Dreidimensionale Karte zeigt Erdbebenrisiken bei Istanbul

Dreidimensionale Karte zeigt Erdbebenrisiken bei Istanbul

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Das nächste große Erdbeben in der Nähe von Istanbul ist möglicherweise weniger ein Rätsel der genauen Zeit als vielmehr ein Kartenproblem: Wissenschaftler beginnen endlich, sichtbar zu machen, wo die Verwerfung am schwächsten ist und wo sich Spannung wahrscheinlich entladen wird.

Tief unter dem Marmarameer haben Forscher die elektromagnetischen „Flüstertöne“ der Erde genutzt, um Unterschiede in der Gesteinsfestigkeit aufzuzeichnen, die allein durch seismische Wellen nicht erkennbar wären. Das Ergebnis ist das erste vollständige dreidimensionale Widerstandsmodell der Kruste unter diesem Abschnitt der Nordanatolischen Verwerfung. Es zeigt ein Flickwerk aus schwächeren, flüssigkeitsreichen Zonen neben starreren, verriegelten Blöcken — genau die Art von Grenzflächen, an denen ein Bruch am ehesten beginnen kann.

Tief unter dem Marmarameer könnte sich die Kruste bereits auf ein zukünftiges Erdbeben vorbereiten. Forschende entdeckten mit elektromagnetischen Signalen statt nur seismischer Wellen verborgene Variationen in der Verwerfung, die Hinweise darauf geben, wo sich Spannung konzentrieren könnte.

Das Unsichtbare sehen mit Magnetotellurik

Magnetotellurische Untersuchungen registrieren subtile Schwankungen des Magnetfeldes und elektrischer Felder der Erde, die durch Ströme im Untergrund verursacht werden. Diese Signale tragen Informationen über die elektrische Leitfähigkeit bzw. ihren Kehrwert, den elektrischen Widerstand (Resistivität), die sich mit Flüssigkeitsgehalt, Temperatur und Gesteinszusammensetzung ändert. Niedrige Resistivitätswerte deuten in der Regel auf flüssigkeitsgesättigte oder chemisch veränderte, geschwächte Gesteine hin; hohe Resistivitätswerte kennzeichnen meist kältere, intaktere und stärker verriegelte Kruste. Für die Beurteilung des Erdbebenrisikos sind diese physikalischen Eigenschaften von zentraler Bedeutung, weil sie mechanische Unterschiede entlang der Störungszone markieren.

Ein Team unter der Leitung von Dr. Yasuo Ogawa am Institute of Science Tokyo arbeitete mit Kolleginnen und Kollegen in der Türkei zusammen, darunter Dr. Tülay Kaya-Eken von der Boğaziçi-Universität. Sie werteten Daten von mehr als 20 magnetotellurischen Stationen über dem Marmarameer aus. Mittels moderner 3D-Inversionsverfahren übersetzten sie die elektromagnetischen Muster in ein volumetrisches Widerstandsmodell, das sich über Dutzende von Kilometern unter dem Meeresboden erstreckt — das erste seiner Art für diesen kritischen Abschnitt der Nordanatolischen Verwerfung. Die Kombination von Feldmessungen und leistungsfähiger Inversionssoftware erlaubte eine Auflösung, die in früheren zwei- oder eindimensionalen Ansätzen so nicht erreichbar war.

Was das Modell offenbart und warum es wichtig ist

Das Modell legt deutliche Kontraste offen. Taschen mit niedriger Resistivität liegen neben Streifen mit hoher Resistivität. An diesen Übergängen verändert sich das Verhalten der Kruste grundlegend: Flüssigkeiten können Verwerfungen schmieren und Gleiten begünstigen, während angrenzende verriegelte Blöcke Spannungen ansammeln und diese erst plötzlich freigeben können. Die Forschenden interpretieren diese Übergänge als vielversprechende Kandidaten für Bruchinitiationen und als Stellen, an denen sich seismische Energie während eines großen Erdbebens besonders konzentrieren könnte.

„Die von uns kartierten Muster scheinen zu markieren, wo sich Spannung ansammelt und wo ein Bruch beginnen könnte“, fasst Dr. Ogawa die Interpretation des Teams zusammen. Ihre Arbeit liefert zwar keine Vorhersage für den genauen Zeitpunkt eines Bebens, verengt jedoch die geografischen Möglichkeiten und hilft zu bestimmen, welche Teilabschnitte der Verwerfung die dringendste Überwachung und Vorbereitung erfordern. Solche räumlichen Prioritäten sind für Risikomanagement und Katastrophenvorsorge entscheidend.

Das ist nicht nur akademisch relevant. Der Marmara-Abschnitt der Nordanatolischen Verwerfung hat seit über 250 Jahren kein großes Beben produziert, während sich die Aktivität im 20. Jahrhundert schrittweise nach Westen verlagert hat. Diese Lücke weckt die Besorgnis, dass sich unter den Toren Istanbuls Spannung aufgebaut hat. Ein 3D-Widerstandsmodell verbessert Gefahrenmodelle, indem es einen physischen Proxysatz liefert, welche Bereiche potenziell schwach oder verriegelt sind. Dies kann Auswirkungen haben auf seismische Gefahrenkarten, Prioritäten bei Gebäudesanierungen (Erdbebensicherung), Infrastrukturplanung und Strategien für Frühwarnsysteme.

Dieses neue dreidimensionale (3D) Widerstandsmodell unterhalb der Nordanatolischen Verwerfung hilft Erd- und Geowissenschaftlern, Bereiche mit erhöhtem Risiko für schwere Erdbeben genauer zu identifizieren.

Folgen für Überwachung und Vorsorge

Mehr als eine kartografische Leistung zeigt dieses Modell konkrete Zonen, in denen gezielte Messtechnik Prognosen verbessern kann: Die stationäre oder mobile Installation von Dehnungsmessern (Strainmetern), dichten GPS-Netzen, Ozeanboden-Seismometern und elektromagnetischen Langzeitmessstationen entlang der anomaliennahen Grenzen wird prüfen, ob diese Regionen langsam kriechen (aseismisches Gleiten), sich plastisch verformen oder starr halten, bis sie ruckartig versagen. Solche multiparametrischen Messungen sind nötig, um mechanische Prozesse über kurze und lange Zeiträume zu unterscheiden und so robuste Gefährdungseinschätzungen zu erstellen.

Die Integration elektromagnetischer Bildgebung mit seismischen und geodätischen Daten liefert ein umfassenderes Bild der Verwerfungsmechanik, als es eine einzelne Methode je könnte. Während Seismik Informationen über momentane Wellenausbreitung und Bruchausbreitung liefert, ergänzt die Magnetotellurik die Statik und die Fluidverteilung im Untergrund; Geodäsie (z. B. GPS) beschreibt dagegen die langsamen, kontinuierlichen Verformungen an der Erdoberfläche. Zusammen helfen diese Datensätze, Beziehungen zwischen Fluidmigration, Temperatur, Gesteinsalter und mechanischem Verhalten zu identifizieren — Schlüsselfaktoren für Bruchprozesse.

Technisch demonstriert die Studie, wie Magnetotellurik und 3D-Inversion von Labor- und Feldexperimenten bis hin zu anwendbarer Gefahrenforschung skaliert werden können. Die Methodik lässt sich weltweit dort einsetzen, wo Komplexität der Verwerfungsstrukturen und Verteilung von Fluiden das Bruchverhalten steuern — von Subduktionszonen über Transformstörungen bis hin zu Grabenbrüchen. Für Regionsplaner bedeutet das: elektromagnetische Bildgebung kann eine ergänzende, oft kosteneffiziente Option sein, um potenziell kritische Untergrundmerkmale zu identifizieren.

Experteneinschätzung

„Elektromagnetische Bildgebung bietet uns eine andere Linse auf die Verwerfung“, sagt Dr. Elif Karaca, eine Geophysikerin, die nicht an der Studie beteiligt war. „Wo Sie niedrige Resistivität neben einem starken, resistiven Block haben, besteht ein mechanischer Kontrast, der Spannung fokussieren kann. Genau dort sollten Notfallplaner hinschauen.“ Diese Einschätzung unterstreicht die praktische Relevanz des Widerstandsmodells für Entscheider in Wissenschaft, Politik und öffentlicher Infrastruktur.

Folgestudien werden das 3D-Modell mit dichteren Messungen und zeitlich aufgelöster elektromagnetischer Überwachung verfeinern. Ziel ist nicht die Prophezeiung eines genauen Ereignisses, sondern die Wahrscheinlichkeitsreduktion: Unklarheiten darüber, wo große Erdbeben beginnen können, sollen verringert werden, damit Gemeinschaften rund um das Marmarameer klarere, wissenschaftlich gestützte Prioritäten zur Risikominderung erhalten. Solche Prioritäten betreffen unter anderem Notfallpläne, Evakuierungsrouten, kritische Versorgungsinfrastruktur und gezielte Gebäudepromovierung.

Aus technischer Sicht bestehen weitere Herausforderungen: die Interpretation der Resistivitätsanomalien in Bezug auf Porosität, Fließwege und Pore-Fluid-Druck; die Kopplung elektromagnetischer Daten mit numerischen Modellen des Brüchigen Versagens; sowie die Unsicherheitsquantifizierung in den Inversionsergebnissen. Diese Fragen treiben die Forschung voran und erfordern interdisziplinäre Teams aus Geophysikern, Geologen, Ingenieuren und Risikomanagern. Die vorgestellte Studie liefert dabei einen konkreten Datensatz und ein konzeptionelles Framework, das als Grundlage für weitere Analysen dienen kann.

Für die Stadtplanung und Ingenieurpraxis hat das Modell unmittelbare Anwendungen: Priorisierung von Gebäudebestandsüberprüfungen in Gebieten, die in der Tiefe eine Kombination aus niedriger Resistivität und scharfen mechanischen Übergängen aufweisen; gezielte Verstärkung von kritischer Infrastruktur wie Krankenhäusern, Brücken und Energiezentralen; sowie die Optimierung von Frühwarnnetzwerken, die Sensoren an jenen Stellen bündeln, die nach dem Modell am ehesten Bruchinitiationen begünstigen.

Langfristig kann die Kombination aus Magnetotellurik, Seismik und Geodäsie auch dazu beitragen, die physikalischen Mechanismen besser zu verstehen, die Bruchausbreitung und Erdbebenstärken steuern — etwa die Rolle von Fluiddruck in der Rissausbreitung, thermische Effekte bei schnellen Brüchen und die Wechselwirkung zwischen verschiedenen Segementen einer großen Verwerfung. Solche Erkenntnisse sind wichtig, weil sie die physikalische Grundlage von Hazard-Modellen stärken und damit die Validität von Gefährdungsszenarien erhöhen.

Abschließend bleibt festzuhalten: Die dreidimensionale Widerstandskarte unter dem Marmarameer ist ein bedeutender Schritt hin zu einer präziseren räumlichen Einschätzung des Erdbebenrisikos vor Istanbul. Sie liefert ein neues physikalisches Messkriterium, das in Kombination mit etablierten Methoden dazu beiträgt, begründete Entscheidungen für Überwachung, Prävention und städtebauliche Maßnahmen zu treffen — zum Schutz von Millionen von Menschen in einer der dicht besiedelsten Metropolregionen Europas.

Quelle: scitechdaily

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