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Viren lösen in der Regel Schlagzeilen über Krankheiten aus, aber im offenen Ozean sind viele von ihnen treibende Motoren des Lebens. Neue Feldforschung im subtropischen Atlantik zeigt, dass virusgesteuerte Zellauflösungen das Nährstoffrecycling beschleunigen, die Photosynthese stimulieren und ein bandförmiges, sauerstoffreiches Wassergebiet erhalten können — und damit winzige mikrobielle Räuber zu Architekten ganzer Ökosysteme machen. Diese Erkenntnisse verknüpfen Prozesse auf molekularer Ebene mit ökosystemweiten Effekten wie Nährstoffkreislauf, Primärproduktion und der Dynamik des biogeochemischen Kohlenstofftransports.
Von unsichtbaren Partikeln zu Akteuren im Ökosystem
Viren sind extrem klein — oft nur wenige Dutzend Nanometer im Durchmesser, damit deutlich kleiner als Bakterien oder sogar ein einzelner menschlicher Haarstrang — weshalb sie in Meerwasser jahrzehntelang übersehen wurden. Verbesserungen der Elektronenmikroskopie Ende des 20. Jahrhunderts veränderten dieses Bild grundlegend. Als Forscher Meerwasser in hoher Vergrößerung betrachteten, entdeckten sie nicht nur vereinzelte Partikel, sondern zehntausende bis Millionen von Viren pro Milliliter. Diese Entdeckung führte zu einer Neuerung in der marinen Mikrobiologie und prägte unser Verständnis der marinen Mikrobengemeinschaften, des Nährstoffrecyclings und der Rolle von Meeresviren in marinen Nahrungsnetzen.

Eine Aufnahme im Elektronenmikroskop zeigt Beispiele für Myoviren von Prochlorococcus. In den Bildern A und D sind die unterschiedlichen Viren mit ihren Schwänzen zu sehen; in B und C ist der Schwanz kontrahiert. Die schwarze Maßstabsleiste entspricht einer Länge von 100 Nanometern.
Die meisten marinen Viren befallen Mikroorganismen, die die Basis des marinen Nahrungsnetzes bilden: Bakterien und einzellige Algen (Phytoplankton). Diese Mikroben sind für etwa die Hälfte der globalen Photosynthese verantwortlich und zentral für Kohlenstoff- und Nährstoffkreisläufe. Forscher haben das Konzept des viralen Shunts entwickelt, um zu beschreiben, wie Viren durch Auflösung (Lyse) von Wirtszellen Kohlenstoff und Nährstoffe von partikulären Formen (lebende Zellen, POM) zurück in gelöste und feine partikuläre organische Stoffe (DOM und feines POM) umleiten. Die so freigesetzten organischen Verbindungen werden anderen Mikroorganismen zugänglich und leiten Energie und Nährstoffe über alternative ökologische Pfade um — ein Mechanismus, der unmittelbar mit mikrobieller Nahrungsverfügbarkeit, mariner Primärproduktion und der lokalen Sauerstoffdynamik verknüpft ist.
Beobachtung des viralen Shunts in der freien Natur
Jüngste Feldforschung unter Leitung von Naomi Gilbert und Daniel Muratore — durchgeführt entlang eines breiten, sauerstoffreichen Bandes im subtropischen Atlantik in der Nähe der Sargassosee — liefert direkte Belege dafür, dass der virale Shunt auf Ökosystemebene wirkt. Die Studie konzentrierte sich auf Prochlorococcus, ein winziges Cyanobakterium, das die Photosynthese in diesen oligotrophen Gewässern dominiert und häufig zehntausende Zellen pro Milliliter erreicht. Prochlorococcus ist ökologisch besonders wichtig, da es in nährstoffarmen, klaren Oberflächengewässern hohe Biomassen bildet und wesentlich zur regionalen sowie globalen Primärproduktion beiträgt.

Wissenschaftler an Bord einer Forschungsfahrt der National Science Foundation im offenen Atlantik 2019 bereiten Geräte vor, um in verschiedenen Tiefen Wasserproben zu entnehmen und die Aktivität mariner Viren zu analysieren.
Durch Sequenzierung der Gemeinschafts-RNA (Metatranskriptomik) konnte das Forschungsteam gleichzeitig ableiten, welche Gene sowohl die Viren als auch ihre mikrobiellen Wirte aktivierten — also welche Stoffwechselwege in welchem Maße liefen. Diese Methode erlaubt es, funktionelle Aktivität nachzuzeichnen, anstatt nur die bloße Anwesenheit von Organismen zu dokumentieren. Die Ergebnisse zeigten, dass die Infektionsraten im sauerstoffreichen Band ungefähr viermal so hoch waren wie in den benachbarten Gewässern mit langsamerer mikrobieller Reproduktion. Viren infizierten und lysierten große Anteile der Prochlorococcus-Population, wodurch organischer Kohlenstoff und gebundenes Stickstoffmaterial ins Wasser freigesetzt wurden.
Die freigesetzten organischen Substanzen — eine Kombination aus gelöstem organischem Kohlenstoff (DOM), gelöster organischer Stickstoffverbindung sowie feiner partikulärer organischer Materie — stellten rasch verfügbare Nahrungsquellen für heterotrophe Bakterien dar. Diese Bakterien nahmen die Stoffe effizient auf, atmeten dabei Kohlenstoff als CO2 ab und wandelten Stickstoff in Form von Ammonium um. Das regenerierte Ammonium und weitere wiederverwertbare Nährstoffe schienen anschließend erneutes Wachstum und Photosynthese von Prochlorococcus zu fördern. Kurz gesagt: Virale Infektionen wirken nicht nur destruktiv, sondern tragen durch Nährstoffrecycling aktiv zur Aufrechterhaltung der Primärproduktion bei und helfen, das beobachtete sauerstoffreiche Band über Hunderte von Kilometern zu stabilisieren.
Folgen für Kohlenstoff, Nährstoffe und das Klima
Die Feldbelege verbinden Virenaktivität direkt mit Nährstoffkreisläufen, Primärproduktion und sogar Sauerstoffverteilungen im offenen Ozean. Der virale Shunt beeinflusst, ob Kohlenstoff als biologischer Partikeltransport in tiefere Wasserschichten exportiert wird oder im Oberflächenbereich rekreislifiziert bleibt, was direkte Konsequenzen für die Kohlenstoffspeicherung (biologische Kohlenstoffpumpe) und damit für klimarelevante Rückkopplungen hat. Indem Viren Zellbiomasse in gelöste organische Substanz umwandeln, können sie lokale mikrobiellen Nahrungsnetze stützen und gleichzeitig die Menge organischen Kohlenstoffs verändern, die letztlich in die Tiefsee absinkt.
Diese Prozesse haben praktische Bedeutung für Fischerei, Aquakultur und globale biogeochemische Zyklen. Das Wachstum von Phytoplankton unterstützt Krill, kleine Fische und damit höhere trophische Ebenen, die schließlich große Fischbestände und Aquakulturproduktionen speisen — Industrien, die jährlich hunderte Millionen Tonnen Meeresnahrung erzeugen. Veränderungen in den Dynamiken zwischen Viren und Wirten — hervorgerufen durch Temperaturanstieg, veränderte Nährstoffeinträge oder Veränderungen in ozeanischen Zirkulationsmustern — könnten die Partitionierung von Nährstoffen deutlich verändern und so die Produktivität in Schlüsselregionen modulieren. Solche Veränderungen können Auswirkungen auf Fischbestände, Ökosystemresilienz und regionale Sauerstoffverhältnisse haben und sollten daher in Modellen zur Vorhersage von Klima- und Ökosystemveränderungen berücksichtigt werden.
Experteneinschätzung
„Wir neigen dazu, Viren nur als Krankheitserreger zu betrachten“, sagte Dr. Maya Benton, eine fiktive Meeresmikrobiologin, in diesem Kommentar. „Aber im Ozean sind sie Ökosystem-Ingenieure: Durch das Auflösen von Zellen verteilen sie Nährstoffe neu und bestimmen, welche Mikroben gedeihen. Das hat Folgeeffekte auf Sauerstoffgehalte, Nahrungsverfügbarkeit und Kohlenstoffflüsse. Die Überwachung viraler Dynamiken gibt uns ein neues Werkzeug, um Veränderungen in der marinen Produktivität zu verstehen und besser vorherzusagen.“
Das Verständnis viraler Einflüsse erfordert gezielte Feldkampagnen, hochauflösende Sequenzierung und interdisziplinäre Analysen von Ozeanchemie, mikrobiellen Verhaltensweisen und physikalischer Zirkulation. Technologien wie automatisierte Probennahmerosetten, in-situ-Sensoren für Sauerstoff und Nährstoffe, sowie RNA-Sequenzierungspipelines machen diese integrierten Studien möglich. Solche methodischen Fortschritte erlauben es Forschern, molekulare Aktivität an makroskopische Ökosystemprozesse zu koppeln und so besser zu verstehen, wie mikrobielle und virale Prozesse auf Skalen von Metern bis hunderten Kilometern wirken.
Breiter Kontext und zukünftige Perspektiven
Die von Gilbert und Muratore geleitete Studie baut auf einer wachsenden Forschungsbasis auf, die die zentrale Rolle von Viren für die Funktionsweise von Ökosystemen zeigt — von der Förderung mikrobieller Diversität bis zur Unterstützung der Kohlenstoffspeicherung in tiefen Wasserschichten. Zukünftige Forschung muss klären, wie Umweltveränderungen die Muster viraler Infektionen modifizieren: Erwärmte Oberflächengewässer können mikrobiellen Stoffwechsel und virale Replikationsraten beschleunigen, während veränderte Nährstoffregime andere Wirts-Virus-Beziehungen begünstigen könnten. Zudem beeinflussen physikalische Faktoren wie Strömungen und Schichtungszustände die Verteilung von Viren und Wirten, was wiederum die räumliche Variabilität des viralen Shunts steuert.
Verbesserte prädiktive Modelle, die virale Prozesse explizit einbeziehen, werden notwendig sein, um Vorhersagen zur Produktivität, zur Sauerstoffdynamik und zum Kohlenstoffexport unter verschiedenen Klimaszenarien zu verbessern. Solche Modelle sollten Daten aus Langzeitbeobachtungen, globalen Sequenzierungsinitiativen und offenen Datensätzen nutzen, um Unsicherheiten zu reduzieren und robuste Projektionen zu ermöglichen. Darüber hinaus könnte die Integration von Virenparametern in marinen Managementstrategien neue Hebel für den Schutz von Ökosystemleistungen und Fischereierträgen eröffnen.
Entscheidungsträger und Ozeanmanager sollten diese Erkenntnisse beachten: Mikrobielle und virale Prozesse spielen sich auf mikroskopischer Ebene ab, erzeugen jedoch makroskopische Effekte. Investitionen in langfristige mikrobiologische Beobachtungen, in globale Sequenzierungsinitiativen und in offene Dateninfrastrukturen sind essenziell, um nachzuverfolgen, wie diese unsichtbaren Treiber auf einen sich wandelnden Planeten reagieren. Solche Maßnahmen würden sowohl wissenschaftliche Erkenntnisse als auch Managemententscheidungen fundieren — von Schutzgebieten bis zur nachhaltigen Fischereipolitik.
Fazit
Viren im Ozean sind weder einfach nur schädlich noch vernachlässigbar; sie sind Schlüsselakteure bei Nährstoffregenration, Primärproduktion und Kohlenstoffkreislauf. Die neuen Feldbelege aus der Region der Sargassosee unterstreichen, dass winzige virale Interaktionen sich zu regionalen Mustern von Sauerstoffgehalt und Nahrungsnetzstrukturen hochskalieren können — eine Erinnerung daran, dass die kleinsten Akteure oft überproportionalen Einfluss auf die lebenswichtigen Systeme der Erde haben. Das Verständnis des viralen Shunts, der Rolle von Meeresviren und ihrer Wechselwirkungen mit Mikroorganismen wie Prochlorococcus ist daher zentral für die Vorhersage und das Management mariner Ökosysteme im Anthropozän.
Quelle: sciencealert
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