NAD+ erhöhen: Studie zu Nicotinamid‑Ribosid bei Long‑COVID

NAD+ erhöhen: Studie zu Nicotinamid‑Ribosid bei Long‑COVID

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Eine neue randomisierte klinische Studie prüfte, ob die Erhöhung eines zentralen zellulären Energiemoleküls anhaltende kognitive und körperliche Symptome von Long‑COVID lindern kann. Forschende verabreichten hochdosiertes Nicotinamid‑Ribosid, eine biologisch verfügbare Form von Vitamin B3, an Betroffene mit anhaltenden Beschwerden wie Brain‑Fog, Fatigue und Schlafstörungen, um zu testen, ob ein Anstieg des zellulären NAD+ (Nicotinamid‑Adenin‑Dinukleotid) die klinischen Ergebnisse verändert.

Warum Wissenschaftler NAD+ und Nicotinamid‑Ribosid untersuchen

Long‑COVID betrifft weltweit Millionen Menschen und zeigt häufig neurologische Symptome wie Gedächtnislücken, Konzentrationsprobleme und verlangsamtes Denken — oft zusammengefasst als Brain‑Fog. Weitere häufige Beschwerden sind anhaltende Erschöpfung (Fatigue), Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen und reduzierte Belastbarkeit. Die biologischen Ursachen dieser Beschwerden sind komplex und umfassen vermutlich eine anhaltende Immunaktivierung, chronische Entzündungsprozesse, Veränderungen im vaskulären System und in der Gerinnung sowie Störungen des autonomen Nervensystems.

Ein zentraler Bereich der Forschung ist die Störung des zellulären Energiestoffwechsels. Nicotinamid‑Adenin‑Dinukleotid (NAD+) ist ein Coenzym, das in jeder menschlichen Zelle vorkommt und eine Schlüsselrolle in der Energiegewinnung, der Reparatur von DNA, der Immun‑Signalübertragung sowie der Regulation von Entzündungsprozessen spielt. Verschiedene präklinische und klinische Befunde deuten darauf hin, dass virale Infektionen und die folgende inflammatorische Reaktion die NAD+‑Biologie beeinflussen können, was dazu beitragen könnte, dass Symptome persistieren.

Nicotinamid‑Ribosid (NR) ist eine verfügbare Form von Vitamin B3, die Zellen als Vorläufer zur NAD+‑Synthese dienen kann. Als Nahrungsergänzungsmittel ist NR in Studien deshalb interessant geworden, weil es unter kontrollierten Bedingungen Blut‑ und Gewebe‑NAD+ erhöhen kann. Diese biochemische Wirkung veranlasste Forscher bei Mass General Brigham, eine praxisorientierte klinische Frage zu stellen: Wenn wir NAD+ bei Menschen mit Long‑COVID sicher erhöhen, verbessert sich dann die Kognition oder andere Symptome?

Aufbau der Studie und Teilnehmende

Die Studie, geführt von Forschenden wie Chao Yi Wu und Edmarie Guzmán Velez am Mass General Brigham und durchgeführt am Massachusetts General Hospital, wurde in eClinicalMedicine veröffentlicht. Es handelte sich um eine randomisierte, placebokontrollierte Studie, die zwischen August 2021 und September 2023 lief. Eingeschlossen wurden 58 Teilnehmende, die die Kriterien für Long‑COVID erfüllten und über anhaltende kognitive oder körperliche Symptome nach einer SARS‑CoV‑2‑Infektion berichteten.

Die Teilnehmenden wurden randomisiert in zwei Arme verteilt. Eine Gruppe begann sofort mit hochdosiertem NR und erhielt 2.000 mg pro Tag über 20 Wochen. Die andere Gruppe erhielt für die ersten 10 Wochen ein Placebo und wechselte anschließend für die nächsten 10 Wochen auf NR (Crossover‑Design). Die Studie war verblindet, sodass weder die Teilnehmenden noch die Forschenden während der Placebophase wussten, wer aktiv NR erhielt.

Die Forschenden bestimmten NAD+‑Spiegel anhand von Blutuntersuchungen und verfolgten klinische Endpunkte mittels strukturierter Fragebögen und neurokognitiver Tests zu Studienbeginn, nach 10 Wochen und nach 20 Wochen. Erfasst wurden subjektive Fatigue, Schlafqualität, Stimmung sowie standardisierte Messungen von Gedächtnis, Aufmerksamkeit und exekutiven Funktionen. Zusätzlich wurden Nebenwirkungen dokumentiert und biologische Marker gesammelt, um die Verträglichkeit und den biochemischen Effekt von NR zu sichern.

Was die Ergebnisse zeigten

Von 58 eingeschriebenen Teilnehmenden begannen 37 sofort mit NR und 21 mit Placebo. Nur 18 Teilnehmende schlossen die gesamte Studie nach 20 Wochen ab; viele zogen sich aus unterschiedlichen Gründen zurück, darunter Reinfektionen mit COVID‑19, Umzüge, Änderungen anderer Medikation oder vermutete Nebenwirkungen. Diese Dropout‑Rate reduzierte die statistische Power der Studie und erschwerte robuste Schlussfolgerungen.

Im primären randomisierten Vergleich zeigten die kognitiven Hauptendpunkte keine signifikanten Unterschiede zwischen der sofortigen NR‑Gruppe und der Placebo‑Gruppe. Ebenso waren die Messwerte auf Gruppenebene für Fatigue, Schlafstörungen und Stimmung in der Hauptanalyse nicht deutlich verschieden. Das Fehlen signifikanter Effekte in der primären Analyse deutet darauf hin, dass die Studie in der vorliegenden Größe keine klaren, generalisierbaren Vorteile nachweisen konnte.

Dennoch ergaben explorative, post‑hoc Analysen, die Teilnehmende zusammenfassten, die NR mindestens 10 Wochen eingenommen hatten, einige interessante Signale. In dieser größeren Stichprobe berichteten Personen im Vergleich zu ihrem Ausgangswert über verringerte Fatigue, bessere Schlafwerte und reduzierte Depressionssymptome nach 10 Wochen NR. Bei einem Teil der Teilnehmenden wurden zudem Verbesserungen in Aufgaben der exekutiven Funktion dokumentiert, was auf potenzielle Vorteile bei Planungsfähigkeit, kognitiver Flexibilität und Aufgabenwechsel hinweisen könnte.

Die Sicherheitsdaten waren überwiegend beruhigend: Die meisten unerwünschten Ereignisse waren mild und umfassten Symptome wie eine erhöhte Neigung zu Blutergüssen oder Hautausschläge. Nur wenige Teilnehmende brachen die Studie aufgrund von Nebenwirkungen ab. Wichtig war zudem, dass die Supplementation erwartungsgemäß einen biochemischen Effekt erzielte: Bei den behandelten Personen stiegen die Blut‑NAD+‑Spiegel zuverlässig an, was die biologische Wirkung von NR in dieser Population bestätigte.

Welche Bedeutung die Ergebnisse für Menschen mit Long‑COVID haben

Die Studie beweist nicht, dass NR eine universelle Lösung für kognitive Beschwerden bei Long‑COVID darstellt. Der randomisierte Vergleich konnte keine klaren, statistisch robusten Vorteile für die primären kognitiven Endpunkte nachweisen, und die Stichprobengröße sowie die Abbrüche begrenzen die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse. Trotzdem liefern die explorativen Befunde ein plausibles biologisches und klinisches Signal: Die Erhöhung von NAD+ könnte bei einigen Betroffenen Fatigue lindern, die Schlafqualität verbessern und depressive Symptome verringern.

Warum könnte NR einigen Menschen helfen, anderen jedoch nicht? Eine mögliche Erklärung ist die Heterogenität der zugrundeliegenden Pathophysiologie bei Long‑COVID. Long‑COVID ist wahrscheinlich kein einheitliches Krankheitsbild, sondern besteht aus mehreren überlappenden Mechanismen. Personen, deren Symptome teilweise durch eine gestörte zelluläre Energiemetabolik oder eine NAD+‑Erschöpfung bedingt sind, könnten eher von NR profitieren als jene, deren Beschwerden primär auf anhaltender Entzündung, vaskulären Schäden oder autonomen Dysfunktionen beruhen. Auch Ausgangs‑NAD+‑Spiegel, das Ausmaß der Entzündung, Geschlecht, Alter und Begleiterkrankungen könnten die Antwort auf NR beeinflussen.

Für Betroffene bedeutet das: NR könnte ein vielversprechender Ansatz sein, ist aber derzeit kein allgemein empfohlener Standardtherapiebaustein. Medizinische Beratung bleibt wichtig, bevor hochdosierte Nahrungsergänzungen eingenommen werden — besonders bei Begleitmedikation oder bekannten Vorerkrankungen. Die Frage nach optimaler Dosis, Therapiedauer und Langzeitsicherheit ist noch offen und erfordert weitere, größere Studien.

Nächste Forschungs‑Schritte

Die Studienautoren empfehlen größere, diversere randomisierte Studien, die darauf ausgelegt sind, Subgruppen zu identifizieren, die am ehesten ansprechen. Zukünftige Studien sollten Teilnehmende nach Ausgangs‑NAD+‑Werten oder inflammatorischen Markern stratifizieren, längere Nachbeobachtungszeiträume einschließen und objektive Messungen — etwa Aktivitätsdaten von Wearables, Leistungsdaten und Biomarker — mit patientenberichteten Ergebnissen kombinieren. Solche Designs erhöhen die Chance, kausale Zusammenhänge zu erkennen und die Heterogenität von Long‑COVID aufzuschlüsseln.

Darüber hinaus wäre es sinnvoll zu prüfen, ob NR in Kombination mit anti‑inflammatorischen Strategien, gezielter Rehabilitation oder weiteren pharmakologischen Interventionen additive oder synergistische Effekte zeigt. Kombinationsansätze könnten für Patienten mit multi‑faktoriellen Symptomen effektiver sein als Einzeltherapien.

Die Forschenden bei Mass General Brigham planen weitere Auswertungen der im Rahmen der Studie gesammelten Aktivitätsdaten und werden untersuchen, ob andere von Teilnehmenden eingenommene Supplemente oder Medikamente die Wirkung von NR beeinflusst haben. Sekundäranalysen dieser Art können Hypothesen für gezielte Folge‑RCTs liefern und helfen, die Fragestellungen zu verfeinern: Wer profitiert, in welchem klinischen Kontext und warum?

Experteneinschätzung

Dr. Maria Álvarez, Neurologin und klinische Forscherin, die nicht an der Studie beteiligt war, ordnete die Ergebnisse ein: „Diese Studie ist ein wichtiger Schritt, weil sie eine klare biochemische Intervention in einen humanen Long‑COVID‑Kontext überführt. Das Sicherheitsprofil ist ermutigend, und die explorativen Verbesserungen bei Fatigue und Schlaf deuten auf einen Mechanismus hin, den es wert ist, weiter zu verfolgen. Dennoch brauchen wir größere Studien und eine bessere Auswahl der Patientengruppen, um den klinischen Nutzen eindeutig zu klären.“

„Für Patientinnen und Patienten“, ergänzte Dr. Álvarez, „bedeutet das nicht, dass sie ohne ärztlichen Rat hochdosierte Supplemente einnehmen sollten. Es fehlen noch belastbare Hinweise darauf, wer NR versuchen sollte, welche Dosis optimal ist und wie sicher eine Langzeiteinnahme ist.“

Für Klinikerinnen, Kliniker und Forschende betont die Studie eine breitere Forschungsstrategie: Zielen auf zelluläre Energiepfade parallel zu Entzündungsprozessen und autonomen Dysfunktionen könnte helfen, die multifaktorielle Natur von Long‑COVID zu adressieren und individualisierte Therapieansätze zu entwickeln.

Insgesamt ist die Erhöhung von NAD+ mittels Nicotinamid‑Ribosid ein biologisch plausibler und relativ gut verträglicher Ansatz, der weitere Untersuchung verdient. Groß angelegte, biomarker‑gesteuerte Studien mit hoher Teilnehmerbindung werden entscheidend sein, um festzustellen, ob dieses zugängliche Supplement Teil eines evidenzbasierten Instrumentariums zur Linderung persistenter Long‑COVID‑Symptome werden kann.

Technisch betrachtet lohnt es sich, die NAD+‑Biochemie detaillierter zu analysieren: NAD+ ist nicht nur an Redoxreaktionen beteiligt, sondern auch Cofaktor für Sirtuine und PARP‑Enzyme, die an der Genregulation, Zellüberleben und Reparaturprozessen beteiligt sind. NR könnte somit über mehrere molekulare Pfade Effekte entfalten, die über die reine Energieversorgung hinausgehen — ein Aspekt, den zukünftige Studien mit geeigneten Biomarkern (z. B. Sirtuin‑Aktivität, PARP‑Signatur, inflammatorische Zytokine) genauer untersuchen sollten.

Methodologisch wäre es für zukünftige Studien sinnvoll, adaptive Designs oder Biomarker‑gestützte Randomisierungen zu verwenden, um frühe Signale effizienter zu bestätigen und die Ressourcen auf diejenigen Subgruppen zu konzentrieren, die am wahrscheinlichsten profitieren. Solche Ansätze erhöhen die klinische Relevanz der Ergebnisse und verbessern die Entscheidungsgrundlage für therapeutische Empfehlungen.

Abschließend bleibt festzuhalten: Die vorliegende Studie liefert wichtige Daten zur Sicherheit und biologischen Wirksamkeit von NR bei Long‑COVID‑Patientinnen und ‑patienten, zeigt aber auch die Herausforderungen klinischer Forschung in einem heterogenen Krankheitsbild. Solide, gut konzipierte Folgeuntersuchungen sind notwendig, um den klinischen Stellenwert von NAD+‑Booster‑Strategien wie Nicotinamid‑Ribosid klar zu definieren.

Quelle: scitechdaily

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