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Es beginnt harmlos: ein verpasster Mittagstisch, ein verzögertes Abendessen, ein Kind, das auf dem Spielplatz „nur noch fünf Minuten“ bleiben will. Dann, fast ohne Vorwarnung, schwindet die Geduld. Tränen, schnelles Ausrasten, impulsive Entscheidungen – typische „hangry“-Verhaltensweisen. Neue Forschung deutet jedoch überraschend an, dass nicht allein niedriger Blutzucker die Stimmung umschlägt. Entscheidender scheint zu sein, was das Gehirn über Vorgänge im eigenen Körper glaubt.
Menschen klagen schon lange über hungerbedingte Reizbarkeit, seitdem geregelte Essenszeiten Teil unserer Kultur sind. Das Wort „hangry“ fand jedoch erst 2018 Einzug in das Oxford English Dictionary und wird dort als schlecht gelaunt oder gereizt durch Hunger definiert. Der Begriff setzte sich schnell im Alltag durch, doch die wissenschaftliche Untersuchung hinter diesem kulturellen Meme hinkte anfangs hinterher – besonders wenn es um gesunde Erwachsene im Alltag geht.
Hunger und Stimmung: eine Forschungslücke, die im Alltag verborgen liegt
Forschungen zu Ernährung und psychischer Gesundheit konzentrierten sich häufig auf klinische Bereiche: Diabetesmanagement, Essstörungen, Adipositas oder Stoffwechselerkrankungen. Dort werden Blutzuckerwerte, Hunger- und Sättigungshormone sowie Verhaltensdaten engmaschig untersucht. Für die durchschnittliche, gesunde Person dagegen ist die alltägliche Beziehung zwischen Hungergefühl und Stimmung weniger gut dokumentiert.
Ein Grund ist historisch: Viele Psychologen und Physiologen betrachteten Hunger lange Zeit als ein einfaches „Körperproblem“ statt als komplexe psychologische Erfahrung. Stimmung wird jedoch nicht allein von Physiologie bestimmt. Aufmerksamkeit, Interpretation, Stress, Schlaf und Umfeld prägen mit, ob eine körperliche Empfindung zu einem emotionalen Zustand wird.
Hier setzen neuere Arbeiten aus Psychologie und Mental Health an: Sie untersuchen, wie Menschen innere Signale wahrnehmen – und warum zwei Personen mit ähnlichem Energiezustand sehr unterschiedlich reagieren können, wenn das Essen auf sich warten lässt. Die Forschung betont zunehmend Zusammenhänge zwischen körperlicher Signalverarbeitung, Bewusstsein und emotionaler Regulation.

Im Versuch: Glukosemessung trifft Stimmungserfassung
Um zu untersuchen, wie Energieverfügbarkeit mit Hungergefühl und emotionalen Schwankungen zusammenhängt, begleiteten Forschende 90 gesunde Erwachsene einen Monat lang. Sie kombinierten tragbare Biosensoren mit smartphonebasierten Selbstberichten – ein Ansatz, der modernen „Digital Health“-Methoden entspricht und Daten im realen Alltag einfangen kann.
Die Teilnehmenden trugen ein kontinuierliches Glukosemonitoring-Gerät (CGM) – dieselbe Kerntechnologie, die in der Diabetesversorgung weit verbreitet ist. Diese Geräte messen Glukose im Interstitialfluid und liefern häufige Werte über Tag und Nacht. Klinisch helfen CGMs dabei, Muster zu erkennen – etwa nächtliche Einbrüche, postprandiale Spitzen oder Effekte von Bewegung. In der Studie boten sie Einblicke in die alltägliche Energieverfügbarkeit unter realen Bedingungen.
Parallel zu den Glukosedaten führten die Teilnehmenden bis zu zweimal täglich Stimmungseinschätzungen auf ihrem Smartphone durch. Sie bewerteten auf einer Skala von 0–100, wie hungrig oder gesättigt sie sich fühlten, und beschrieben ihre aktuelle Stimmung. Entscheidend war, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über eine App auch ihre Glukosewerte ansehen konnten; die Forschenden konnten so nachverfolgen, wann die Werte geprüft wurden – eine zusätzliche Ebene, die Physiologie, Aufmerksamkeit und Bewusstsein verband.
Das Ergebnis entsprach nicht unbedingt der gängigen Erwartung: Niedrigere Glukosewerte allein sagten nicht konsistent eine schlechtere Stimmung voraus. Stattdessen war negative Stimmung stärker mit der bewussten Wahrnehmung von Hunger verknüpft – also mit dem Moment, in dem Menschen die Empfindung erkannten und als Hunger benannten. Das legt nahe, dass nicht nur objektive metabolische Veränderungen relevant sind, sondern vor allem, wie diese Veränderungen innerlich interpretiert werden.
Mit anderen Worten: Der emotionale Einbruch wird möglicherweise nicht direkt durch „weniger Treibstoff“ verursacht. Er entsteht eher, wenn das Gehirn die inneren Signale als dringliches Problem einstuft, das sofort gelöst werden muss. Diese Interpretation kann die Stimmung rasch kippen lassen und impulsives Verhalten begünstigen.
Der fehlende Zwischenschritt: Interozeption und der „hangry“-Schalter
Die Befunde zeigen eine psychologische und neurologische Brücke zwischen Biologie und Emotion: Interozeption. Interozeption ist die Fähigkeit des Gehirns, innere Körperzustände zu spüren und zu interpretieren – Hunger, Durst, Herzfrequenz, Atmung, Temperatur und mehr. Einige Menschen sind natürlicherweise genauer darin; andere nehmen frühe Warnsignale erst wahr, wenn die Empfindung bereits stark ausgeprägt ist.
In der Studie neigten Personen mit höherer interozeptiver Genauigkeit – also mit besserer Fähigkeit, ihren inneren Energiezustand zu erkennen – zu weniger starken negativen Stimmungsschwankungen. Sie wurden zwar auch hungrig, doch ihre Stimmung blieb vergleichsweise stabil. Das legt nahe, dass „hangry“-Episoden teilweise daraus entstehen, vom eigenen Körper überrascht zu werden, nicht nur aus dem physischen Bedarf selbst.
Neurobiologisch lässt sich das so erklären: Hungersignale beginnen mit der Erkennung eines Energieungleichgewichts im Hypothalamus, einer Hirnregion, die grundlegende Überlebensfunktionen wie Appetit und Stoffwechsel reguliert. Das bewusste Hungergefühl ist jedoch eng mit der Insula verbunden, einer tief gefalteten Region der Großhirnrinde, die Geschmack, Körperwahrnehmung und emotionale Verarbeitung integriert. Wenn die Insula ein starkes Hungersignal integriert, kann die Empfindung in Reizbarkeit, Stress und Dringlichkeit übergehen – besonders wenn die Person bereits müde ist, überreizt oder unter Zeitdruck steht.
Diese Mechanismen korrespondieren mit Tierforschung: Bei Nagetieren wirkt Hunger als starker Motivator – hungrige Tiere arbeiten härter, erkunden mehr und zeigen höhere Risikobereitschaft, um Nahrung zu erlangen. Beim Menschen kann derselbe motivationaler Antrieb sich als Unruhe, Ungeduld und impulsive Entscheidungsfindung zeigen – insbesondere gegenüber schnell verfügbaren „Energie“-Lebensmitteln mit hohem Zucker- oder Fettanteil, die kurzfristig belohnen, aber langfristig weniger förderlich für die Gesundheit sind.

Warum das wichtig ist: Beziehungen, Urteilsvermögen und Ernährungsentscheidungen
Ein plötzlicher Stimmungsabfall bleibt selten auf die einzelne Person beschränkt. Reizbarkeit kann sich nach außen übertragen – in eine angespannte Unterhaltung zu Hause, eine scharf formulierte E‑Mail bei der Arbeit oder eine übereilte Kaufentscheidung im Supermarkt. Da Hunger die Aufmerksamkeit auf unmittelbare Belohnungen fokussieren kann, verschieben sich Entscheidungen oft zugunsten hochgradig schmackhafter, aber weniger ausgewogener Lebensmittel.
Für die psychische Gesundheit und das allgemeine Wohlbefinden ergibt sich ein weiterer Punkt: Früheres Erkennen körperlicher Signale kann unnötigen Stress reduzieren. Wenn der Körper durch chronischen Schlafmangel, unregelmäßige Mahlzeiten, andauernden Stress oder mangelhafte Erholung zu weit aus seinem „Idealkorridor“ driftet, können sich physische und psychische Abnutzungserscheinungen über die Zeit akkumulieren.
Das bedeutet nicht, dass Hunger der alleinige Treiber von Stimmung ist. Er ist eine Variable unter vielen: Schlafqualität, Koffeinkonsum, Arbeitsbelastung, Hormonzyklen, soziale Belastungen und bestehende psychische Erkrankungen beeinflussen die emotionale Stabilität maßgeblich. Dennoch ist Hunger häufig, vorhersehbar und relativ leicht zu steuern – wodurch er ein praktischer Ansatzpunkt für Prävention und Selbstmanagement wird.
Expert Insight
„Viele nehmen an, ‚hangry‘ sei ein reines Glukoseproblem, doch die Belege weisen zunehmend auf ein Wahrnehmungsproblem hin“, sagt Dr. Maya Hargreaves, eine fiktive, aber plausibel dargestellte Gesundheitsneurowissenschafterin und Wissenschaftskommunikatorin, die Gehirn‑Körper‑Signale erforscht. „Wenn Sie frühzeitig subtile Zeichen bemerken – leichte Müdigkeit, nachlassende Konzentration, erste Anzeichen von Gereiztheit – können Sie Maßnahmen ergreifen, bevor die Empfindung in ein emotionales Ereignis umschlägt. Regelmäßige Mahlzeiten helfen, aber auch das Schärfen der interozeptiven Wahrnehmung durch ausreichend Schlaf, Bewegung und achtsame Körperbeobachtung.“
Solche Expertinnen‑ und Experteneinschätzungen betonen eine praktische Perspektive: Neben metabolischen Messwerten lohnt sich die Förderung von Achtsamkeit gegenüber den eigenen Körpersignalen. Das hat Relevanz für Prävention, Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz und Erziehungsstrategien bei Kindern.
Praktische Erkenntnisse: So kommen Sie hungergeleiteter Reizbarkeit zuvor
Die Forschung spricht nicht dafür, dass Menschen zwanghaft jede innere Regung tracken sollten. Vielmehr empfiehlt sie einige pragmatische, niedrigschwellige Strategien, um „vom Körper überrascht werden“ zu vermeiden.
- Behalten Sie regelmäßige Mahlzeiten im Tagesablauf. Unregelmäßiges Essen ist ein häufiger Auslöser, weil Hunger plötzlich kommt, während die Aufmerksamkeit woanders liegt. Ein fester Mahlzeitenrhythmus stabilisiert Tagesenergie und Entscheidungsfähigkeit.
- Nutzen Sie frühe Warnsignale. Ein leichter Abfall an Konzentration oder Geduld kann das Signal sein, einen ausgewogenen Snack zu sich zu nehmen, bevor die Reizbarkeit ansteigt. Solche frühen Interventionen sind oft effizienter als späte Gegenmaßnahmen.
- Kombinieren Sie Kohlenhydrate mit Protein oder Ballaststoffen. Diese Kombination stützt eine gleichmäßigere Energieverfügbarkeit als reiner Zucker, der zu schnellen Spitzen und Einbrüchen führen kann. Praktische Beispiele sind Vollkornbrot mit Hummus, Joghurt mit Nüssen oder Obst mit Quark.
- Bewegen Sie sich regelmäßig. Moderate körperliche Aktivität verbessert die metabolische Flexibilität und kann die Sensitivität für Hunger‑ und Sättigungssignale schärfen. Kurze Spaziergänge oder leichte Dehnübungen sind auch im Alltag gut umsetzbar.
- Achten Sie auf Ablenkungsfallen. Sowohl Kinder als auch Erwachsene überhören Hungersignale, wenn Bildschirme, Aufgaben oder aufregende Aktivitäten die Aufmerksamkeit dominieren. Geplante Essenspausen können hier Abhilfe schaffen.
- Arbeitsplatzstrategien. Lagern Sie leicht zugängliche, nährstoffreiche Snacks im Büro, planen Sie Essenszeiten in Ihren Kalender und schaffen Sie einen Raum für kurze Pausen, um Körperwahrnehmung zu unterstützen.
- Eltern‑Tipps. Bei Kindern helfen regelmäßige Essens- und Schlafrhythmen sowie strukturierte Snack‑ und Essensangebote, frühe Hungersignale zu erkennen und Überreaktionen zu vermeiden.
Das Beispiel mit dem Kind auf dem Spielplatz veranschaulicht den Kern: Kleine Kinder lernen noch, Körper‑ und Hungersignale in einem schnellwachsenden Körper zu interpretieren. Sie können so vertieft im Spiel sein, dass sie Hunger erst registrieren, wenn er überwältigend wird – dann erscheint die Emotion plötzlich, obwohl die zugrundeliegende Biologie bereits schrittweise aufgebaut hatte. Viele Erwachsene sind in dieser Hinsicht nicht wesentlich anders; das moderne Leben mit digitalen Ablenkungen und straffen Zeitplänen übertönt oft die inneren Hinweise.
Forschungsperspektiven und Limitationen
Obwohl die Studie mit CGMs wichtige Erkenntnisse liefert, sind einige Einschränkungen zu beachten: Die Stichprobe war auf gesunde Erwachsene begrenzt und lief über einen Monat, wodurch langfristige Effekte und Unterschiede in klinischen Populationen noch weiter untersucht werden müssen. Zudem spiegeln CGM‑Werte die Glukose im Interstitialfluid wider, nicht direkt den Plasmablutzuckerspiegel; die Interpretation der Daten erfordert deshalb fachliche Sorgfalt.
Zukünftige Forschung könnte verschiedene Altersgruppen, kulturelle Essgewohnheiten und berufliche Kontexte genauer beleuchten sowie Interventionen testen, die Interozeption gezielt fördern. Zudem sind ethische Fragen zum Gebrauch von kontinuierlichen Messdaten und zur Privatsphäre relevant, wenn CGMs und Apps im Alltag eingesetzt werden.
Conclusion: „Hangry“ ist mehr als Hunger — es ist Wahrnehmung
Die sich entwickelnde Wissenschaft zu Hunger und Stimmung zeichnet ein nuanciertes Bild: Die Biologie bereitet den Boden, doch Wahrnehmung und Interpretation lösen oft die emotionale Verschiebung aus. Kontinuierliche Glukosedaten zeigen, dass allein geringere Energieverfügbarkeit nicht immer Reizbarkeit vorhersagt. Entscheidend ist, wann eine Person Hunger bewusst erlebt – und wie gut sie innere Signale bemerkt und darauf reagiert.
Für alle, die schon einmal während eines verzögerten Essens ausgerastet sind: Die Botschaft ist nicht, Hunger zu fürchten, sondern ihn früher zu erkennen. Manchmal ist das einfachste Mittel zur Stimmungsregulation auch das älteste: Iss, bevor dein Körper laut werden muss. Zusätzlich bieten Aufmerksamkeitstraining, strukturierte Mahlzeiten und einfache Verhaltensänderungen praktikable Wege, um hungerbedingte Konflikte im Alltag zu reduzieren.
Quelle: theconversation
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