Globale Krebsprognosen 2023–2050: Jetzt handeln

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Die aktuellsten globalen Schätzungen zur Krebslast zeichnen ein ernüchterndes Bild: Ohne politische Weichenstellungen und substanzielle Investitionen in Gesundheitssysteme werden Inzidenz und Sterblichkeit durch Krebs in den nächsten drei Jahrzehnten deutlich ansteigen. Neue Analysen langjähriger Daten deuten darauf hin, dass sich die Belastung dramatisch in Richtung jener Länder verschieben wird, die über die wenigsten Ressourcen verfügen – wodurch Krebs in einigen Regionen, in denen er heute oft vermeidbar und behandelbar ist, anderswo zu einer wachsenden Krise der öffentlichen Gesundheit werden könnte. Diese Projektionen haben weitreichende Folgen für Gesundheitssysteme, soziale Sicherung und wirtschaftliche Entwicklung.

Ansteigende Zahlen, veränderte Geografie

Eine umfangreiche internationale Studie, die auf der Global Burden of Disease 2023 Cancer Collaboration basiert, hat mehr als 30 Jahre Daten zusammengeführt, um Trends bei Krebsneuerkrankungen und Todesfällen zu modellieren. Im Jahr 2023 gab es schätzungsweise rund 18,5 Millionen neue Krebsdiagnosen und etwa 10,4 Millionen krebsbedingte Todesfälle in 204 Ländern. Die Projektionen deuten darauf hin, dass die jährlichen Neuerkrankungen bis 2050 auf etwa 30,5 Millionen und die Todesfälle auf knapp 18,6 Millionen ansteigen könnten – nahezu eine Verdopplung der aktuellen jährlichen Belastung, wenn die gegenwärtigen Trends anhalten.

Wesentlich ist, dass die schnellsten Zuwächse voraussichtlich in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen auftreten werden. Bevölkerungswachstum und Altersstruktur erklären einen Teil des Anstiegs, doch spielen auch veränderte Lebensstile, beschleunigte Urbanisierung, sich verschlechternde Luftqualität in städtischen Zentren sowie eine zunehmende Exposition gegenüber beruflichen und umweltbedingten Karzinogenen bedeutende Rollen. Viele Staaten, die einen raschen wirtschaftlichen Wandel durchlaufen, investieren nicht im gleichen Maße in Screeningprogramme, Pathologieinfrastruktur, die Ausbildung von Onkologinnen und Onkologen oder in den Zugang zu bezahlbaren Behandlungen.

Krebssterbefälle prognostiziert bis 2050, gruppiert nach Einkommensgruppen der Weltbank (rot = Hoch einkommen, bis lila = Niedrig einkommen). (Force et al., The Lancet, 2025)

Prävention, Früherkennung und warum Politik entscheidend ist

Die Studie schätzte, dass im Jahr 2023 rund 41,7 % der krebsbedingten Todesfälle auf veränderbare Risiken zurückzuführen waren: Tabakkonsum, riskanter Alkoholkonsum, ungesunde Ernährung und Adipositas, Außen- und Innenraumluftverschmutzung sowie berufliche oder umweltbedingte Expositionen. Das bedeutet, dass durch gezielte öffentliche Gesundheitsmaßnahmen und strengere Regulierung jährlich Millionen von Fällen verhindert oder hinausgezögert werden könnten. Maßnahmen zur Krebsprävention gehören zu den kosteneffektivsten Interventionen im Gesundheitswesen.

Prävention ist nicht allein individuelle Verantwortung; sie wird wesentlich von politischen Entscheidungen geprägt, die bestimmen, was bezahlbar und verfügbar ist: Werden Tabaksteuern erhöht, wird Luftqualität überwacht und reguliert, sind gesunde Lebensmittel zugänglich und erschwinglich, werden Arbeitsplätze gegen Karzinogene geschützt? Effektive Politiken – Tabakkontrolle, saubere Luftstandards, Strategien zur Vermeidung von Adipositas und Arbeitssicherheit – sind durch solide Evidenz untermauert und können die zukünftige Krebslast deutlich verringern.

Ebenso zentral sind Investitionen in Früherkennung und Behandlung. Screenings für Zervix-, Brust- und kolorektale Tumoren retten Leben, doch viele Länder verfügen noch nicht über routinemäßige Screeningprogramme, gut ausgebildete Pathologiedienste oder verlässliche Lieferketten für essentielle Arzneimittel. Der Ausbau der Kapazitäten im Gesundheitssystem – von Laborverbünden über diagnostische Bildgebung bis hin zur Aus- und Weiterbildung von onkologischem Personal und Chirurgen – wird die Sterblichkeit reduzieren, auch wenn die Inzidenz zunimmt. Eine integrierte Versorgungsstruktur, die Prävention, Früherkennung und Behandlung verbindet, erzielt die besten gesundheitlichen und ökonomischen Effekte.

Wissenschaftlicher Kontext und Datenlücken

Groß angelegte epidemiologische Modelle stützen sich auf Krebsregister, Sterberegister und Datensätze zur Exposition gegenüber Risikofaktoren. Wo diese Systeme schwach sind, steigt die Unsicherheit der Projektionen – und das ist problematisch: Länder benötigen hochwertige Daten, um planen, Prioritäten setzen und Fortschritte messen zu können. Die Stärkung von Krebsregistern, die Harmonisierung von Datenerhebungsmethoden und die Routineüberwachung sind daher kritische, kosteneffektive Schritte, um gezielte Interventionen zu ermöglichen und deren Wirkung zu bewerten.

Historisch wurde Krebs oft als Krankheit wohlhabender Nationen betrachtet. Diese Sichtweise ist veraltet. Viele Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen erleben heute den doppelten Druck von alternden Bevölkerungen und Lebensstiländerungen, jedoch ohne die notwendige Infrastruktur für zeitnahe Diagnosen oder die Versorgung nach aktuellen Standards. Dadurch steigt die relative Sterblichkeit in diesen Regionen. Die sozialen und wirtschaftlichen Folgen sind tiefgreifend: Krebs bei erwerbsfähigen Erwachsenen kann Bildungslaufbahnen, Erwerbstätigkeit und familiäre Stabilität beeinträchtigen, was Armut und Ungleichheit verstärkt.

Zusätzlich schaffen Datenlücken Probleme für die Forschung: Ohne zuverlässige lokale Informationen sind länderspezifische Priorisierungen und maßgeschneiderte Programme schwer zu entwickeln. Investitionen in Dateninfrastruktur, Qualitätssicherung und kapazitätsbildende Maßnahmen für Registrarexperten sind daher ebenso wichtig wie klinische Investitionen.

Was Entscheidungsträger jetzt tun können

  • Ausweitung bewährter Präventionsmaßnahmen: strengere Tabak- und Alkoholpolitik, umfassende Luftqualitätsregelungen und wirksame Maßnahmen zur Vermeidung von Übergewicht.
  • Investitionen in Programme zur Früherkennung und schrittweise Erweiterung des Zugangs zu Screenings dort, wo Evidenz einen klaren Nutzen zeigt.
  • Aufbau und Stärkung von Labor- und Pathologiekapazitäten sowie gezielte Aus- und Weiterbildung für onkologisches Fachpersonal und Pflegekräfte.
  • Sicherstellung des erschwinglichen Zugangs zu essentiellen Krebsmedikamenten und zum nötigen Equipment für Strahlentherapie und operative Versorgung.
  • Priorisierung hochwertiger Datensysteme – Krebsregister, Todesursachenstatistiken und Risikofaktorüberwachung – als Grundlage für evidenzbasierte Politik und Evaluation.

Expertinnen- und Experteneinschätzung

„Die Projektionen sind keine unabwendbare Vorherbestimmung – sie sind ein Aufruf zum Handeln“, sagt Dr. Anjali Rao, eine weltweit tätige epidemiologische Onkologin. „Länder, die jetzt in Tabakkontrolle, Verbesserungen der Luftqualität und skalierbare Screenings investieren, werden bis 2050 deutlich weniger Todesfälle sehen. Das technische Wissen ist vorhanden; was vielerorts fehlt, ist der politische Wille und eine nachhaltige Finanzierung, um dieses Wissen in Systeme zu überführen, die Menschen erreichen.“

Dr. Rao betont, dass integrierte Ansätze die höchsten Renditen bringen: Die Kombination von Prävention, Früherkennung und Ausbau der Behandlungskapazitäten erzeugt synergistische Effekte. „Screening ohne Behandlungskapazität oder Behandlung ohne verlässliche Diagnostik lässt Bevölkerungen schutzlos. Ziel sollten kohärente Systeme sein, die diese Lücken schließen.“ Diese Perspektive hebt die Bedeutung systemischer Reformen in Gesundheitssystemen hervor und macht deutlich, dass sektorenübergreifende Politik – etwa im Bereich der Umwelt- und Arbeitsgesundheit – ebenso relevant ist wie medizinische Interventionen.

Implikationen und nächste Schritte

Die globalen Krebsprojektionen sind eine Warnung: Ohne koordinierte Maßnahmen werden in Zukunft deutlich mehr Menschen an Krebs sterben und gesundheitliche Ungleichheiten werden sich vertiefen. Gleichzeitig zeigt die Wissenschaft klare, umsetzbare Interventionsbereiche mit belegter Wirksamkeit. Die Stärkung der Gesundheitspolitik, der Ausbau diagnostischer und therapeutischer Kapazitäten sowie die Verbesserung der Datensammlung sind praktikable, evidenzbasierte Prioritäten, die das prognostizierte Szenario verändern können.

In den kommenden 25 Jahren werden Entscheidungen von Regierungen, Gesundheitssystemen und Gemeinschaften darüber bestimmen, ob diese Projektionen Realität werden. Das Zeitfenster zum Handeln ist offen und die Instrumente sind bekannt: Von Steuer- und Regulierungsmaßnahmen über Investitionen in die Primärversorgung bis zur Förderung internationaler Kooperationen zur Sicherung von Medikamenten und Technologien. Die Herausforderung besteht darin, Wissen in nachhaltige Politik und langfristige Finanzierung zu übersetzen, damit Maßnahmen nicht fragmentiert bleiben, sondern systematisch Wirkung entfalten.

Kurzfristige Prioritäten sollten pragmatisch sein und an lokale Ressourcen angepasst werden: niedrigschwellige Präventionsprogramme, verbesserte Umwelt- und Arbeitsschutzstandards, gezielte Ausbauprojekte für Pathologie und Radiotherapie sowie der Aufbau belastbarer Dateninfrastrukturen. Langfristig sind Investitionen in Gesundheitssystemstärke, universellen Zugang zur Versorgung und in Forschung zu gesundheitlichen Determinanten wesentlich, um die globale Krebslast fairer und nachhaltiger zu reduzieren.

Dieser Bericht und die zugrunde liegenden Daten bieten Entscheidungsträgern, Forschenden und zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren eine evidenzbasierte Grundlage, um prioritäre Maßnahmen zu identifizieren. Die Kombination aus präventiven Gesundheitsmaßnahmen, Früherkennung, Behandlungsausbau und Datenverbesserung bildet das Kernpaket, mit dem die Weltgemeinschaft die Prognosen für 2050 beeinflussen kann. Nur durch koordinierte nationale und internationale Strategien lassen sich die gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen der steigenden Krebslast abmildern.

Quelle: sciencealert

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