150 Minuten Bewegung wöchentlich kann Gehirn verjüngen

150 Minuten Bewegung wöchentlich kann Gehirn verjüngen

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Ein einfacher Rat — etwa 150 Minuten zügige Bewegung pro Woche — könnte dem Gehirn mehr nützen, als viele erwarten. Das ist die Kernaussage einer einjährigen klinischen Studie, die MRT-Biomarker nutzte, um zu prüfen, ob regelmäßige körperliche Aktivität das biologische Alter des Gehirns beeinflusst. Die Ergebnisse sind in der Größenordnung moderat, aber in ihrer Aussagekraft eindrücklich: Überwachte, leitlinienbasierte aerobe Aktivität bewegte das Gehirn in Richtung eines jüngeren biologischen Profils im Vergleich zu Personen, die ihre gewohnte Routine beibehielten.

Die Studie rekrutierte 130 gesunde Erwachsene im Alter von 26 bis 58 Jahren und begleitete sie 12 Monate lang. Eine Gruppe erhielt Coaching, um das Wochenziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von grob 150 Minuten moderater bis intensiver Aktivität zu erreichen — denken Sie an anhaltend zügiges Gehen, Radfahren oder ähnliche Aktivitäten, die Herzfrequenz und Atmung erhöhen. Eine Kontrollgruppe führte ihr gewohntes Leben weiter. Am Ende des Jahres führten die Forschenden MRT-basierte Bewertungen durch und berechneten eine Reihe von Biomarkern des Gehirnalters. Im Durchschnitt wirkten die Gehirne der Trainierenden etwa 0,6 Jahre jünger als ihr chronologisches Alter, während die Nicht-Trainierenden im Mittel geringfügig älter wirkten als ihr Kalenderalter. Der Netto-Unterschied zwischen beiden Gruppen näherte sich damit in etwa einem Jahr Gehirnalter.

Die Studie unter der Leitung der Datenwissenschaftlerin Lu Wan am AdventHealth Research Institute und veröffentlicht im Journal of Sport and Health Science im Jahr 2026 behauptet nicht, das Altern dramatisch umzukehren. Kleine Veränderungen können jedoch wichtig sein, insbesondere wenn sie über Jahrzehnte kumuliert werden. Eine Verzögerung des Gehirnalters um ein Jahr in der Bevölkerung könnte späteren Beginn kognitiver Beeinträchtigungen bedeuten und die Zahl der Lebensjahre mit Einschränkungen reduzieren. Wer würde sich so eine Schutzreserve nicht wünschen?

Wie die Studie das 'Gehirnalter' gemessen hat

„Biologisches Alter“ ist ein Kürzel für die angesammelten Verschleißerscheinungen, die sich zwischen Geweben unterscheiden können. Im Gehirn eröffnen MRT-Verfahren mehrere Fenstersichten auf Struktur und Funktion — Volumen bestimmter Regionen, Integrität der weißen Substanz, Muster der funktionalen Konnektivität sowie weitere messbare Signale. Die Studie kombinierte mehrere dieser MRT-abgeleiteten Marker zu einem zusammengesetzten Maß, um das individuelle Gehirnalter eines Teilnehmers relativ zu seinem chronologischen Alter abzuschätzen. Solche Kompositmaße sind kein Kristallkugelblick, aber sie erfassen Kennzeichen, die sich typischerweise mit dem Alter und bei Erkrankungen wie Demenz verschieben.

Die MRT-Parameter umfassten quantitative Volumenmessungen von kortikalen und subkortikalen Regionen, Diffusionsbildgebung zur Beurteilung der Mikrostruktur der weißen Substanz, Messungen der kortikalen Dicke sowie funktionelle Konnektivitätsmetriken aus Ruhe‑fMRT. Aus diesen Datensätzen ließen sich maschinelle Lernmodelle speisen, die ein erwartetes Gehirnalter vorhersagen. Der Unterschied zwischen vorhergesagtem und tatsächlichem Alter diente dann als Indikator für „biologische Verjüngung“ beziehungsweise „Beschleunigung“ des Alterns.

Interessanterweise fanden die Forschenden keinen eindeutigen einzelnen Mediator für den beobachteten Effekt durch Bewegung. Verbesserungen in der kardiovaskulären Fitness, Änderungen des Blutdrucks und Konzentrationen bestimmter zirkulierender Proteine wurden untersucht, doch keiner dieser Faktoren erklärte vollständig die jüngeren Gehirnsignale. „Wir erwarteten, dass Fitness oder Blutdruck den Effekt erklären, taten sie aber nicht“, berichten die Autorinnen und Autoren — was nahelegt, dass Bewegung möglicherweise über subtilere, sich überlappende Mechanismen wirkt, die das Testbatterie-Set der Studie nicht vollständig abdeckte, etwa niedriggradige Entzündungsprozesse, mikrovaskuläre Veränderungen oder mikroskopische strukturelle Umbauten von neuronalen Geweben.

Methodisch war die Studie für ein Verhaltensinterventionsprojekt gut kontrolliert: Sie hatte eine definierte Intervention, eine für ein Bildgebungsprojekt angemessene Stichprobengröße und objektive MRT-Endpunkte. Dennoch war die Kohorte auf gesunde Erwachsene mittleren Alters beschränkt und die Studie untersuchte keine kognitiven Endpunkte über mehrere Jahre hinweg. Für belastbare Aussagen zur Prävention von Demenz wären größere, diversere Kollektive und längere Nachbeobachtungszeiträume nötig, um zu beurteilen, ob das MRT-Signal sich in erhaltenem Gedächtnis, stabiler exekutiver Funktion und reduzierter Demenzprävalenz niederschlägt.

Warum das mittlere Alter wichtig ist

Zunehmende Evidenz legt nahe, dass Prozesse, die zu kognitiven Einschränkungen im späten Leben führen, oft Jahrzehnte früher beginnen. Das mittlere Erwachsenenalter stellt daher ein strategisches Zeitfenster für präventive Maßnahmen dar. Körperliche Aktivität wurde bereits mit besserem Schlaf, verbesserter metabolischer Gesundheit und längerer Lebenserwartung in Verbindung gebracht. Ein nachweislicher Verschiebung im Gehirnalter hin zu einem jüngeren Profil ergänzt diese Liste und verstärkt die Idee, dass Lebensstilentscheidungen in den 30ern, 40ern und 50ern langfristige Konsequenzen für die neurologische Gesundheit haben.

Praktische Implikationen sind unmittelbar erkennbar. Das Aktivitätsniveau, das in der Studie verwendet wurde, entspricht bestehenden öffentlichen Gesundheitsrichtlinien, was bedeutet, dass die „Verordnung“ für viele Menschen realistisch erreichbar ist: rund 150 Minuten moderat‑bis‑intensive aerobe Aktivität pro Woche, kombiniert mit üblichen Empfehlungen zum Krafttraining. Es bedarf keiner extremen Trainingsprogramme oder teurer Geräte — es geht vor allem um Regelmäßigkeit und Überdauerung der Aktivitätsgewohnheit. Für Bevölkerungsstrategien ist das bedeutsam: eine kostengünstige, skalierbare Maßnahme zur Förderung der kognitiven Gesundheit, die in bestehende Gesundheitsprogramme integrierbar ist.

Auf individueller Ebene kann die Empfehlung konkret umgesetzt werden durch:

  • Alltägliche Aktivitäten erhöhen: zügige Spaziergänge zur Arbeit oder in der Mittagspause, Treppensteigen statt Aufzug.
  • Strukturierte Aerobic‑Einheiten: Radfahren, Joggen, Schwimmen oder Gruppenkurse (z. B. Tanz, Aerobic).
  • Kombination mit Krafttraining: mindestens zweimal pro Woche zur Erhaltung von Muskelmasse und metabolischer Gesundheit.
  • Kontinuität und Progression: schrittweise Dauer oder Intensität erhöhen, um Fitness adaptiv zu steigern.

Solche Maßnahmen adressieren mehrere Schichten der kardiovaskulären und neuronalen Gesundheit — von besserer Durchblutung und metabolischer Regulation bis hin zu positiven Effekten auf Schlaf und Stimmung, die wiederum die kognitive Reserve stärken können.

Experteneinschätzung

„Diese Studie verfeinert, was wir schon lange vermuteten: dass routinemäßige aerobe Aktivität die Gehirngesundheit auf Weisen bewahrt, die wir jetzt bildgebend sichtbar machen können“, sagt Dr. Maya Singh, eine kognitive Neurowissenschaftlerin, die nicht an der Studie beteiligt war. „Der entscheidende Punkt ist: Das ist keine Einbahnstraßen‑Erklärung. Bewegung berührt Kreislauf, Entzündungsprozesse, metabolische Signale und die Gehirnstruktur gleichzeitig. Das macht sie kraftvoll, erschwert aber auch das Isolieren eines einzigen Mechanismus.“

Dr. Singh betont, dass die Überführung von MRT‑basierter „Verjüngung“ in klinisch relevante Vorteile längere Studien und die Einbeziehung von Menschen mit höherem Demenzrisiko erfordert. Dennoch stützen die aktuellen Ergebnisse eine öffentliche Gesundheitsstrategie, die auf Erhaltung von Aktivität im mittleren Alter und darüber hinaus setzt.

Die Studie beansprucht nicht, dass Bewegung Demenz verhindert, stärkt jedoch die biologische Plausibilität, dass regelmäßige Aktivität Aspekte des Gehirnalters verlangsamen kann. Für Einzelpersonen und Gesundheitsplaner ist das ein bedeutsamer Anstoß: Bewegung bleibt eine saubere, kostengünstige und effiziente Investition in langfristige kognitive Gesundheit.

Ob es sich um einen zügigen Spaziergang, eine Radtour oder einen Tanzkurs handelt — das Rezept ist vertraut. Die nächste Herausforderung besteht darin, die Adhärenz in der Bevölkerung zu skalieren und präzise zu ergründen, wie Bewegung das Altern auf molekularer und vaskulärer Ebene umgestaltet — Fragen, die Neurowissenschaftlerinnen und Neurowissenschaftler sowie Fachleute der öffentlichen Gesundheit noch jahrelang beschäftigen werden.

Aus forschungspraktischer Sicht sind mehrere Ergänzungen und Verfeinerungen wünschenswert, um die Aussagekraft zukünftiger Studien zu erhöhen:

  • Einbeziehung älterer Altersgruppen sowie Personen mit erhöhtem vaskulärem oder genetischem Risiko für Alzheimer, um Heterogenität der Effekte zu prüfen.
  • Längere Follow‑up‑Zeiträume mit wiederholten MRT‑Messungen und standardisierten neuropsychologischen Tests, um den zeitlichen Zusammenhang zwischen MRT‑Signalen und klinischen Endpunkten zu klären.
  • Multimodale Biomarker‑Batterien, die neben MRT auch Flüssigbiomarker (z. B. neurodegenerative Marker, Entzündungsmarker) und kardiometabolische Messgrößen kombinieren.
  • Mechanistische Studien, die auf molekularer Ebene untersuchen, wie Bewegung Neurogenese, Synapsengefüge, Mikrogefäßdichte und Entzündungsprofile beeinflusst.

Für die Praxis bedeutet das: Solange die Forschung weiterläuft, können Gesundheitsexperten und Anbieter von Präventionsprogrammen auf der Grundlage solider, realistisch erreichbarer Empfehlungen (wie den WHO‑Leitlinien) Interventionen fördern, die potenziell sowohl Herz‑ als auch Hirngesundheit stärken. Die Kombination aus epidemiologischer Plausibilität, MRT‑Sensitivität und praktischer Umsetzbarkeit macht körperliche Aktivität zu einer besonders attraktiven Zielgröße in der Primärprävention kognitiver Erkrankungen.

Schließlich bleibt zu betonen, dass individuelle Anpassungen nötig sind: körperliche Einschränkungen, Vorerkrankungen und persönliche Präferenzen sollten die konkrete Gestaltung eines Trainingsplans leiten. Beratung durch Ärztinnen und Ärzte oder qualifizierte Bewegungsspezialisten hilft, die Aktivität sicher und nachhaltig in den Alltag zu integrieren und so das Potenzial für langfristige Vorteile der kognitiven Gesundheit zu maximieren.

Quelle: sciencealert

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