Bis weitere Evidenz vorliegt, bleiben der Verzehr vollwertiger Lebensmittel und das Lesen von Zutatenlisten praktikable Schritte, um die Aufnahme bestimmter Zusatzstoffe zu reduzieren.

Quelle: scitechdaily

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