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Neue Forschung deutet darauf hin, dass das wiederholte Hören Ihrer Lieblingslieder nicht nur die Stimmung hebt, sondern langfristig auch das Demenzrisiko senken könnte. Eine umfangreiche australische Studie fand starke Zusammenhänge zwischen regelmäßiger Musikeinbindung und besseren kognitiven Ergebnissen bei Menschen im Alter von 70 Jahren und älter.
Studienbeschreibung und zentrale Ergebnisse
Die Analyse verfolgte 10.893 Australierinnen und Australier, die in Seniorenwohnanlagen lebten und zu Studienbeginn keine Demenzdiagnose hatten. Die Teilnehmenden gaben an, wie häufig sie Musik hörten und ob sie ein Instrument spielten. Nach mindestens drei Jahren Nachbeobachtung zeigten diejenigen, die angaben, sie hörten «immer» Musik, ein um 39 Prozent geringeres Risiko, an Demenz zu erkranken, verglichen mit Personen, die nie, selten oder nur manchmal Musik hörten. Außerdem war das Risiko für leichtere kognitive Beeinträchtigungen (MCI) bei den ständigen Hörenden um 17 Prozent reduziert.
Über die Risikoreduktion hinaus schnitten häufige Musikhörende besser in Tests der allgemeinen Kognition und des episodischen Gedächtnisses ab – jener Gedächtnisform, die Alltagserinnerungen und persönliche Ereignisse sichert. Auch das aktive Musizieren zeigte schützende Effekte: Personen, die regelmäßig ein Instrument spielten, hatten ein um 35 Prozent geringeres Demenzrisiko. Dieser Nutzen erstreckte sich in dieser Studie jedoch nicht gleichermaßen auf leichtere kognitive Störungen.

Kombinierte Gruppen, die sowohl regelmäßig hörten als auch musizierten, wiesen ein um 33 Prozent vermindertes Demenzrisiko und ein um 22 Prozent verringertes Risiko für andere kognitive Probleme auf. Die Forschenden beobachteten zudem einen Einfluss des Bildungsniveaus: Die Vorteile waren am stärksten bei Menschen mit 16 oder mehr Jahren Schul- oder Hochschulbildung ausgeprägt; bei Personen mit mittlerer Bildung (12–15 Jahre) fielen die Befunde inkonsistent aus.
Emma Jaffa, Erstautorin der Studie und Gesundheitsforscherin an der Monash University, betonte, dass die beobachteten Zusammenhänge zwar vielversprechend seien, die Studie jedoch keine Kausalität belegen könne. „Musikalische Aktivitäten könnten eine leicht zugängliche Strategie zur Erhaltung der kognitiven Gesundheit im höheren Alter sein, doch kausale Aussagen lassen sich aus diesen Daten nicht ableiten“, erklärte sie.
Die Kohorte war groß und repräsentativ für Bewohnerinnen und Bewohner von betreuten Wohnformen und Pflegegemeinschaften in Australien, was die Praxisrelevanz erhöht. Methodisch wurden in der Auswertung mehrere potenzielle Störfaktoren berücksichtigt, darunter Alter, Geschlecht, komorbide Erkrankungen (wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen), depressive Symptome sowie Selbstangaben zum Hörvermögen. Dennoch können unbeobachtete Faktoren – etwa frühere musikalische Erfahrung in der Kindheit oder soziale Teilhabe über die Lebensspanne – die Ergebnisse beeinflussen. Randomisierte Interventionsstudien wären notwendig, um direkte Wirkzusammenhänge zwischen Musiktherapie, regelmäßigem Musikhören und Demenzprävention zu prüfen.
Wie Musik die Gehirngesundheit unterstützen kann
Es gibt mehrere plausible biologische und psychosoziale Mechanismen, die eine schützende Wirkung von Musik auf die kognitive Gesundheit erklären könnten. Das Hören von Musik aktiviert weitreichende neuronale Netzwerke, die an Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Emotion und sensorischer Verarbeitung beteiligt sind. Diese breite kortikale und subkortikale Aktivierung kann als Form der kognitiven Stimulation wirken und dadurch Reservekapazitäten im Gehirn aufbauen oder erhalten – ein Konzept, das in der Demenzforschung als kognitive Reserve bekannt ist.
Auf neurobiologischer Ebene fördert Musik die Neuroplastizität: wiederholte auditive und motorische Reize können synaptische Verbindungen stärken, die Kommunikationswege zwischen Hirnregionen verbessern und neurochemische Systeme wie dopaminerge Belohnungsschaltkreise aktivieren. Solche Prozesse unterstützen Lernvorgänge, das episodische Gedächtnis und die emotionale Regulierung – alles Faktoren, die zur Resilienz gegen kognitiven Abbau beitragen können.
Rhythmus und Timing im Musizieren verlangen eine präzise Koordination von sensorischer Wahrnehmung und motorischer Steuerung. Diese Kopplung von Hören und Bewegung beansprucht sensomotorische und präfrontale Netzwerke, die bei älteren Menschen oft geschwächt sind. Das regelmäßige Üben eines Instruments stärkt daher nicht nur musikspezifische Fähigkeiten, sondern fördert auch allgemeinere exekutive Funktionen, Aufmerksamkeitssteuerung und Multitasking-Fähigkeiten, die mit Demenzprävention in Verbindung stehen.
Auch psychosoziale Mechanismen sind bedeutsam: gemeinsames Musizieren oder das Teilen von Playlists kann soziale Teilhabe, emotionale Unterstützung und Sinnstiftung fördern. Soziale Isolation und Einsamkeit sind als Risikofaktoren für kognitive Verschlechterung gut dokumentiert; musikalische Aktivitäten können diesem Trend entgegenwirken, indem sie Interaktion und Gemeinschaftsgefühl stärken.
Ein weiterer, oft übersehener Aspekt ist die Hörgesundheit. Hörverlust gilt als bekannter Risikofaktor für Demenz. Studien deuten darauf hin, dass die rechtzeitige Nutzung von Hörsystemen die kognitive Abnahme verlangsamen kann. In diesem Zusammenhang können gute auditive Funktion und aktives Musikhören synergistisch wirken: Wer gut hören kann, profitiert mehr von komplexen akustischen Stimuli, und musische Aktivitäten können dazu motivieren, Hörhilfen zu nutzen und audiologische Versorgung wahrzunehmen.
Schließlich tragen körperliche Aktivität und kardiovaskuläre Gesundheit zur Gehirngesundheit bei. Manche musikalischen Formate – etwa Tanzen, gemeinsames Singen oder das Spielen größerer Instrumente – erhöhen die körperliche Aktivität und verbessern Herz-Kreislauf-Parameter, die wiederum das Demenzrisiko modulieren können. Insgesamt unterstützen diese multiplen Pfade die Interpretation, dass Musik eine ganzheitliche, niederschwellige und kostengünstige Komponente in einem präventiven Maßnahmenmix sein könnte.
Praktische Schlussfolgerungen
- Regelmäßiges Musikhören im höheren Alter war in dieser großen Kohortenstudie mit einem deutlich geringeren Demenzrisiko verbunden. Musik ist damit als potenziell förderliche Aktivität für die Gehirngesundheit interessant.
- Das aktive Musizieren zeigte ebenfalls einen Schutz gegen Demenz, wobei die Effekte auf leichtere kognitive Beeinträchtigungen variieren konnten. Instrumentalunterricht oder Gruppenmusikangebote können jedoch zusätzlich soziale und motorische Vorteile bieten.
- Hörgesundheit und kognitive Stimulation ergänzen sich: regelmäßige Hörtests und gegebenenfalls der Einsatz von Hörgeräten können die Wirksamkeit musikbasierter Interventionen erhöhen. Achten Sie auf Frühintervention bei Hörverlust und auf Angebote, die Musikhören für ältere Menschen erleichtern.
Für die praktische Umsetzung bedeutet das: Integrieren Sie Musikhören in den Alltag älterer Menschen – sei es in Form von sorgfältig zusammengestellten Playlists, gemeinschaftlichen Musiksitzungen, Chören oder Instrumentalgruppen. Solche Maßnahmen sind niedrigschwellig und lassen sich in Pflegeeinrichtungen, Seniorenzentren oder zuhause realisieren. Gesundheitsdienstleister und Betreuungsangebote sollten das Potenzial von Musik als Teil eines umfassenden Präventionsprogramms für Demenz in Betracht ziehen, gemeinsam mit körperlicher Aktivität, sozialer Teilhabe, kardiovaskulärem Risikomanagement und der Versorgung bei Hörstörungen.
Wichtig bleibt die wissenschaftliche Vorsicht: Beobachtungsdaten können Assoziationen aufzeigen, aber nicht endgültig klären, ob Musikhören oder Musizieren direkt Demenz verhindern. Künftige Forschung sollte randomisierte kontrollierte Studien und longitudinale Interventionen einschließen, um Wirkrichtung, Dosis-Wirkungs-Beziehungen (Hördauer, Intensität des Musizierens) und mögliche Subgruppen zu identifizieren, die am stärksten profitieren – etwa nach Alter, Bildungshintergrund oder dem Vorliegen von vaskulären Risikofaktoren.
Insgesamt liefern die Ergebnisse jedoch weitere Unterstützung für die wachsende Evidenz, dass Musik und Gehirngesundheit eng verknüpft sind. Musik ist eine zugängliche, kulturell vielfältige und kostengünstige Ressource, die in multidisziplinären Ansätzen zur Förderung gesunden Alterns berücksichtigt werden sollte. Ob als einzelner Faktor oder als Teil eines umfassenden Interventionspakets: Musikalische Aktivitäten können einen Beitrag zur Erhaltung kognitiver Fähigkeiten leisten und die Lebensqualität im Alter verbessern.
Quelle: sciencealert
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