Nachtschicht & Herzgesundheit: Risiken jetzt verstehen

Nachtschicht & Herzgesundheit: Risiken jetzt verstehen

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Gewohnheiten von Nachteulen verbunden mit langfristigem Herzrisiko

Eine große neue Studie legt nahe, dass Menschen, die hauptsächlich spät am Abend aktiv sind – die typischen Nachteulen – ein erhöhtes Risiko haben, einen ersten Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, verglichen mit Personen, die konventionellere Schlaf-Wach-Zeiten einhalten. Die Untersuchung verfolgte Hunderttausende Erwachsener über einen längeren Zeitraum und beleuchtet, wie zirkadiane Rhythmen, Lebensstilfaktoren und moderne Arbeitsmuster zusammenwirken und die kardiovaskuläre Gesundheit beeinflussen können.

Die Ergebnisse sind besonders relevant im Kontext von Nachtschichten, Schichtarbeit und Berufsgruppen mit ungewöhnlichen Arbeitszeiten, etwa im Transport- und Logistikbereich. Die Studie liefert Hinweise darauf, dass Chronotypen – ob jemand ein Frühaufsteher (Lerche) oder Abendtyp (Eule) ist – nicht nur eine Frage von Präferenz, sondern ein gesundheitlich relevantes Merkmal darstellen, das in Prävention, Arbeitsplatzgestaltung und Gesundheitsmanagement berücksichtigt werden sollte.

Die wichtigsten Zahlen

Forscher, die Daten der UK Biobank auswerteten, verfolgten mehr als 300.000 Teilnehmer mittleren und höheren Alters über einen Zeitraum von etwa 14 Jahren. Etwa 8 Prozent beschrieben sich als Abendtypen, ungefähr ein Viertel als Frühaufsteher, und der Rest lag im mittleren Bereich zwischen diesen Extremen. Während des Untersuchungszeitraums zeigten Abendtypen ein etwa 16 Prozent höheres Risiko für einen ersten Herzinfarkt oder Schlaganfall im Vergleich zum durchschnittlichen Teilnehmer.

Die Studie berücksichtigte zahlreiche potenzielle Störfaktoren (Confounder) wie Alter, Geschlecht, sozioökonomischen Status, bekannte vaskuläre Risikofaktoren sowie Medikation. Trotzdem blieb der statistisch signifikante Zusammenhang zwischen später Aktivität am Abend und größtem kardiovaskulärem Risiko bestehen, was darauf hindeutet, dass Chronotyp und zirkadiane Fehlanpassung eigenständig relevante Faktoren sein können.

Zur Einordnung: epidemiologische Studien wie diese liefern Assoziationen, aber keine direkten kausalen Beweise. Sie sind jedoch wertvoll, um Risikogruppen zu identifizieren, Hypothesen für experimentelle Untersuchungen zu generieren und Interventionen in realen Arbeitsumgebungen zu begründen.

Warum Ihre innere Uhr wichtig ist

Unser zirkadianer Rhythmus ist eine zentrale biologische Uhr, die Schlaf, Hormonfreisetzung, Blutdruck, Herzfrequenz und Stoffwechselprozesse über einen etwa 24‑Stunden-Zyklus steuert. Diese innere Zeitgeberorganisation koordiniert physiologische Prozesse so, dass sie mit dem Tag-Nacht-Wechsel und typischen Verhaltensmustern übereinstimmen. Wird der individuelle Tagesrhythmus dauerhaft gestört oder verschoben – zum Beispiel wenn ein natürlicher Abendtyp sehr früh aufstehen muss – kann dies zu einer dauerhaften Diskrepanz zwischen innerer Uhr und sozialem Zeitplan führen (sog. social jetlag).

Eine solche Diskrepanz erschwert die Aufrechterhaltung herzgesunder Verhaltensweisen. Schlafmangel oder fragmentierter Schlaf erhöhen die Entzündungsbereitschaft und wirken sich negativ auf Blutdruck und Glukosetoleranz aus. Zudem verändern sich Essgewohnheiten, körperliche Aktivität und das Rauchverhalten, was den kardiovaskulären Risikoprofil verschlechtern kann.

Die Forschenden nennen drei Hauptmechanismen, die späte Abendaktivität mit einem ungünstigeren Herz-Kreislauf-Profil verbinden:

  • Ungesunde Verhaltensweisen: Abendtypen neigen häufiger zu höheren Raucherquoten, alkoholischem Konsum am späten Abend und einer tendenziell kalorienreicheren, nährstoffärmeren Ernährung.
  • Kürzerer oder unregelmäßiger Schlaf: Selbst wenn die totale Schlafdauer gelegentlich ausreichend erscheint, führt fragmentierter oder phasenverschobener Schlaf zu unruhiger Erholung und schlechterer physiologischer Erholung.
  • Metabolische Fehlanpassungen: Beispielsweise wirken Mahlzeiten zur biologischen Nacht weniger günstig, weil die Insulinantwort reduziert ist und der Stoffwechsel Substrate anders verarbeitet, was langfristig zu Insulinresistenz, Gewichtszunahme und metabolischem Syndrom beitragen kann.

Auf zellulärer Ebene regulieren circadiane Gene Herz- und Stoffwechselprozesse direkt: Rhythmische Genexpression beeinflusst Myokardfunktion, Gefäßtonus, Lipidstoffwechsel und Entzündungswege. Chronische Desynchronisation dieser Rhythmen erhöht so das Risiko für arterielle Schädigung, Plaquebildung und akute kardiovaskuläre Ereignisse.

Was die Expert:innen sagen

Sina Kianersi vom Brigham and Women's Hospital und der Harvard Medical School, die die Studie leitete, betont, dass das Ergebnis kein unabänderliches Urteil für Nachteulen darstellt. Vielmehr beschreibt sie das Problem als eine Fehlanpassung zwischen innerer zeitlicher Organisation und gesellschaftlichen Anforderungen. Solche sozialen Anforderungen – etwa fixe Arbeitsbeginnzeiten oder Schichtpläne – können die natürliche Präferenz eines Chronotyps überlagern und so gesundheitliche Folgen nach sich ziehen.

Kristen Knutson von der Northwestern University, die die American Heart Association in Fragen der zirkadianen Guidance beraten hat, ergänzt, dass gezielte Lebensstiländerungen und betriebliche Maßnahmen das Risiko reduzieren können. Dazu zählen optimierte Schlafhygiene, gezielte Lichttherapie oder eine Anpassung von Schichtplänen, die Chronotypen stärker berücksichtigen.

Beide Expert:innen heben hervor, dass Maßnahmen pragmatisch und realitätsnah sein müssen: nicht Perfektion, sondern beständige, umsetzbare Verbesserungen sind entscheidend, um kardiovaskuläres Risiko zu senken und die allgemeine Gesundheit von Menschen mit spätem Chronotyp zu fördern.

Bedeutung für Fahrer, Flotten und die Automobilwelt

Die Studie ist besonders relevant für die Automobilbranche und für Personen, die lange Zeit hinter dem Steuer verbringen. Nachtschichtfahrer – Fernfahrer, Kurierdienste, Lieferfahrer und Fahrer von Ride‑Hailing‑Diensten – neigen häufig zu verzögerten Aktivitätsmustern. Müdigkeit und metabolischer Stress infolge zirkadianer Störungen beeinträchtigen Aufmerksamkeit, Reaktionszeit und Entscheidungsfähigkeit, was das Unfallrisiko erhöht und die Verkehrssicherheit verringert.

Für Flottenmanager, Fuhrparkbetreiber und Fahrzeughersteller (OEMs) ist es daher zunehmend wichtig, Schichtplanung, Fahrzeuggestaltung und Fahrerunterstützungssysteme ganzheitlich zu betrachten. Eine Flotte, die zirkadiane Bedürfnisse ihrer Fahrer berücksichtigt, kann nicht nur die Gesundheit der Beschäftigten verbessern, sondern auch betriebliche Kennzahlen wie Ausfallzeiten, Schadensfälle und Energieverbrauch optimieren.

Konkrete Punkte, die Verantwortliche in Betracht ziehen sollten:

  • Schichtplanung, die zirkadiane Muster respektiert: Längere Rotationen, fließendere Übergänge zwischen Schichten und individuelle Anpassungsmöglichkeiten können Unfallraten reduzieren und die langfristige Gesundheit der Fahrer schützen.
  • Optimierung der EV‑Ladepläne: Betreiber von Elektrofahrzeugen können nächtliche Ladevorgänge um die individuellen Schlafzeiten der Fahrer herum planen. So wird eine maximale Batterieverfügbarkeit erreicht, ohne biologischen Ruhestörungen zu erzeugen oder Ladungszyklen zu suboptimalen Zeiten zu erzwingen.
  • Ergonomie und Komfort im Fahrzeug: Kabinenkomfort (Temperatur, Sitzergonomie, Beleuchtung) sowie aktive Fahrerassistenzsysteme, Müdigkeitserkennung und adaptive Beleuchtung können dazu beitragen, Warnzeichen frühzeitig zu erkennen und die Leistung über lange Dienste zu stabilisieren.

Darüber hinaus sind digitale Tools und Telemetrie wertvoll: Wearables, die Schlafqualität und Wachsamkeit messen, gekoppelt mit Flottenmanagement‑Software, ermöglichen datenbasierte Schichtplanung und Risikobewertung. Solche Systeme können präventive Maßnahmen auslösen – etwa Pausenempfehlungen, Lichttherapie-Vorschläge oder Umplanung von Routen anhand des Risikoprofils.

Markt-Einsichten

Hersteller und Flottenbetreiber, die zirkadianbewusste Planung und nutzerzentriertes Design in Produkte und Dienstleistungsprozesse integrieren, können sich einen Wettbewerbsvorteil sichern. Gesündere, ausgeruhtere Fahrer führen zu weniger Versicherungsansprüchen, geringerer Ausfallzeit und effizienterer Energie- bzw. Kraftstoffnutzung – alles entscheidende Kennzahlen für moderne Mobilität und gewerblichen Transport.

Produktstrategisch bieten sich mehrere Innovationsfelder: adaptive Innenraumbeleuchtungen, in Fahrzeugen integrierte Schlaf‑ und Erholungsmodi für Pausen, bessere Drowsiness‑Detection‑Algorithmen, sowie Schnittstellen zwischen Fahrer‑Wearables und Flottensteuerung. Auch neue Serviceangebote, etwa Beratung zur Schichtoptimierung oder individuelle Gesundheitschecks, können Flottenbetreibern helfen, Risiken frühzeitig zu erkennen und zu mindern.

Auf regulatorischer Ebene könnten Policymaker und Berufsgenossenschaften künftig Empfehlungen oder Mindeststandards formulieren, die Schichtlängen, Ruhezeiten und Pausenregelungen stärker an naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zu zirkadianer Gesundheit orientieren.

Praktische Maßnahmen für Nachteulen

Wissenschaftler:innen und Kliniker:innen geben praxisnahe Ratschläge, die für Fahrer und Nicht-Fahrer gleichermaßen gelten. Wichtige, evidenzbasierte Maßnahmen sind leicht umsetzbar und können das individuelle Risiko senken.

  • Priorisieren Sie das Raucherstopp-Programm: Rauchen bleibt ein bedeutender, modifizierbarer Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Unterstützungsangebote, Verhaltenstherapie und medikamentöse Hilfen steigern die Chance auf Abstinenz.
  • Streben Sie konsistente Schlaf-Wach-Zeiten an: Auch wenn sieben Stunden Schlaf pro Nacht schwer erreichbar erscheinen, hilft eine regelmäßige Bett- und Aufstehzeit der inneren Uhr, stabiler zu laufen und die Schlafqualität zu verbessern.
  • Planen Sie große Mahlzeiten bevorzugt in die Tageshelligkeit: Wenn möglich, sollte die kalorienreiche Nahrungsaufnahme in die biologischen Tagesstunden verlagert werden. Abendtypen sollten schwere Mahlzeiten während der biologischen Nacht vermeiden, da die metabolische Verarbeitung beeinträchtigt ist.
  • Nutzen Sie gezielte Maßnahmen zur Verschiebung der zirkadianen Phase: Arbeitsplatzbeleuchtung (helles, blaues Licht am Morgen), strukturierte Essenszeiten und graduelle Anpassung des Schlafrhythmus können helfen, die innere Uhr an berufliche Anforderungen anzupassen.

Weitere praktische Tipps umfassen die Optimierung der Schlafumgebung (dunkel, kühl, ruhig), die Begrenzung von Koffein und Alkohol in den Stunden vor dem Schlaf und regelmäßige körperliche Aktivität zu Zeiten, die nicht unmittelbar vor dem Schlaf liegen. Für berufliche Fahrer gilt zusätzlich: geplante Ruhepausen einhalten, Schlafgelegenheiten an sicheren Orten suchen und Alarm- bzw. Assistenzsysteme nutzen, die auf Anzeichen von Sekundenschlaf oder abnehmender Aufmerksamkeit hinweisen.

Auf Unternehmensebene können Gesundheitsprogramme, Zugänge zu Vorsorgeuntersuchungen (Blutdruck, Lipidstatus, Blutzucker) und Schulungen zur Schlafhygiene langfristig sowohl die Gesundheit der Mitarbeitenden als auch die Leistungsfähigkeit des Betriebs verbessern.

Schnelle Kernaussagen

  • Abendtypen zeigten ein um etwa 16 % erhöhtes Risiko für einen ersten Herzinfarkt oder Schlaganfall über 14 Jahre.
  • Rauchen, unzureichender oder unregelmäßiger Schlaf und schlechte Ernährungsgewohnheiten erklären einen großen Teil des gesteigerten Risikos.
  • Die Befunde haben direkte Implikationen für Fahrersicherheit, Flottenmanagement und Strategien für EV‑Ladeplanung.

Kurz gesagt: Nachteule zu sein bedeutet nicht, dass man dem Risiko ausgeliefert ist, aber es bedeutet erhöhte Wachsamkeit. Für Fahrer und Akteure in der Automobil- und Logistikbranche heißt das: Zeitpläne stärker an der menschlichen Biologie orientieren, Fahrzeugsicherheitssysteme verbessern und gesunde Gewohnheiten fördern, um sowohl Gesundheit als auch Leistung auf der Straße zu schützen.

Wie eine Forscherin zusammenfasste: Konzentrieren Sie sich auf die Grundlagen, nicht auf Perfektion. Diese Empfehlung ist praxisnah und gilt gleichermaßen, wenn Sie eine Flotte betreuen, die nächste Generation von Gesundheitsfunktionen im Fahrzeug entwerfen oder einfach nur sicher nach Hause kommen möchten nach einer späten Schicht.

Abschließend ist anzumerken, dass weitere Forschung nötig ist, um Interventionsstrategien zu verfeinern, die individuelle Chronotypen berücksichtigen. Längsschnittstudien, randomisierte Studien zur Schichtanpassung und technologische Lösungen zur Echtzeitüberwachung könnten künftig robustere Beweise liefern, wie wir Arbeitszeiten, Mobilität und Gesundheit optimal zusammenführen können.

Quelle: sciencealert

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