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Neue Forschungsdaten deuten darauf hin, dass weit verbreitete kardiovaskuläre Risikoscores einen erheblichen Anteil von Menschen nicht als gefährdet einstufen, obwohl sie innerhalb weniger Tage einen Herzinfarkt erleiden. Die Ergebnisse werfen grundlegende Fragen auf, ob bevölkerungsbasierte Screening-Instrumente ausreichend sind, um kurzfristiges individuelles Risiko zu erkennen, und ob direktere Tests auf Atherosklerose in der Prävention eine größere Rolle spielen sollten. Dieser Artikel fasst die Studie zusammen, erläutert die wissenschaftlichen Hintergründe und diskutiert klinische Implikationen sowie mögliche Änderungen in der Praxis.
Studienüberblick: Was die Forschenden fanden
Wissenschaftler in den USA und Kanada werteten medizinische Unterlagen von 465 Personen im Alter von 65 Jahren oder jünger aus, die zwischen Januar 2020 und Juli 2025 wegen eines ersten Herzinfarkts an zwei US-amerikanischen Kliniken behandelt wurden. Der Datensatz enthielt standardisierte klinische Messwerte, die bei Routineuntersuchungen erfasst wurden — Blutdruck, Cholesterinwerte, frühere Erkrankungen und weitere Faktoren, die üblicherweise zur Abschätzung des kardiovaskulären Risikos herangezogen werden. Zusätzlich wurden verfügbare Angaben zur Medikation, Rauchstatus und relevanten Laborwerten berücksichtigt, soweit sie in den Akten dokumentiert waren.
Mithilfe dieser Vorbefunde berechnete das Team zwei häufig diskutierte Risikomaße so, wie sie zwei Tage vor dem Ereignis jedes Patienten ausgesehen hätten. Der atherosklerotische kardiovaskuläre Erkrankungsrisiko-Score (ASCVD) für zehn Jahre klassifizierte 45 Prozent dieser Patienten als niedrig- oder grenzwertig gefährdet. Der neuere PREVENT-Score schnitt in dieser Stichprobe schlechter ab und stufte 61 Prozent der Patienten als niedrig- oder grenzwertig ein. Diese Prozentsätze beziehen sich auf die standardisierten Cut-offs, die in Leitlinien zur Indikationsstellung für präventive Maßnahmen wie Statintherapie verwendet werden.
Die Konsequenz ist deutlich: Ein erheblicher Anteil der Personen, die unmittelbar vor einem Herzinfarkt standen, hätte nach den geltenden Leitlinien vermutlich nicht für weiterführende Untersuchungen oder präventive Therapien, etwa eine Statintherapie, eingeordnet worden. Das bedeutet, dass potenziell wirksame Präventionsmaßnahmen bei vielen Betroffenen nicht zum Einsatz gekommen wären. Das Ergebnis wirft Fragen zur Sensitivität und Spezifität dieser Scores auf, besonders wenn es darum geht, kurzfristig erhöhte individuelle Risiken zu erkennen.
Warum bevölkerungsbasierte Scores individuelles Risiko übersehen können
ASCVD und vergleichbare Scores wurden primär entwickelt, um langfristiges, bevölkerungsbezogenes Risiko abzuschätzen — etwa die Wahrscheinlichkeit für Herzinfarkt oder Schlaganfall innerhalb von zehn Jahren — und nutzen dabei Variablen wie Alter, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Blutdruck und Lipidwerte. Sie sind kosteneffiziente Werkzeuge zur Lenkung präventiver Maßnahmen, insbesondere in der hausärztlichen Versorgung und in gesundheitspolitischen Programmen zur Primärprävention.
Bevölkerungsbasierte Instrumente opfern einzelne Granularität für breite Anwendbarkeit. Wie der Kardiologe Amir Ahmadi vom Mount Sinai betont, spiegeln solche Scores häufig nicht das tatsächliche Risiko einzelner Patienten wider. In der Praxis bedeutet ein niedriger vorhergesagter 10-Jahres-Risiko-Wert nicht automatisch kurzfristige Sicherheit — eine Person mit subklinischer Atherosklerose kann trotz eines moderaten ASCVD-Werts sehr nahe an einem akuten Ereignis sein. Faktoren wie das Vorhandensein instabiler Plaques, prothrombotische Zustände oder akute Entzündungsaktivierung werden von solchen Scores nicht direkt erfasst. Zudem können genetische Risikofaktoren oder seltenere Lipidstörungen (z. B. erhöhte Lipoprotein(a)-Spiegel) das kurzfristige Risiko deutlich erhöhen, ohne dass dies in Standardmodellen sichtbar wird.

Der ASCVD-Score könnte Menschen übersehen, die bald einen Herzinfarkt erleiden werden. (Mueller et al., JACC Adv., 2025)
Anna Mueller, Assistenzärztin der Inneren Medizin und Mitautorin, weist darauf hin, dass viele Herzinfarkte bei Personen auftreten, die als niedrig- oder mittelriskant eingestuft werden. Hinzu komme, dass das Fehlen klassischer Symptome wie Brustschmerz oder Atemnot — ein häufiges Phänomen — die Erkennung und damit Prävention weiter verzögere. Solche atypischen Präsentationen sind besonders relevant bei jüngeren Patienten, Frauen und Menschen mit komorbiden Erkrankungen. Ferner können psychosoziale Faktoren, kurzfristige Stressereignisse und Infektionen akute Plaqueinstabilität begünstigen, was die Unterschiede zwischen langfristiger Risikoprognose und akutem individueller Risiko weiter vergrößert.
Wissenschaftlicher Hintergrund und klinische Konsequenzen
Atherosklerose ist die Ansammlung von fettigen Plaques in den Arterienwänden. Wenn eine Plaque aufbricht, kann dies die Bildung eines Blutgerinnsels auslösen, das den Blutfluss abrupt blockiert — der Mechanismus, der den meisten Herzinfarkten zugrunde liegt. Traditionelle Risikoscores schätzen die Wahrscheinlichkeit indirekt, indem sie Risikofaktoren verfolgen, die mit Plaquebildung assoziiert sind, erfassen aber Plaques nicht direkt. Deshalb können Personen mit relativ moderatem Risikoprofil dennoch eine hohe Plaque-Belastung und damit ein hohes kurzfristiges Risiko aufweisen.
Dieser Unterschied erklärt, warum einige Patienten mit unauffälligen oder nur mäßigen Risikofaktoren akute koronare Ereignisse erleiden. Direkte Tests auf arterielle Plaques — wie die Koronararterien-Kalzium (CAC)-Messung mittels Computertomographie, Karotis-Ultraschall zur Erkennung von Plaques in der Halsschlagader oder spezielle Biomarker und inflammatorische Marker — können subklinische Atherosklerose identifizieren und Patienten in höheres Risikosegmente umklassifizieren. Solche Instrumente ermöglichen eine gezieltere Indikation für präventive Therapien, etwa Statine, Blutdruckkontrolle oder antithrombotische Maßnahmen.
Die CAC-Score-Bestimmung zum Beispiel quantifiziert Kalzium in den Koronararterien und korreliert gut mit dem Gesamtgrad der Koronaratherosklerose. Ein CAC-Score von null deutet auf ein sehr geringes kurzfristiges Kardialrisiko hin, während höhere Scores eine deutlich gesteigerte Wahrscheinlichkeit für kardiovaskuläre Ereignisse bedeuten. Karotis-Ultraschall kann Plaquebildung in Gefäßen sichtbar machen, die mit systemischer Atherosklerose assoziiert ist. Ergänzende Biomarker — etwa hochsensitives CRP (hs-CRP), Lipoprotein(a) oder neuere inflammatorische Marker — können zusätzliche Informationen liefern, die klassische Scores nicht abbilden. Auch molekulare Marker und Bildanalyse-Algorithmen in der CT könnten in Zukunft die Plaquecharakterisierung (z. B. instabile vs. stabile Plaques) verbessern.
Allerdings wirft die Ausweitung routinemäßiger Bildgebung in Screeningprogrammen berechtigte Fragen auf: Kosten, Strahlenexposition bei CT-basierten Verfahren, Folgeuntersuchungen, Überdiagnostik und der gerechte Zugang zu solchen Tests sind wichtige Aspekte. Die vorgestellte Studie ist retrospektiv und auf einige hundert Fälle begrenzt; PREVENT und andere Scores haben in größeren Kohorten Nutzen gezeigt. Trotzdem stärkt die Analyse eine wichtige Botschaft: Risikoeinschätzungen, die sich ausschließlich auf bevölkerungsbasierte Modelle und klassische Symptomabfragen stützen, können viele Personen mit unmittelbar drohendem Ereignis übersehen. Klinische Validierung in prospektiven Studien ist notwendig, um Nutzen, Kosten und potenzielle Risiken eines erweiterten Screenings zu quantifizieren.
Was könnte sich in der Praxis ändern?
Mögliche Reaktionen auf diese Befunde umfassen eine breitere Anwendung der Koronarkalzium-Bildgebung (CAC-Scan) bei Personen in intermediären Risikobändern, häufigere Neubewertungen des Risikos bei jüngeren Erwachsenen mit Risikofaktoren sowie die Entwicklung hybrider Modelle, die traditionelle Risikoscores mit bildgebenden Verfahren oder neuartigen Biomarkern kombinieren. Solche Hybridansätze könnten die Sensitivität für kurzfristig hohe Risiken verbessern, ohne die Vorteile der etablierten, kosteneffizienten populationsebasierten Scores zu verlieren.
Politische Entscheidungsträger und Kliniker müssten den Nutzen frühzeitigerer Erkennung gegen Kosten und potenzielle Schäden durch Überuntersuchung abwägen. Wichtige Faktoren sind Gesundheitsökonomie-Analysen, Leitlinienaktualisierungen, die Verfügbarkeit bildgebender Verfahren in unterschiedlichen Versorgungsstufen und die Ausbildung von Hausärzten, um gezielt Patienten für weiterführende Diagnostik zu identifizieren. Außerdem sind Fragen zu Versicherungsvergütung und gesundheitlicher Chancengleichheit zu klären, damit neue Präventionsstrategien nicht nur privilegierten Gruppen zugutekommen. Modellrechnungen zur Kosteneffektivität könnten zeigen, bei welchen Altersgruppen oder Risikoprofilen der zusätzliche Einsatz von CAC-Scans oder Biomarkerprofile am meisten Sinn macht.
Die in JACC: Advances veröffentlichte Arbeit formuliert keine alleingültige Lösung, sondern fordert stattdessen verstärkte Anstrengungen zur Personalisierung der Prävention, damit Herzkrankheiten früher erkannt und behandelt werden können — insbesondere bei Individuen, die im Rahmen aktueller Screenings durchrutschen würden. Forschung sollte in prospektiven Studien prüfen, wie Kombinationen aus Risikoclustern, Bildgebung und Biomarkern das Ergebnis verbessern und welche Populationen am meisten profitieren. Ebenso sind Implementationsstudien nötig, um praktikable Screening-Pfade im klinischen Alltag zu definieren.
Expert:inneneinschätzung
Dr. Laura Chen, Kardiologin und Wissenschaftskommunikatorin, kommentiert: „Risikorechner sind unverzichtbar, aber sie sind keine Kristallkugeln. Bei Patientinnen und Patienten mit familiärer Belastung, ungewöhnlichen Lipidprofilen oder atypischen Symptomen sollte ein niedriger Zehnjahres-Score nicht das Ende der Diskussion sein. Zielgerichtete Bildgebung oder Biomarker-Tests können den Unterschied zwischen Prävention und Krise ausmachen — die Herausforderung besteht darin, diese Werkzeuge dort einzusetzen, wo sie den größten Nutzen bringen.“
Fazit
Die Studie macht auf eine entscheidende Limitation weit verbreiteter Risikoscores aufmerksam: Sie können das kurzfristige, individuelle Risiko für einen Herzinfarkt unterschätzen. Eine bessere Erkennung wird voraussichtlich erfordern, dass bevölkerungsbasierte Prognosen mit gezielten, individualisierten Tests auf Atherosklerose kombiniert werden. Für Kliniker und Patientinnen gilt daher: Risikobewertung sollte dynamisch sein und, wenn angezeigt, Werkzeuge einschließen, die die Krankheit direkt sichtbar machen, statt sich ausschließlich auf die Risikofaktoren zu verlassen, die sie vorhersagen. Letztlich geht es um eine präzisere Prävention — weniger verpasste Frühwarnzeichen und mehr rechtzeitig eingeleitete Maßnahmen. Zukünftige Leitlinien könnten daher Empfehlungen zur selektiven Anwendung von CAC-Scans, Karotis-Ultraschall und Biomarker-Analysen enthalten, um die Früherkennung zu verbessern und die Outcomes von Patienten nachhaltig zu optimieren.
Quelle: sciencealert
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