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Weltweit sind Krebsfälle und Krebstodesfälle in den vergangenen Jahrzehnten deutlich angestiegen. Ursächlich dafür sind weniger neue biologische Erkenntnisse als demografische Veränderungen, ungleicher Zugang zur Gesundheitsversorgung und anhaltende Exposition gegenüber vermeidbaren Risiken. Eine umfassende Analyse, veröffentlicht in The Lancet von den Global Burden of Disease (GBD) Study Cancer Collaborators, warnt davor, dass die Welt ohne gezielte Maßnahmen bis zur Mitte des Jahrhunderts mit einer erheblich höheren Krebslast rechnen muss.
Was die neuen globalen Schätzungen offenbaren
Das GBD-Team nutzte bevölkerungsbasierte Krebsregister, nationale Sterberegister und Daten aus verbalen Autopsien, um Krebszahlen für 204 Länder und Gebiete von 1990 bis 2023 zu aktualisieren und die Trends bis 2050 zu projizieren. Die Kernaussagen sind deutlich: 2023 gab es schätzungsweise rund 18,5 Millionen neue Krebsdiagnosen (ohne Nicht-Melanom-Hautkrebs) und etwa 10,4 Millionen Krebstodesfälle. Setzen sich die gegenwärtigen Trends fort, wird bis 2050 mit ungefähr 30,5 Millionen Neuerkrankungen und 18,6 Millionen Todesfällen pro Jahr gerechnet.
Auf den ersten Blick erscheint das wie ein einfacher Anstieg der Erkrankungszahlen. Das Bild ist jedoch komplexer: Altersstandardisierte Inzidenz- und Mortalitätsraten weltweit — Kennzahlen, die Änderungen in Bevölkerungsgröße und Altersstruktur korrigieren — werden voraussichtlich nicht steigen. Vielmehr beruht der Großteil des Zuwachses auf Bevölkerungswachstum und der zunehmenden Zahl älterer Menschen. Anders ausgedrückt: Mehr Menschen insgesamt und eine wachsende ältere Bevölkerungsgruppe führen zu mehr Krebsfällen, selbst wenn das individuelle Risiko stabil bleibt.
Ungleicher Fortschritt: Wer trägt die Hauptlast?
Durchschnittliche globale Verbesserungen verdecken tiefe geografische und ökonomische Disparitäten. Zwischen 1990 und 2023 sanken die altersstandardisierten Krebstodesraten insgesamt um 24 %. Die erzielten Erfolge konzentrierten sich jedoch vor allem in Ländern mit hohem und oberem mittlerem Einkommen, die über größere Ressourcen für Prävention, Screening, frühzeitige Diagnostik und fortgeschrittene Behandlung verfügen.

Im Gegensatz dazu stieg die altersstandardisierte Inzidenz in den einkommensschwächsten Ländern: In Niedrigeinkommensländern nahm die altersstandardisierte Inzidenz um 24 % zu, in Ländern mit unterem mittleren Einkommen um 29 % über denselben Zeitraum. Dieser schnellere Anstieg in ärmeren Regionen führt zu mehr Fällen in Umgebungen mit weniger diagnostischen Diensten, eingeschränkter onkologischer Personalkapazität und begrenzten Behandlungsoptionen, was die Überlebenschancen der Patientinnen und Patienten verringert.
Zwischen Ländern gibt es zudem starke Unterschiede: Der Libanon verzeichnete prozentual den größten Anstieg der altersstandardisierten Inzidenz und Mortalität für beide Geschlechter seit 1990, während die Vereinigten Arabischen Emirate den größten Rückgang der altersstandardisierten Inzidenz berichteten. Kasachstan zeigte die stärkste Reduktion der altersstandardisierten Sterberaten. Solche Verschiebungen spiegeln veränderte Exposition gegenüber Risikofaktoren, Investitionen in Gesundheitssysteme und unterschiedliche öffentliche Gesundheitsstrategien wider.
Veränderbare Risikofaktoren
Die GBD-Analyse unterstreicht, dass ein erheblicher Anteil der Krebstodesfälle mit modifizierbaren Expositionen verknüpft ist. Für 2023 wird geschätzt, dass etwa 42 % aller Krebstodesfälle — rund 4,3 Millionen der 10,4 Millionen Todesfälle — auf 44 potenziell veränderbare Risikofaktoren zurückzuführen sind. Diese Erkenntnis ordnet Krebs nicht nur als klinisches Problem ein, sondern betont seine Bedeutung als vermeidbare Herausforderung der öffentlichen Gesundheit.
Wichtigste Verhaltens- und Umweltfaktoren
- Tabakkonsum: verantwortlich für etwa 21 % der weltweiten Krebstodesfälle und der führende Risikofaktor in den meisten Einkommensgruppen.
- Ungesunde Ernährung, hoher Alkoholkonsum, Adipositas und hoher Blutzucker: gemeinsam bedeutende Treiber für krebsarten, die mit metabolischen und lebensstilbedingten Faktoren zusammenhängen.
- Berufliche Expositionen und Feinstaub/Außenluftverschmutzung: wichtige Faktoren in bestimmten Regionen und Industriezweigen.
- Unsichere Sexualpraktiken: insbesondere das führende zuordenbare Risiko in Niedrigeinkommensländern, verknüpft mit durch Infektionen verursachten Krebserkrankungen (z. B. HPV).
Männer hatten einen höheren Anteil an Krebstodesfällen, die mit modifizierbaren Risiken verbunden sind (etwa 46 %) als Frauen (36 %), was den höheren Tabakkonsum und stärkere berufliche Expositionen bei Männern in vielen Regionen widerspiegelt. Bei Frauen waren Tabak, unsichere Sexualpraktiken, ungesunde Ernährung, Adipositas und hoher Blutzucker dominierende Beiträge.
Diese Muster weisen auf klare Präventionsmöglichkeiten hin: Tabakkontrolle, Impfprogramme gegen onkogene Infektionen (zum Beispiel HPV), Verbesserungen der Ernährungs- und Stoffwechselgesundheit, Maßnahmen zur Reduktion schädlichen Alkoholkonsums sowie saubere Luftpolitik können künftige Krebsfälle und -todesfälle deutlich vermindern, wenn sie in größerem Maßstab wirksam umgesetzt werden. Solche Maßnahmen sind Teil der Krebsprävention und der Gesundheitsförderung und tragen zur Senkung von Inzidenz und Mortalität bei.
Politische Lücken und der Appell für gerechte Krebsbekämpfung
Leitende Studienautorin Dr. Lisa Force vom Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) betont, dass Krebsbekämpfung in der globalen Gesundheitsfinanzierung und -politik nach wie vor unterpriorisiert ist. "Gerechte Krebsergebnisse weltweit zu sichern, erfordert größere Anstrengungen, um Unterschiede in der Bereitstellung von Gesundheitsdienstleistungen zu verringern, etwa beim Zugang zu präzisen und zeitnahen Diagnosen sowie zu qualitativ hochwertiger Behandlung und unterstützender Versorgung", sagte sie. Solche Aussagen unterstreichen die Bedeutung von Gesundheitssystemstärkung und der Integration onkologischer Versorgung in nationale Strategien.
Co-Autor Dr. Theo Vos ergänzt, dass bevölkerungsweite Strategien und individuelle klinische Versorgung Hand in Hand gehen müssen: "Da vier von zehn Krebstodesfällen mit etablierten Risikofaktoren verknüpft sind, bestehen enorme Möglichkeiten für Länder, diese Risiken gezielt anzugehen — mit dem Potenzial, Krebsfälle zu verhindern und Leben zu retten — parallel zur Verbesserung von genauer und frühzeitiger Diagnostik sowie Behandlung." Diese Verknüpfung zwischen Prävention, Früherkennung und Therapie ist zentral für effektive nationale Krebspläne.
Die Expertinnen und Experten der Analyse heben hervor, dass Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen (LMICs) die am schnellsten wachsende Belastung tragen und daher dringend kontextgerechte Investitionen benötigen — von der Ausweitung von Impfungen und Screeningprogrammen bis hin zur Stärkung von Pathologie-, Radiologie-, chirurgischer Onkologie- und Palliativversorgungssystemen. Dr. Meghnath Dhimal vom Nepal Health Research Council warnte: "Der Anstieg von Krebs in LMICs ist eine drohende Katastrophe. Kostenwirksame Interventionen stehen für alle Settings zur Verfügung, aber es bedarf dringend interdisziplinärer Evidenz und multisektorieller Koordination, um sie umzusetzen." Diese Mahnung betont, dass Investitionen in Gesundheitssysteme und die Ausbildung von Fachpersonal globale Priorität haben müssen.
Daten, Einschränkungen und was die Zahlen nicht erfassen
Die GBD-Projektionen beruhen auf den besten verfügbaren Daten, aber wichtige Lücken bleiben bestehen. Viele Länder mit geringen Ressourcen verfügen über unvollständige Krebsregister und Sterbestatistiken, sodass Forschende auf Modellierung und verbale Autopsien angewiesen sind. Dies kann Unsicherheiten in den Schätzungen vergrößern, insbesondere in Regionen mit begrenzter Datendeckung. Zudem erfasste die Studie nicht vollständig mehrere infektiöse Erreger, die kausal mit Krebs verbunden sind (zum Beispiel Helicobacter pylori und Schistosoma haematobium), was wahrscheinlich zu einer Unterschätzung der krebserzeugenden Wirkung infektiöser Risiken in einigen Regionen führt.
Weiterhin berücksichtigen die aktuellen Schätzungen nicht umfassend die langfristigen Folgen großer jüngerer Störungen wie der COVID-19-Pandemie oder regionaler Konflikte, welche Screening-Programme reduziert und Diagnosen verzögert haben könnten. Umgekehrt gehen die Projektionen nicht von bedeutenden künftigen Durchbrüchen in der Krebsprävention oder -therapie aus, die den Verlauf verändern könnten — ein optimistisches Szenario, das, wenn es eintritt, die Aussichten deutlich verbessern würde. In der Praxis ist deshalb sowohl Vorsicht im Umgang mit Prognosen als auch eine adaptive Politikgestaltung wichtig.
Zudem ist die Datentransparenz und Harmonisierung zwischen Krebsregistern, Labors und klinischen Aufzeichnungen entscheidend, um die Qualität von Surveillance und Forschung zu steigern. Investitionen in elektronische Gesundheitsakten, standardisierte Kodierungen (z. B. ICD-Codierung) und fortlaufende Trainingseinheiten für Erhebende können die Datengrundlage nachhaltig stärken.
Auswirkungen auf globale Gesundheitsziele und Investitionen
Der projizierte Anstieg der absoluten Krebszahlen gefährdet Fortschritte hinsichtlich des von den Vereinten Nationen formulierten Ziels für nachhaltige Entwicklung (SDG), die vorzeitigen Todesfälle durch nichtübertragbare Krankheiten bis 2030 um ein Drittel zu reduzieren. Wenn die Krebstodesfälle wie prognostiziert zunehmen, wird das Erreichen dieses SDG-Ziels besonders in LMICs deutlich schwieriger.
Um den Kurs zu ändern, müssen Politikmacherinnen und Geldgeber prioritär handeln und folgende Maßnahmen stärken:
- Stärkung der Krebsüberwachung, einschließlich bevölkerungsbasierter Register und Systeme für Sterbestatistiken;
- Skalierung der Primärpräventionsmaßnahmen (Tabakkontrolle, Impfprogramme, Alkoholpolitik, gesunde Ernährung und Luftqualitätsverbesserungen);
- Verbesserung der Früherkennung und diagnostischen Kapazitäten, damit Behandlungen schnell beginnen können;
- Erweiterung des gerechten Zugangs zu hochwertiger Behandlung sowie unterstützender und palliativmedizinischer Versorgung in allen Ressourcensettings.
Investitionen sollten evidenzbasiert, nachhaltig und auf nationale Prioritäten abgestimmt sein. Public-Private-Partnerships, internationale Förderprogramme und die Einbindung zivilgesellschaftlicher Organisationen können hierbei wichtige Rollen spielen, insbesondere bei der Skalierung kosteneffizienter Präventions- und Versorgungsmaßnahmen.
Expertinnen- und Experteneinschätzung
„Zahlen erzählen einen Teil der Geschichte, aber gelebte Erfahrungen füllen die Lücken“, sagt Dr. Amanda Reyes, eine globale Onkologin mit zwei Jahrzehnten Erfahrung vor Ort. „In vielen Gemeinden, in denen ich gearbeitet habe, kommen Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung in die Kliniken, schlicht weil diagnostische Angebote fehlen. Die Stärkung der Primärversorgung, die Schulung lokaler Klinikärztinnen und -ärzte in Früherkennung sowie Investitionen in kostengünstige Screenings können jetzt Leben retten, während langfristige Systemverbesserungen geplant werden.“
Dr. Reyes betont, dass Prävention und Versorgung sich ergänzen: „Die Reduktion des Tabakkonsums und eine bessere Impfabdeckung verringern zukünftige Fälle, aber Menschen, die heute mit Krebs leben, brauchen rechtzeitige, bezahlbare Versorgung. Dieser Doppelkurs — Prävention plus Ausbau der Behandlungskapazitäten — ist die einzige Möglichkeit, die Prognosen nachhaltig abzuflachen.“
Blick nach vorn: Forschung, Technologie und Perspektiven
Die GBD-Ergebnisse zeigen zugleich Chancen auf, wo Wissenschaft und Technologie unterstützen können. Bessere Point-of-Care-Diagnostik, digitale Pathologie, Telemedizin und kostengünstige Screeninginstrumente können die Reichweite onkologischer Dienste in unterversorgte Gebiete erweitern. Investitionen in die Implementierungsforschung sind ebenso wichtig, um bewährte Interventionen an lokale Kontexte anzupassen und ihre Wirksamkeit sowie Skalierbarkeit zu prüfen.
Schließlich ist die Studie ein Aufruf zum Handeln: Viele Krebserkrankungen sind mit Risiken verbunden, die wir bereits zu reduzieren wissen. Die Kombination aus bevölkerungsweiten Präventionspolitiken und strategischen Investitionen in Diagnose, Behandlung und Palliativversorgung — insbesondere zielgerichtet auf Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen — würde Millionen Menschen schützen, während die Weltbevölkerung wächst und altert. Nur durch koordinierte, evidenzbasierte Maßnahmen lassen sich die prognostizierten Lasten verringern und gerechtere Gesundheitsergebnisse erzielen.
Quelle: scitechdaily
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